Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Etwas einseitig., 10. September 2004
Der Verfasser geht von der zweifellos richtigen Beobachtung aus, daß Religion und weltanschauliche Überzeugungen die Menschen nicht nur zu großen Leistungen angespornt haben (wer stand noch nie andächtig in einer großen Kathedrale?); sondern daß die Extreme des Glaubens und des Fanatismus auch die größten Verbrechen und Verbrecher hervorgebracht haben. Wenn er diese Einsicht dann aber belegt und untersucht, so beschränkt sich Krakauer nur auf die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Mormonen, und ihre extremen Erscheinungen, die er als logische Folge der Mentalität ansieht, die schon bei ihrem Gründer Joseph Smith ausgeprägt war, insbesondere dem Streben nach polygamen Ehen. Krakauer sieht deshalb die Mormonen als besonders gesellschaftsgefährlich an, zweifelt aber selbst, ob er damit dem außerordentlichen Erfolg und der Tüchtigkeit der Mitglieder dieser Kirche gerecht wird. Was Krakauer nicht leistet, ja in seinem Buch absichtlich verwischt, ist die Grenze zwischen normalem und psychopathischem Verhalten, die jede Gemeinschaft ziehen muß und die auch von den Mormonen gezogen wird. Die psychopathischen Mörder waren schon lange vor ihren Taten aus der Kirche ausgeschlossen worden. Wenn man an den Gulag, das Pol-Pot-System und den Holocaust denkt, dann gibt es dort mehr Beispiele für Menschen, die sich in Zivil als normale Familienmenschen gegeben haben, in staatstragender Uniform aber zum Massenmörder geworden sind, als sich in der Geschichte der Mormonen und ihrer extremen Ableger finden ließen. Abgesehen von dieser konzeptionellen Schwäche hat Krakauer wieder einen echten Krakauer geschrieben: Das Buch liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Es ist gut belegt und gut recherchiert. (Bei der Literatur über Polygamie habe ich aber die klassische Monographie von Kimball Young: Isn't one wife enough? New York 1954, vermißt.) Den Angehörigen der betroffenen Kirche dürfte das Buch allerdings wenig gefallen und das aus gutem Grund.
|
|
|
17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Fremdes Land Amerika, 18. Februar 2008
Dem europäischen Bewusstsein erscheint die nicht mehr ganz so neue Welt zumeist als vertrauter größerer Bruder. Eigentlich ist er fast so wie man selber, halt nur ein bisschen größer, toller, spannender. Und natürlich übernimmt man all die kleinen Eigenarten und Allüren des großen Bruders. Er ist halt ein Vorbild. Und all das, was man nicht versteht - nun ja, es ist halt der große Bruder.
Wer einmal ein Stück von der völligen Andersartigkeit des amerikanischen Bruders verstehen will, der lese dieses Buch. Jon Krakauer erzählt - ausgehend von dem äußerst brutalen Mord an Brenda Wright Lafferty und ihrem Baby - die Geschichte des Mormonentums, einer Religion, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der sogenannten 2. großen Erweckung entstand und die heute die "schnellstwachsende Religion in der westlichen Hemisphäre" darstellt. "Auf dem gesamten Planteten übersteigt die Zahl der Mormonen mittlerweile die der Juden", schreibt Jon Krakauer am Beginn seiner Reportage. Es handelt sich um eine Sekte nahezu weltreligiösn Ausmaßes, die den meisten von uns völlig unbekannt ist, aus deren Kreisen sich nichtsdestotrotz bereits Präsidentschaftskandidaten rekrutieren. Was hat es also auf sich mit den Mormonen?
Der weitaus größte Teil der Mormonen lebt heute in einer unwegsamen wüstenartigen Welt im Staate Utah und im Arizona Strip nördlich des Grand Canyon. Innerhalb der äußerst strengen Religion, in der jegliche Freude und Ablenkung wie Zeitung, Fernsehen, Alkohol usw. untersagt sind, existieren jedoch noch weit strengere fundamentalistische Gruppierungen wie die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Diese fundamentalistische Abspaltung predigt und praktiziert die Polygamie und sie ist deshalb nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Staat Utah im Jahre 1887, dem sogenannten Utah-Krieg, verboten. Dennoch existieren die Polygamisten fort und ihre Zahl nimmt laufend zu.
