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80 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Erhellend!, 7. Februar 2007
Bei der derzeit geführten Diskussion um die Freilassung der letzten RAF-Häftlinge der zweiten Generation und anlässlich des sich in diesem Jahr zum dreißigsten Mal jährenden "Deutschen Herbst" sucht vielleicht der eine oder andere interessierte Leser nach einem Buch, dass umfassend die Entstehungsgeschichte des Links-Terrorismus in West-Deutschland erhellt.
Der langjährige Spiegel-Redakteur und Vollblutjournalist hat nicht nur umfassend recherchiert, sondern hat als Student und Volonteur bei "Konkret" auch die Entwicklung Ulrike Meinhofs von der Vorzeige-Linken zur Staatsfeindin Nummer eins hautnah miterlebt.
Seine Beobachtungen und Erfahrungen ergänzen ein hoch-informatives, um Objektivität bemühtes und glänzend geschriebenes Standardwerk zur Entwicklung der Roten Armee Fraktion.
Da dieses Buch seit seiner Erst-Auflage 1986 immer wieder überarbeitet wurde, empfehle ich es mit Nachdruck vor allem allen interessierten jungen Menschen, für die der von der RAF initiierte Terror nur eine Episode aus dem Geschichtsbuch ist.
In die moralische Diskussion, ob politisch motivierter Terror ehrbarer ist als blanke Kriminalität, steigt dieses Buch nicht ein. Es zeigt aber deutlich, dass bei aller Ernsthaftigkeit, mit der die terroristischen linken Kreise verfolgt wurden, oftmals auch übereifrig in völlig harmlosen linken Kreisen ermittelt wurde und eben die demonstrierte Staatsmacht in jenen Jahren geradezu eine Faszination der Baader-Meinhof-Gruppe bei jungen Menschen auslöste.
Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren die führenden Köpfe eines im Grunde ziemlich desorganisierten, kleinen Grüppchens, die aus der Studentenbewegung entstand und die durchaus nachvollziehbaren politischen Argumente radikalisierte. Die Journalistin Ulrike Meinhof, die nach der Gefangenen-Befreiung Baaders in den Untergrund ging, verlieh der ersten Terrorgeneration einen intellektuellen und fast glamourösen Anstrich, hatte aber in Wahrheit nur sehr wenig Einfluss auf die Organisation der verübten Terroraktionen. Vor allem war die Gruppe jedoch damit beschäftigt, mit Banküberfällen ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Anfang der siebziger Jahre wurden alle führenden Köpfe verhaftet. Die Rote Armee-Fraktion war zu diesem Zeitpunkt praktisch zerschlagen. Die einzelnen Prozesse und die Haftbedingungen im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim lösten jedoch eine so breite Öffentlichkeit aus, dass sich eine zweite Terror-Generation organisieren konnte, die ideologisch von den Mitgliedern aus dem Gefängnis heraus gebrieft wurden.
Bis zum spektakulären Selbstmord der Gefangenen nach der Befreiung der "Landshut" in Mogadischu reicht die Geschichte der ersten Generation.
Ihre Entstehung, ihre Denkweise und das Wirken haben das Bild der jungen Bundesrepublik verändert.
Ihr langer Arm sorgt bis heute für öffentliche Diskussionen und - was häufig untergeht - bei den vom Terror betroffenen Familien für großes Leid.
Da man ohne umfassende Erkenntnis der Wurzel jeden Übels kaum zu einer eigenen Ansicht gelangen kann, ist dieses Buch von großem historischem Wert!
