Meine Rezension erschienen in der Zeitschrift Skeptiker - Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken Heft 4/2002
Ende des 15. Jahrhunderts glaubten viele Menschen in Europa, dass Hexen mit ihren dämonischen Kräften Krankheiten verursachen können. Zur gleichen Zeit wurden wissenschaftliche Erkenntnisse verworfen und ihre Anhänger verfolgt, wenn sie den Auffassungen der Kirche widersprachen. Aus heutiger Sicht können wir über solche Vorstellungen nur lächeln, doch jede Epoche hat ihre
eigenen Mythen und Tabus, ihren eigenen intellektuellen Zaun, an dem nicht gerüttelt wird. Diese Begrenzungen betreffen nicht nur Vorstellungen in der allgemeinen Öffentlichkeit, sondern beeinflussen auch die Arbeitenvon Wissenschaftlern und deren Methoden. Jerome Kagan, Professor und Entwicklungspsychologe an der Harvard University, geht in seinem Buch drei solcher Überzeugungen der Gegenwart auf den Grund. Diese Three seductive ideas, wie der englische Titel lautet, können einer kritischen Überprüfung
nicht standhalten und haben dennoch einen mehr oder weniger großen
Einfluss.
Der erste Irrtum besteht in dem Glauben, dass die meisten psychischen Prozesse beliebig verallgemeinert werden können. Kagan zufolge meinen viele, es sei nicht sonderlich wichtig, den untersuchten Forschungsgegenstand sei es Ratte, Affe oder Mensch zu spezifizieren oder das Umfeld zu berücksichtigen, in dem das Subjekt handelt
sei es Labor, natürlicher Lebensraum, Arbeitsplatz oder Zuhause (S. 7). Begriffe wie Kommunikation, Angst oder Lernen seien demnach Konstrukte, die keine präzisen Informationen über das handelnde Subjekt geben. Sie sind zu allgemein, um wirklich aussagefähig zu sein. Als Analogie sei auf den
Begriff Krankheit verwiesen, der für sich allein genommen kaum eine differenzierte Aussage ermöglicht. Kagan behandelt vier psychologische Begriffe: Angst, Bewusstsein, Intelligenz und Temperament. Hinter
diesen Begriffen verbirgt sich jeweils eine ganze Klasse von Phänomenen, die aufgrund ihrer höchst unterschiedlichen Qualitäten ihre Besonderheiten verlieren, wenn sie durch die Ungenauigkeit der Sprache zusammengefasst
werden. Als zweiten Grundirrtum behandelt Kagan die weit verbreitete Annahme, dass bestimmte Erfahrungen in den ersten zwei Lebensjahren
für immer bewahrt bleiben bzw. einen sehr dominanten Einfluss auf die Persönlichkeit eines Kindes haben. Da wird Müttern ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie früh in den Beruf zurückkehren, wenn sie mit ihrem Kind schimpfen oder wenn die Umweltbedingungen nicht optimal sind. Selbstverständlich haben Erfahrungen in früher Kindheit einen Einfluss auf die spätere Entwicklung. Doch die Überschätzung der Mutter-Kind-Bindung und die These des Kindheits-Determinismus sind in der oben genannten Form nicht haltbar. Beispielsweise erreichen sozial-emotionale Persönlichkeitseigenschaften ihre Stabilität erst im höheren Erwachsenenalter. Langzeitstudien mit Kindern hätten klar gezeigt, dass
das Persönlichkeitsprofil und die Charakterzüge eines 2-Jährigen nicht geeignet sind eine zuverlässige Prognose über zukünftige Persönlichkeitsmerkmale abzugeben. Kagan weist auch darauf hin, dass das Gehirn oder genauer die Frontallappen, in denen Informationen
ausgewertet werden, in den ersten zwei Jahren noch wachsen, sich also entwickeln. Dazu schreibt er: Emotionale Erfahrungen werden noch nicht voll realisiert und viele frühere Erinnerungen können verloren gehen (S. 162). Er betont weiter, dass es im Leben eines Kindes viel wichtigere Einflussfaktoren gibt. Beispielsweise hat die Geburtsreihenfolge einen mehr oder weniger großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung.Der US-Psychologe Frank Sulloway hat beeindruckendes Belegmaterial gesammelt (1997, Der Rebell der Familie). Verkürzt dargestellt, sagt dieses, dass Erstgeborene eine wohlwollendere Haltung zur Autorität haben, während Spätergeborene eher rebellischer Natur sind. Doch Zweijährige sind kognitiv noch gar nicht in der Lage solche Konstellationen zu erfassen. Kagan schreibt dazu: Die wichtigen psychologischen Konsequenzen der Geburtsreihenfolge müssen warten, bis die Kinder in der Lage sind, ihre Beziehung zu einem Bruder oder einer Schwester einzuschätzen und über die
verschiedene Haltung der Eltern zu jedem einzelnen Mitglied der Familie nachzugrübeln (S. 186). Doch auch die Identifikation mit einer ethnischen oder sozialen Gruppe sowie die jeweils historische Ära haben einen
viel stärkeren Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit als Erlebnisse in den ersten Lebensjahren. Kagan geht aber auch der Frage nach, warum sich der Mythos so eisern hält. Er nennt zunächst die Empfindung
der Stimmigkeit. Durch diese Vorstellung wird teilweise auch die Last der Verantwortung für die Lebenschancen Unterprivilegierter weg von der Gesellschaft genommen und auf den Einzelnen abgewälzt. Dieser
Mythos ist aber auch deshalb für Eltern sehr verführerisch, weil er sie in dem Glauben wiegt, ihre Bemühungen sicherten dem Kind eine gute Zukunft. Auch der Glaube an die These, dass die Veränderungen im Gehirn
durch frühkindliche Erfahrungen später nicht mehr verschwinden, wirkt auf viele plausibel. Als letztes weist er noch auf die generelle Schwierigkeit für Erwachsene hin, sich vorzustellen, wie ältere Kinder gemachte
Erfahrungen interpretieren. All dies bedeutet, dass die Erlebnisse in den ersten Jahren ein Kind auf den Weg bringen, doch der Weg des Lebens hat zahlreiche Abzweigungen und Kreuzungen. Im dritten Kapitel wird
die Idee behandelt, dass der Mensch sich primär an dem Lustprinzip orientiert, also versucht seine Befriedigung zu maximieren,
wie es beispielsweise das Menschenbild der Ökonomen (homo oeconomicus) impliziert. Menschen tendieren jedoch dazu, verschiedene Arten von negativen Gefühlen (Traurigkeit, Scham, Schuld) zu vermeiden, anstatt
auf die Maximierung des Nutzens durch das Glücksgefühl beim Erreichen eines bestimmten Wunschziels (Reichtum, Macht, sexuelle Befriedigung) aus zu sein. Menschen sind demnach tendenziell risikoscheu. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass dieses Vermeidungsverhalten von Schuld oder Scham einen Grundbeitrag leistet, auf der die menschliche Moral basiert. Aus diesem Buch ergeben sich weitreichende Folgen für die Sozialwissenschaften,die nach Kagan noch in den Kinderschuhen stecken. Diese sollten nach Kagan grundlegend andere Methoden entwickeln, um ähnliche Erkenntnisfortschritte zu ermöglichen, wie es in der Biologie, Chemie oder Physik längst üblich ist. Dieses Buch sei jedem empfohlen, der fernab verkrusteter Ideologien
einen provozierenden Lesestoff bevorzugt.