Die Familienbeispiele, die Krakauer hier aufzählt, ziehen dem ordentlichen Bürger schlichtweg die Schuhe aus. In den Gemeinden der Polygamisten haben Frauen faktisch keinen Rechtsstatus. Sie werden vom zeugungsfähigen Alter, ab 14 Jahren, gegen ihren Willen verheiratet und leben dann in Familien mit bis zu weiteren 10 Frauen. Die Kinderschar nimmt astronomische Ausmaße an. Die Schicksale der Mädchen, die in Krakauers Buch geschildert werden, sind erschütternd. Wenn sie aufsässig sind, werden sie innerhalb der Familie oder an den kirchlich höhergestellten weitergereicht. Inzest ist die Tagesordnung. Von Frauen der Kingston-Sekte der Mormonen wird berichtet, sie hätten angeblich "nur Protoplasmaklumpen" zur Welt gebracht und seien acht oder neunmal schwanger gewesen, ohne nur eine einziges lebendes Kind zu gebären. Vielfach nimmt der Mann neben der Mutter auch noch die Stieftöchter aus früheren Verbindungen dieser Frau zum Weib.
Abenteuerlich ist auch die Entstehung der Mormonen. Der junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Joseph Smith aus Vermont, 1805 geboren, ruft im Jahre 1830 die neue Religion ins Leben, nachdem ihm ein Engel zu den goldenen Tafeln auf der Erhebung Cumorah geführt hat, deren Entzifferung schließlich das Buch Mormon ergibt. In dem Buch Mormon wird der Kampf zwischen den Ureinwohnern Amerikas, den weißen Nephiten und den roten Lamaniten geschildert, die beide von Jesus auf seiner Reise nach Amerika missioniert werden. Dennoch bringen die Lamaniten 400 Jahre später alle Nephiten um. Tja, deshalb traf Kolumbus 1498 auch nur auf Indianer. Allerdings hat ein Nephite überlebt: Moroni, der Sohn des heldenhaften Mormon - und dies ist auch der Engel, der Smith den Weg zu den Tafeln weist. Nun, ja.
Mit der sich rasch vergrößernden Mormonensekte gibt es jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder fast kriegerische Auseinandersetzungen, so dass sie 1846/47 schließlich ihren Exodus nach Utah quer durch das noch unerschlossene Land des amerikanischen Westens antreten.
Krakauer erzählt die Geschichte der Mormonen lebendig und leicht. Allerdings ist er so detailgenau, dass das Buch auch manche Längen hat. In erster Linie handelt es sich um eine Reportage über den schrecklichen Mord an Brenda Lafferty in den 80er Jahren; diese weitet sich aber schnell zu einem gesamten Panorama des Mormonentums aus. Eine sehr lohnende Lektüre, die uns europäischen Nivellieren auch einmal die uns unverständliche Andersartigkeit dieses großen Landes aufzeigt. Thomas Reuter
|
|
|
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Interessant, aber sehr sperrig, 4. April 2006
Die Vorgänger von Jon Krakauer "Into thin air" und "Into the wild" habe ich gerne gelesen. Nun also ein Buch über extremen christlichen Glauben in den USA. Der Inhalt ist faszinierend und erschreckend zugleich - wer hätte gedacht, dass in den USA so viele Fundamentalisten und Polygamisten leben? Das es wirklich "Rechtsfreie" Räume dort gibt? Also, von der Motivation her ist das Buch empfehlenswert. Auch ist es ungemein gut recherchiert. Man lernt eine Menge über die Geschichte der Mormonen, der mormonischen Fundamentalisten und natürlich über den religiös mitivierten Mord der Lafferty-Brüder an einer Frau und ihrem Baby. Allerdings macht Krakauer die Lektüre nicht gerade einfach: Ständige Zeitenwechsel zwischen der Zeit des Mordes und der Geschichte der Kirche machen das Lesen schwer. Zumal es dadurch auch schwierig wird die zahlreichen Namen noch zuordnen zu können. Und zwischendurch lässt der Autor auch zu sehr seine eigene Meinung durchscheinen - legitim aber an vielen Stellen störts den Lesefluss. Alles in allem eine interessante Lektüre, auf die man sich aber einlassen muss und bei der man sich zwischenzeitlich auch etwas beissen muss, um bei der Stange zu bleiben. Aber wenn die Thematik interessiert, dann lohnt sich das auch.
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|