Erst einmal eine kurze Vorbemerkung zu der Trilogie Die drei Leben der Anna Marx"
Es geschah an einem heißen Sonntag im Dezember. Die Sonne ging in afrikanischer Schönheit unter und malte den Himmel Botswanas rot. Eis klirrte in Gläsern, denn jeder vernünftige Trinker erhob erst jetzt sein erstes Glas, um die Kühle der Nacht zu begrüßen. An jenem Sonntag sprengten die Gespräche die üblichen Dimensionen von Klatsch, Golf und Politik. Eine Frau war ermordet worden, das erste weiße Opfer eines abscheulichen Verbrechens und schon ging das Gerücht vom bösen schwarzen Mann, von Vergewaltigung, Plünderung und Revolution. Waffen, scharfe Hunde und Alarmanlagen kamen ins Gespräch und Angst zog feine, tiefe Risse ins Bild der friedlichen, farblosen Gesellschaft.
Dies ist sinnbildlich die Geburtsstunde der Anna Marx, einer vierunddreißigjährigen Klatschjournalistin aus Bonn, jener kleinen Stadt am Rhein, die im Jahre 1984 noch die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist. Anna Marx fährt auf Anordnung ihres Chefredakteurs nach Afrika, um den Mord an einer deutschen Expertenfrau zu recherchieren. Weiße sterben selten in Samyana" heißt das erste Buch Christine Grän, in welchem Anna Marx zum ersten Mal in Erscheinung tritt.
Anna Marx ist groß und üppig, rothaarig und grünäugig, eine Rubensgestalt, gemalt aus vielen Lastern und einer Lebensgier, die sich im Kleinen nimmt, was sie im Großen nicht findet. Rauchen, Essen und Trinken gehören dazu und natürlich Männer. Anna ist ein Single mit Eheproblemen, denn die Männer mit denen sie sich einlässt sind zumeist verheiratet, schwul, oder gar impotent. Anna weiß genau, dass sie diesen Männern entsagen sollte, genauso wie den nächtlichen Ausflügen zum Kühlschrank. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert und so neigt die Marx zu Ausflügen in Weltschmerz, die bisweilen in Gelächter enden. Sie hat Humor und wie käme sie in all ihrer Unvollkommenheit ohne ihn aus? Politische Korrektheit ist ihr fremd, ihre Sprache ist klar bis vulgär und sie verabscheut jene politische Rhetorik Bonns. Annas Herz schlägt irgendwo links, doch für politisches Engagement ist sie zu träge. Sie ist eine unmoralische Moralistin, zynisch manchmal, doch unbeirrt in ihren seltsamen Wegen, die von vielen Niederlagen und wenig Erfolgen begleitet sind. Die Marx ist neugierig, wohl ihre beste Eignung zur Hobbydetektivin, neugierig und stets auf der Suche nach der Wahrheit, die oft nur die kleine, hässliche Schwester der Lüge ist. Sie hasst Sport in jeglicher Form und neigt zu teuflischen Mordplänen, wenn ein Liebhaber sie verlässt. Für eine Portion Nudeln mit weißen Trüffeln würde sie den unsterblichen Ruhm hingeben. Sie ist eine Frau ohne Ehrgeiz, die vom Märchenprinzen träumt und doch jedes Mal wieder zur Flasche greift. So ist die Marx und so folgt sie den Spuren von Verbrechern und begreift die feinen Unterschiede zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen Opfern und Tätern, zwischen denen, die davonkommen und jenen, die gehängt werden. So wie der Gärtner in Botswana, der eine weiße Frau erschlug, später gefasst und verurteilt wurde und den Stoff für den ersten Anna-Marx-Thriller lieferte.
Nach ihrem afrikanischen Abenteuer und einem Ausflug auf die Philippinen tanzt Anna Marx wieder auf dem Bonner Parkett und begegnet der Macht, der Verstellung und wie es nun einmal für sie üblich ist, auch dem Verbrechen. Sie tanzt aus der Reihe, doch sie löst ihre Fälle, weil dies die Regeln des Kriminalromans gebieten.
Unwiderstehlich wie eh und je taucht Anna Marx nach 15 Jahren wieder aus der Versenkung auf, denn die ehemalige Klatschreporterin ist der Regierung und der Kriminalität nach Berlin gefolgt und schlägt sich dort als Privatdetektivin durch. Mord, Macht und Medien sind die Vorraussetzungen für die neuen Fälle der Anna Marx. Rothaarig, lasterhaft und vom Leben geschüttelt wie ein guter Wodka-Martini und immer noch mit einer Spezialität für untreue Ehemänner, geht sie widerwillig einem lukrativen Auftrag nach, um den drohenden 50. Geburtstag in sündhaft teuren italienischen Schuhen verbringen zu können.
