Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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17 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Drei Bücher dick, 28. Oktober 2009
Ein so komplexes Buch knapp zu besprechen, ist fast nicht möglich. Danielewski hat ein Buch geschrieben, das außen die Maße eines 800 Seiten-Kloppers hat, innen aber viel größere Ausmaße annimmt und mindestens drei Bücher dick ist: bei "Tristram Shandy" entlehnt es die Geschwätzigkeit und Formenvielfalt bis hin zum Fehlen von Seiten, bei Umberto Ecos "Name der Rose" entlehnt es die sich überlagernden Erzählerebenen und stellt allein damit die Authentizität des Gesagten in Frage (das Internet und selbst die Bibel haben übrigens ähnliche Legitimationsprobleme, um nur eine von x denkbaren Assoziationsketten zu benennen), von Eco entlehnt ist ferner, dass alles mit Metaphorik aufgeladen ist oder aufgeladen zu sein scheint (und von Ecos blindem Bibliothekar ist es nicht weit zu Jorge Luis Borges, der ganz offenbar Pate stand). Und bei "Blair Witch Project" wird die Videoästhetik des Grauens entliehen, die hier genial auf Papier übertragen wird.
Kurz zur Handlung: Ein Fotograf und Pulitzer-Preisträger wagt den Neuanfang nach dem Ruhm. Er zieht sich mit seiner Familie von der Welt zurück und will einen kleinen Dokumentarfilm darüber drehen, wie ein neu erworbenes Haus in Besitz genommen wird. So wird eher zufällig dokumentiert, wie dieses Haus sich verändert und die Gesetze der Physik außer Kraft setzt. Zunächst ist es innen nur wenige Millimeter größer als außen, schließlich beherbergt es ein Labyrinth von gigantischen Ausmaßen, das in tagelangen Expeditionen nicht zu Ende erforscht werden kann. - Ein blinder (!) alter Mann namens Zampanó schreibt eine wissenschaftliche Analyse des fertigen Dokumentarfilmes (The Navidson Record) inklusive über vierhundert Fußnoten, seine Abhandlung bildet den Kern des Buches; ein Hilfstätowierer namens Johnny Truant sichtet und ordnet dieses Material und versieht es mit weiteren Fußnoten, die Details zum Anlass nehmend, weitschweifig das eigene Leben zu reflektieren. Zu guter letzt gibt es noch "die Herausgeber", die sich im Hintergrund halten und nur behutsam lenken und korrigieren.
Ein Buch mit sieben Siegeln für Liebhaber des Konspirativen, eine Travestie auf wissenschaftliche Analysen, deren Fußnoten nicht selten völlig sinnlos sind, dort aber, wo sie ganz offensichtlich sinnlos scheinen, oft versteckte Botschaften enthalten, wenn man z. B. die Anfangsbuchstaben aufgelisteter Nachnamen zusammenzieht, doch was sollen die Botschaften sagen? Oder der Index, der neben möglicherweise sinnvollen Stichwörtern wie "Braille" hauptsächlich Nonsens gewissenhaft auflistet, so die Wörter "alles", "aus" oder "Kaffee".
Das Grauenhafte liegt wie so oft im Alltäglichen. Interessant und genial an diesem Buch ist, dass das Grauen langsam - immer wieder aber angekündigt, um den Leser bei der Stange zu halten - und in Form einer seriösen Filmanalyse daherkommt. Genial auf Papier übertragen wird auch die Art, wie mit dem Text visuelle Labyrinthe oder Korridore entstehen, die ellenlang oder klaustrophobisch eng sind. Dadurch ändert sich ständig das Lesetempo, auch muss man das Buch öfter mal drehen, um weiterlesen zu können; Randnotizen schweifen zehn Seiten voraus, nur um in einer weiteren Fußnote wieder an den Ausgangspunkt zurückzuführen.
