Das historische Buch
In den Serpentinen des Ständestaates
Die Grossglocknerstrasse als österreichischer Nationalmythos
Georg Rigele, Wiener Geschichtswissenschafter mit kulturwissenschaftlicher Schlagseite, ist in den letzten Jahren zu so etwas wie einem Historiker der österreichischen Strassenbauprojekte der Zwischenkriegszeit geworden. Aus seiner 1992 abgeschlossenen Dissertation über die Grossglockner-Hochalpenstrasse und die Wiener Höhenstrasse ging bereits ein 1993 erschienener Band über «Die Wiener Höhenstrasse, Autos, Landschaft und Politik in den dreissiger Jahren» hervor. Das nun vorliegende Buch vertieft die Vorarbeiten über die Grossglockner-Hochalpenstrasse, bringt zahlreiche neue Quellen und auch neue Perspektiven, wie sie angesichts der Debatten über Landschaft, Identität, Technik (um nur drei Schlagworte zu nennen) entwickelt werden konnten.
Angenehm unaufgeregt
Rigele zählt nicht zu den Historikern, die ihre Geschichten mit raschen Befunden darzubieten suchen, er entwickelt seine Deutungen vorsichtig und erst in allmählicher Sichtung (oft selbst des noch so nebensächlich erscheinenden Details). Was Theoretisches anlangt, gibt er sich weitgehend bedeckt. Das macht das Buch zu einem angenehm unaufgeregten Bericht, allerdings um den Preis, dass die Erzählung mitunter erst die Fragestellung freigibt und die grossen Zusammenhänge in der ungeheuren Fülle des Materials nur mit einiger Mühe sichtbar werden. Das Los des Lesers ist ein wenig jenes des geführten Bergsteigers, der sich dem Kundigen anvertraut, aber nicht recht weiss, wohin die Tour geht, dafür aber über die Berge im Rings und über Bedeutsames und weniger Bedeutsames am Wegesrand um so ausführlicher unterrichtet wird.
Die Studie führt «in eine der brüchigsten Verwerfungszonen der österreichischen Geschichte», und dementsprechend wenig geradlinig ist die Handlung in der Nacherzählung. Argumentativ standen beim Bau der Grossglockner-Hochalpenstrasse die Schlagworte Alpenüberquerung, Arbeitsbeschaffung und Tourismus im Mittelpunkt, wobei die Rangfolge der Argumente im Zuge der Projekt- und Bauphasen jeweils variierte. Als Alpenstrasse sollte sie einerseits modernstes Bauwerk und grossartigstes Erlebnis, andererseits Ersatz für die «verlorene» Dolomitenstrasse und die hart an den Ortler heranführende Stilfserjochstrasse sein. Der Glockner war nunmehr Österreichs höchster Berg, seine Umgebung zum wichtigsten Reservoir des nation building in der selbsterklärten Alpenrepublik geworden.
Symbolische Beschäftigungspolitik
Konkret knüpfte sie an die sogenannte Glocknerhausstrasse (Heiligenblut, 1286 m Glocknerhaus, 2123 m) der Sektion Klagenfurt des «Deutschen und Österreichischen Alpenvereins» an, deren Bau 1893 angegangen wurde und die nach vielen Schwierigkeiten und Verbesserungen in den zwanziger Jahren auch als Vergnügungsstrasse für Automobilisten zu florieren begonnen hatte. Rigele widmet diesen Verbindungen zum «Vorgängerbau» breiten Raum. Dadurch wird der gänzlich neue Massstab des «industriellen Strassenbaus» (mit durchwegs handwerklich verfeinerten Oberflächen) sichtbar. Er zeigt das Tauziehen um Trassenführung und Finanzierung unter dem «Aspekt der Zerstörung der Demokratie und der Etablierung der Diktatur». In gekonnt erfassten Biographien der beiden wichtigsten Protagonisten und ersten Mythologen des Projektes, des Salzburger Landeshauptmanns Franz Rehrl als «Schöpfer» und des Ingenieurs Franz Wallack als «Erbauer», gelingt es Rigele beispielhaft, die Handelnden von Geschichte(n) erkennbar und die ästhetische und politische Praxis ihrer Milieus nachvollziehbar zu machen.
