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21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Beschreibung einer kaputten Welt, 28. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Lust (Taschenbuch)
Elfriede Jelineks Buch "Lust" aus dem Jahr 1989 trägt interessanterweise - trotz 250 Seiten Umfang - nicht die Gattungsbezeichnung "Roman". Dies ist bezeichnend, denn es fehlt praktisch jegliche Handlung. Irgendwie geht es um Gerti sowie um den Direktor (ihren Ehemann), das Kind (ihren Sohn) und den Studenten Michael (ihren Liebhaber). Die Figuren sind völlig unpersönliche, blutleere Stereotypen: Gerti, die Frau, die sich ausnützen und unterdrücken lässt und dies nur betrunken erträgt. Der Direktor, der die ständig verfügbare Gerti nur sexuell benützen und seine Potenz ausleben will. Das verwöhnte Kind, ein Abbild des Vaters. Der Student, der idealisierte romantische Held, der sich auch lieber befriedigen lässt, statt Liebe zu geben, und schliesslich das Skifahren der Frau vorzieht. Da dem Buch klare Handlung und Figuren fehlen, erfordert das Lesen äusserste Konzentration, um den Gedankengängen der Autorin folgen zu können, was das Lesen sehr anstrengend und mühsam macht. "Lust" ist somit wirklich keine leichte Kost und wäre als Hörbuch sehr viel besser. Jelinek beschreibt gnadenlos und unbarmherzig eine völlig kaputte, gefühlskalte, sexuell aufgeladene Welt. Die heile Welt der österreichischen Alpen ist dabei alles andere als heil. Die alltäglichen Perversionen liegen ganz dicht unter der winterlichen Schneedecke. Infolgedessen beschreibt die Autorin, immer wieder in neuen Variationen wiederholend, sexuelle Handlungen und sexuelle Gewalt. Diese Beschreibungen, welche ideologische Verfremdungen von sexistischen Pornos darstellen, loten ständig die Grenzen des guten Geschmackes aus. Jelinek beweist mit "Lust" erneut ihre ungeheure Sprachgewalt. Für die Beschreibung von Sexualität gebraucht sie verschiedenste, fantasievolle und auch völlig ungewohnte Metaphern, welche den sarkastischen und zynischen Grundton des Buches erst richtig verstärken.
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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wahrheit oder Wahn?, 23. Januar 2005
Rezension bezieht sich auf: Lust (Taschenbuch)
Es gibt Autoren, die ihren Ruhm ihrer Misantrophie verdanken und deren Bücher verschlungen werden, weil es ihnen gelungen ist, den Gestus des gnadenlosen Niedermachens als höchste Seinsweise der kritischen Aufklärung zu deklarieren. Elfriede Jelinek hat gezeigt, dass man mit dergleichen Literatur bei entsprechend ausgerichteten Juroren sogar den Nobelpreis erhalten kann. Allerdings wird man ehrlicherweise hinzufügen müssen, dass bei Elfriede Jelinek die Misanthropie sich mit einer Sprachkraft verbündet, die turmhoch über allen Alltäglichkeiten des deutschsprachigen Literaturbetriebes angesiedelt ist. In „Lust" ihrem vielleicht bekanntesten Werk, weiß man nicht, ob man von der Sprache gefesselt oder angewidert sein soll - auf jeden Fall ziehen die zunächst recht sperrigen aber ungemein poetischen Sätze den Leser von Anfang in ihren Bann. Im Mittelpunkt des Buches steht der Direktor einer niederösterreichischen Papierfabrik, der seine Frau Gerti permanent vergewaltigt. Wann immer es dem Herrn Direktor gefällt, „stülpt er die Gerti über die Vordersitze, schlägt ihr das Kleid über den Kopf und bezwingt ihre Hinterbacken, so das er gleich über den grob unbefugten Damm in ihr Inneres eindringen kann. (...)Mit dem Gesicht zuerst wird die Frau in die Autopolster gepresst, als läge Schlummer in diesen Lederschatten verborgen. Die Beine hängen ihr rechts und links aus der offenen Türe heraus" - und so weiter und so weiter, und so weiter, bis man es fast nicht mehr lesen kann und doch gefesselt ist von der Sprachwucht mit der Jelinek diese Hölle in immer neuen, zum Teil kuriosen Wendungen beschreibt. Da fällt der Herr Direktor „krachend in das Geschlecht seiner Frau", „donnert sein D-Zug in ihren Tunnel", es werden „Schamlippen auf- und zugeklappt", am Kitzler gezurrt, gepisst und fäkaliert, dass niemandem empfohlen werden kann, dieses Buch im Umkreis einer Mahlzeit zu lesen. Gerti, gefangen in der Beschränktheit ihrer Welt, erduldet dieses Martyrium so gut sie nur kann, versucht vergeblich zu einem andern Mann zu flüchten, der sie auf das Widerlichste abweist („Unterhalb der Gürtellinie sind wir Männer alle gleich"), ehe sie ihren kleinen Sohn, einen ekelhaften Klon des Vaters, ermordet und in einen Fluss wirft. Diese Geschichte ist aber nur die Hauptstimme in einer Partitur, in der noch zahlreiche andere Motive anklingen - vor allem das Elend der Fabrikarbeiter und ihrer Familien, die sich abrackern müssen, damit der Herr Direktor jederzeit lustvoll und derb „sein Szepter schwingen" und seiner Frau „an die Ritze" gehen kann. Diese Arbeiter, Dörfler und Hintersassen „schauen verdattert in die Löcher ihrer Frauen, die das Leben gerissen hat, ja, sie erschauern, als wüssten sie schon: die Schachtel ist längst leer, die ihnen seit Jahren die Körnenr austreut." Nur eines haben der Direktor und seine Arbeiter gemeinsam: den Gestus einer habituellen Flucht in die Akrobatik der „Lust", die rein gar nichts mit Liebe zu tun hat sondern ein in ihrer Wiederholung nichts weiter ist als eine unendlich traurige Form des „Herumfuhrwerkens an den gegenseitigen Geschlechtsorganen". Ratlos und bewegt legt man dieses Buch schließlich aus der Hand, hat man doch in einen Abgrund blicken können, von dem man allerdings nicht recht weiß, ob er nur in Elfriede Jelineks Einbildung oder in der Wirklichkeit existiert.