Nix ist fix. Raum und Zeit nicht (der Fotograf Navidson liest z. B. das Buch, das von ihm handelt, und Gesteinsproben aus dem Labyrinth datieren älter als die Erde), und auch die Assoziationsketten sind es nicht. Vieles führt ins Nichts wie ein Irrgarten. Und vieles wird möglicherweise mit Bedeutung aufgeblasen, wo keine ist, und kann damit immer noch Bedeutung erhalten als moderne Kunstkritik. Besonders perfide Truants Hinweis gleich am Anfang: über zwei Seiten warnt er, was das Buch mit dem Leser anstellen kann. Erst wird man nichts spüren, irgendwann aber einmal wird etwas ganz Banales eintreten, und der Leser wird erkennen, dass schon die ganze Zeit über nichts so war, wie er dachte, dass das Buch bereits Macht über ihn hat und ihn in den Wahnsinn treibt wie alle, die sich damit beschäftigt haben. Und wer möchte das Eintreten solcher Banalitäten für sich ausschließen? So trägt der Roman seine Botschaft ins Leben des verunsicherten oder amüsierten Lesers: alles könnte Bedeutung haben.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein düster-poetisches Meisterwerk, 9. Januar 2010
DAS HAUS ist eines der wenigen Bücher, die mich wirklich gefangen genommen haben. Ich glaube, das funktioniert nur, wenn man sich wirklich darauf einlässt, sich drei, vier Tage Urlaub nimmt und sich mit diesem Buch zurückzieht. Dann entdeckt man neben Spannung und Horror auch die vielen intellektuellen ironischen Nuancen und die große poetische Kraft, die hinter diesen verschlungenen Geschichten steckt. Und man sollte auf jeden Fall Lust an der Psychoanalyse mitbringen und selbst auf Bedeutungsjagd gehen wollen, sonst ist das Buch dem ein oder anderen vielleicht zu diffizil und zu unfertig belassen.
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4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schaurige Impressionen der Finsternis, 11. November 2009
Dies ist wahrlich ein ungewöhnliches Buch. Es fordert den Leser, macht Lektüre zur finsteren Arbeit - und lohnt sich, auch wenn es wenig erhellt. Mark Z. Danielewski gelingt es, mit seinem literarischen Debüt eine epische Chimäre zu schaffen, die sich den meisten Gattungskategorien beharrlich zu verweigern scheint. Sein "akademischer Roman" wird beherrscht vom bewusst Ungereimten, von Diskursen der Dunkelheit und des Lichts gleichermaßen. Viele erkennen in ihm fasziniert den großen Schatten literarischer (Melville, Poe) wie filmischer (Blair witch, The ring, s.o.), ja architektonischer Vorbilder, die nun - in zahllosen, verschlungenen Pfaden, Fußnoten und inkommensurablen Teilen zu einem außergewöhnlichen Ganzen verwoben sind. Der Autor umspielt die Fiktionalitätsdebatte, wenn er, mehrerer Erzählebenen eingedenk, sich anschickt, zu imaginieren, was sich im Medium des Films auf der primären Handlungsebene darbietet. Eigentlich kaum darstellbar, entwickelt er den hintersinnigen Kampf einer Familie mit ihren eigenen Unheimlichkeiten. Stilistisch heterogen und selten stringent, erzählt Danielewski von sich wandelnden Räumen, deren Düsternis sich brachial über die Pseudo-Harmonie eines Paares und dessen Kinder ergießt. Narrative Bildlichkeit wie bildhafte Seitengestaltung, über die visualisiert wird, was sich beklemmend ausnimmt, machen dieses Konglomerat aus Schauerroman, psychologischer Studie und philosophischer Exkursion zu etwas Großartigem. Danielewski vermag es in der Tat, Dunkelheit zu veranschaulichen. Die vielen Bezugsebenen, Motivresponsionen und Anleihen schaffen ein Labyrinth, in dem sich der Leser - auch emotional - durchaus zu verirren vermag. Grundlage der verschachtelten Handlung ist der sog. "Navidson Report", ein Film, der die Erkundung von sich ausbreitenden Räumlichkeiten dokumentiert, dabei tief in die Gemütslagen der Beteiligten auf allen Ebenen blicken lässt. Minutiös werden Kameraführung und Schnitttecknikeffekte ins Literarische transponiert, verblüffend neue Diskurse, ja Gegendiskurse hinzugefügt. Schaurig wie ergreifend ist das Ergebnis dieser Lektüre, die viel von einem Meta-Roman bereithält. Nächstliegend die dem Werk mitgegebene Leser-Erkenntnis nach getaner Arbeit: "Natürlich wird es immer Finsternis geben, doch jetzt erkenne ich, dass etwas sie bewohnt." (S. 615)
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