Auch die Darstellung des Übergangs der Grossglockner-Hochalpenstrasse in den Status eines öffentlichen Bauprojektes und nationalen Anliegens im «neuen Österreich» gelingt eindrucksvoll. Schlagworte hier wären die beiden Weltausstellungen 1935 und 1937 sowie die Visualisierung der Strasse zwischen dokumentarischer Photographie und Werbung. In einem mit «Sozialpolitik und Arbeitsbeschaffung» überschriebenen Kapitel gibt Rigele Einblicke in die Beschäftigungspraxis am Bau und zeigt deren propagandistische Überhöhung: «Die beschäftigungspolitische Wirksamkeit des Glocknerstrassenprojektes war durch seinen Charakter als singulären Saisonbau nie optimal, aber je mehr die Strasse zum Symbol des Wiederaufbaus des neuen Österreichs hochstilisiert wurde, desto kleiner schrumpfte ihre wahre Bedeutung als Arbeitsgelegenheit im gesamtwirtschaftlichen Kontext.»
Im Schatten der «Edelweissspitze»
Den touristischen und tourismuswirtschaftlichen Seiten dieses «leuchtendsten Sterns im Land der Aussichtsstrassen» sowie dem Thema Landschaftsbildung im Spannungsfeld von Naturschutz und Politik widmen sich weitere Kapitel. Hier geht es noch einmal ausführlich um die Inszenierung des Bauwerks, um die Debatte zwischen Aussicht oder Transit und die ästhetischen Grundlagen und Folgen der Entscheidung für die über etliche Panoramakilometer dahinziehende (und mitunter verspielt angelegte) Scheitelstrecke zwischen «Fuscher Törl» und «Hochtor». Deutlich wird die Anlage der Strasse in der Art eines Drehbuches mit Totale (Bau einer Stichstrasse zur einstmals unpoetisch «Leitenkopf» genannten nachmaligen «Edelweissspitze») und Grossaufnahme (Stichstrasse zur Franz-Josefs-Höhe mit Grossglockner- und Pasterzenangesicht). Deutlich wird aber auch, wie «Natur» zum Spielball der Politik wurde und wie etwa die Spannungen zwischen österreichischem Ständestaat und deutschnationalen (wenn nicht unverhohlen nationalsozialistischen) Alpenvereinsaktivisten und Naturwissenschaftern die Konturen verwischen lassen.
Die von Rigele ausführlich dargelegte Auseinandersetzung um ein Seilbahnprojekt ist zugleich ein eindrucksvolles Beispiel für die Schwierigkeiten, mit dem herkömmlichen Fortschrittsbegriff, mit Kategorien wie Natur und Technik oder auch «reaktionär» und «technokratisch» zu verfahren. Wie beweglich sich in der Tat solche festen Grössen verschieben lassen, wird in der Darstellung der politischen und alltagskulturellen Nachnutzung der Strasse sichtbar sowie in einem gelungen die Gesamterzählung kontinuierenden Schlussessay zur «Dynamik der Pasterzenlandschaft im 20. Jahrhundert».
Wer mit der Lektüre einmal hier angekommen ist, wird trotz mancher oben angeschnittener Durststrecke auf dem Weg beeindruckt sein: von der geradezu tüftlerischen Genauigkeit dieses Buches und vom Facettenreichtum einer im besten Sinne gewichtigen Monographie. Schade, dass die subjektive Note des biographischen Zugangs im ganzen Buch nie mehr so eindrucksvoll zum Einsatz kommt wie am linken Vorsatzblatt. Dort schimmert durch die Legenden zur Photo eines Wiener Ingenieurs, der als Technikstudent beim Bau der Glocknerstrasse beschäftigt war, für einmal die Poesie dichter Beschreibung. Von solcher Wegzehrung hätte man gerne mehr gehabt auf dem mühseligen Gang über die steilen Rampen, die künstlichen Schlenker und vor allem über die lange Scheitelstrecke.
Bernhard Tschofen