Band 1: Grenzfälle
Zum Inhalt:
Als Anna Marx diese kurze Zeitungsmeldung liest, ist sie wie elektrisierte. Ihre sogenannte Morgenmüdigkeit und der ganze Arbeitsfrust sind plötzlich verflogen. Susanne Sawitzki ist doch genau der Name gewesen, den dieser geschwätzige Typ in der Leipziger Postkutsche so beiläufig erwähnt hatte. Nun ist diese Susanne Sawitzki tot und obwohl die ermittelnde Polizei vermutet, dass es sich hierbei allem Anschein nach um einen klassischen Selbstmord handelt, klingeln bei Anna Marx sofort sämtliche Alarmglocken, denn seitdem dieser Name auf ihrer Reise durch die neuen Bundesländer gefallen ist, hat sich ihr Geliebter Philipp Handke total verändert. Der sonst so selbstbewusste und redegewandte Politiker schien plötzlich höchst verunsichert zu sein und wirkte auch geistig geradezu abwesend. So hatte Anna Marx ihren Philipp, den coolen Politiker, mit der schneidenden Ironie, dem im Laufe seiner Bonner Karriere sicherlich schon so mancher Skandal und auch die ein, oder andere Politpannen untergekommen sind, der smart die politischen Wogen abgeritten ist und immer die richtigen Fäden in der Hand hielt, während er selbst dabei stets im Hintergrund blieb, noch nie erlebt. Anna Marx wäre auch nicht Anna, wenn sie nicht versuchen würde, der Geschichte auf den Grund zu gehen, ohne zu ahnen, dass sie sich dabei in ein sehr gefährliches Fahrwasser begab und zwar ohne jeglichen Rettungsring.
Mein Fazit:
Brisante Stasi- Akten, sowie die dazugehörigen ehemaligen Mitarbeiter jenes verhassten Ministeriums für Staatssicherheit, ein aalglatter, rücksichtsloser und extrem gieriger Geschäftsmann, ein verunsicherter und somit auch erpressbarer Politiker, eine Tote mit einer hochbrisanten Vergangenheit und natürlich die unverwüstliche Hobbydetektivin Anna Marx bilden den Rahmen für diesen Roman von Christine Grän. Im Gegensatz zu den anderen vier Büchern (Weiße sterben selten in Samyana", Nur eine hässliche Sünde", Ein Brand ist schnell gelegt" und Dead is Beautiful"), ist dies ein durchaus gelungener Kriminalroman, mit einem recht spannenden Hintergrund. Während ich bei den ersten vier Büchern ziemlich viel zu kritisieren hatte und meine Beurteilung daher auch nicht sonderlich gut ausfiel, war dieser Roman dann doch von einem ganz anderen Kaliber. Spannend geschrieben, mit einer tollen Geschichte, die von Anfang bis Ende durchdacht war und dieses Mal auch einer brillanten Anna Marx, war ich von diesem Buch wirklich gefesselt. Selbst das Ende, in den bisherigen Büchern von Christine Grän leider immer etwas zu oberflächlich und vorhersehbar, hat mich dieses Mal wirklich überrascht (ich will an dieser Stelle aber nicht zu viel verraten) und daher vergebe ich auch gern vier von möglichen fünf Sternen.
Band 2: Marx ist tot
Zum Inhalt:
Anna Marx ist deprimiert, weil ihr Freund Philipp Handke, mit dem sie jahrelang eine Affäre hatte, sie nach einfach so verlassen hat und versinkt total in Selbstmitleid. Bei einem Klassentreffen, welches sie aus lauter Verzweiflung besucht, um sich von ihren privaten Problemen abzulenken, sieht sie ihre alte Schulfreundin Sybille Blank wieder und verabredet sich mit ihr. Doch Sybille hält die Verabredung nicht ein, denn sie ist spurlos verschwunden und so stellt Anna mal wieder ihre ganz eigenen Nachforschungen an. Sie trifft dabei unweigerlich auch auf Sybilles Mann, einen Ministerialrat, der von dem Waffenhändler Kolofsky wegen Aufträge in der Rüstungsindustrie bedrängt wird. All das macht Anna Marx neugierig, erst recht als sie feststellt, dass die Familienverhältnisse bei weitem nicht so harmonisch sind, wie sie Hubert Blank darstellt. Als Anna Marx schließlich erfährt, dass es bei dem Beschaffungsvorgang für Kampfflugzeuge, den Hubert Blank als Fachmann wesentlich beeinflussen kann, offenbar auch Korruption bis in höchste Kreise gibt, ist sie sich dann auch ziemlich sicher, dass ihre alte Schulfreundin keine Reise in die Toskana angetreten hat, sondern längst nicht mehr unter den Lebenden weilt und natürlich stößt sie bei ihren Recherchen mal wieder in ein sprichwörtliches Wespennest.
Mein Fazit:
Leider ist dieses Buch verglichen mit dem ersten Roman Grenzfälle", dieser Trilogie Die drei Leben der Anna Marx", wieder bedeutend schwächer, obwohl man von der Handlung her durchaus mehr hätte erwarten können. Ein Lobbyrist und Waffenhändler, ein ehrgeiziger und bestechlicher Ministerialrat, eine verschwundene und vom Leben enttäuschte Ehefrau, ein heimlicher und kurz darauf toter Liebhaber, eine undurchsichtige, philippinische Hausangestellte, einen noch undurchsichtiger Sohn und natürlich unsere Hobbydetektiv alla Miss Marple Anna Marx sind ja auch grundsätzlich sehr interessante Eckpunkte einer spannenden Kriminalgeschichte.
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