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30 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Buch gegen den Chauvinismus, 28. Juni 2004
Rezension bezieht sich auf: Lust (Taschenbuch)
Dieses Buch hat eine interessante Konstellation, weshalb ich hier, sorry, etwas aushole... :-) Die bekannte Autorin Jelinek erzählt von dem feisten Fabrikdirektor Hermann, wie er immer wieder seine Frau Gerti durchnimmt. Es ist durchgehend sehr konkret, eigentlich pornografisch, und das Buch streift sexuelle Tabus, wenn z.B. der Natursekt fließt oder Gerti mal auf dem frisch gedeckten Mittagstisch genommen wird - und dabei teilweise im Essen liegt bzw. liegen muss.Was soll das nun bedeuten? Das Lesen ist zunächst mal nicht so einfach, da fast nur in Metaphern gesprochen und gedanklich oft gesprungen wird. Da steht Gerti am 'Abhang ihrer Tage', in der Fabrik 'schreien die Uhren', oder Hermann fährt 'seinen wilden Karren in den Dreck der Frau'. Es wimmelt von Aussagen, die sich, wenn man will, Satz für Satz interpretieren lassen. Das Buch ist ein Relikt der Frauenbewegung vom Ende der 80er, und Jelinek hat u.a. das Ziel, durch die extreme Überzeichnung des Pornografischen bis ins Unerträgliche den männlichen Chauvinismus bloßzustellen. Es wird keine Geschichte erzählt, sondern ein Zustand beschrieben. Hermann benutzt seine verhärmte Gerti wie ein Objekt. Er befriedigt sich, sie hält hin, und sie tut das, weil sie finanziell von ihm abhängig ist. Letztlich ist diese Ehe nur eine andere Form der Prostitution. Und der Produktion, denn Gertis Aufgabe ist auch die der 'Kinderproduktion'. Und damit sind wir bei der interessanten Parallele zu Hermanns Chemiefabrik im österreichischen Linz. Seine Arbeiter, ebenfalls finanziell von ihm abhängig, behandelt er nämlich auch schlecht und nutzt sie aus. Sie stellen ihre Arbeitskraft bzw. Körper zur Verfügung, und prostituieren sich so gesehen auch. Hermann, der Chauvinist, ist auch ein rücksichtsloser Kapitalist. Gerti versucht auszubrechen, in dem sie eine kurze Liaison mit einem Studenten eingeht, doch die Männer sprechen sich ab, halten zusammen. Die Frauen hingegen denken nicht daran, loyal um Emanzipation zu kämpfen. Sie machen sich hübsch und konkurrieren lieber mit Gerti - wobei sie alle in die gleiche Abhängigkeitsfalle fallen. Gerti fühlt sich wehrlos wie ein Arbeiter: Hermanns (amouröse) Wettbewerber sind keinen Deut besser, und der (weibliche) Konkurrenzdruck hoch. In stiller Verzweiflung kommt es schließlich zur "Ein-Frau-Revolution" bzw. zu einer Kurzschluss-Handlung: Gerti bringt ihren eigenen Sohn, den Mann und Kapitalisten der nächsten Generation - um. Fazit: Arbeiter und Frauen, vereinigt Euch! :-) Das Buch ist sehr abstrus und provozierend geschrieben - aber es hat Tiefe. In Sprache und Konstruktion ist es ein literarisches Experiment, dessen Lesespaß stark vom persönlichen Geschmack abhängt, doch ich fand es interessanter als bislang hier bewertet!
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