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74 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das Standardwerk zur Entstehung der RAF, aber mit Einschränkungen, 2. August 2007
Meine Meinung zu diesem Buch ist zwiegespalten. Auf der einen Seite haben wir das viel gelobte und mit Preisen belohnte "Standardwerk" zur Entstehung der RAF, auf der anderen Seite haben wir knapp 700 Seiten teilweise staubtrockene Faktensammlung, die das Lesen streckenweise extrem anstrengend machen. Aber zunächst mal zu den guten Seiten:
Wer sich über die Entstehung und die Anfänge der RAF umfassend informieren möchte, ist hier genau richtig. Es werden wirklich alle (!) Beteiligten genannt, vorgestellt und ihre Bedeutung für das Thema klargestellt. Es werden detailliert die Strukturen und Geschehnisse dargelegt, die zur Bildung der Baader-Meinhof-Gruppe" führten dargelegt. Dabei beschränkt sich der Autor im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1967 und 1977, so dass nachfolgende Ereignisse (die RAF als solche existierte ja auch danach noch weiter) keine Erwähnung finden, bzw. nur am Rande gestreift werden. Sicherlich ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die damalige Stimmung in der Gesellschaft dem heutigen Leser (z.B. mir, ich bin Jahrgang '72) verständlich nahe zu bringen und daraus die Motivation und das immense Gewaltpotenzial einer solchen terroristischen Vereinigung abzuleiten. Aber dieses Kunststück gelingt dem Autor auf jeden Fall. Das ganze erste Kapitel (120 Seiten) beschäftigt sich unter dem Titel Wege in den Untergrund" mit der Entstehung dieser Gruppierung, damals noch als "Baader-Meinhof-Bande" bekannt. Im Folgenden werden auf knapp 700 Seiten alle, aber auch wirklich alle Geschehnisse im Zusammenhang mit dieser Gruppe detailliert beleuchtet und dargestellt. Dabei gelingt dem Autor das nächste Kunststück mit Bravour, nämlich stets sachlich und neutral zu bleiben. Das ist angesichts der sehr heiklen und auch heute noch sehr brisanten Thematik eine beachtliche Leistung, immerhin wird dieses Kapitel deutscher Geschichte auch heute noch sehr kontrovers diskutiert.
Auf der anderen Seite ist es genau diese Detailfülle, die das Buch streckenweise extrem anstrengend zu Lesen macht. Ich persönlich muss nicht unbedingt wissen, dass das Fluchtauto von Baader und Meins erst die Kaiser-Siegmund-Straße in östlicher Richtung entlangfuhr, dann nach rechts in die Eckenheimer Landstraße einbog und von dieser wiederum rechts in den Kühlhornshofweg abfuhr. Viele Details sind ja schön und gut und auch sollten wirklich alle Fakten offen auf den Tisch, aber irgendwo muss dann auch die Grenze sein. Leider schleppt sich das Buch zum Teil immer mal wieder seitenweise mit völlig belanglosen Erzählungen oder Schilderungen irgendwelcher Geschehnisse dahin, die für die eigentliche Thematik völlig belanglos sind. Klar handelt es sich hier um ein Sachbuch, nicht um einen Roman, es gibt also keinen Spannungsbogen im klassischen Sinne. Dennoch schafft es der Autor, gewisse Episoden durchaus spannend und spielfilmreif darzustellen. Aber meiner Meinung nach hätte es hier auch ein bisschen weniger getan, es ist meiner Meinung nach auch für das Verständnis nicht wichtig, wirklich jede Einzelheit zu kennen.
Statt der teilweise ausufernden Details hätte ich mir lieber ein paar Bilder gewünscht. Das Buch besteht wirklich aus 700 Seiten nur Text. Ich kann mich als Kind noch sehr gut an die "Terroristen"-Fahndungsplakate erinnern, die damals ja in jeder Bank oder Postfiliale gehangen sind ;-) Insgesamt hätte einige Fotos oder Bilder den Text angenehm aufgelockert und hätten es mir auch ermöglicht, etwas näheren Bezug zu der "Baader-Meinhof-Bande" zu bekommen. So werde ich von der schieren Fülle an Details aus Ulrike Meinhofs oder auch Andreas Baaders oder Gudrun Ensslins Leben einfach nur erschlagen. Ein wenig Auflockerung hätte der Text dringend nötig.
Nun, das oben beschriebene bleibt aber auch der einzig negative Kritikpunkt. Gleichwohl hätte ich noch sehr gerne mehr darüber erfahren, wie die RAF nach 1977 ohne Baader, Meinhof und Ensslin weitergemacht hat, aber dafür gibt es andere Bücher. Hier liegt wie gesagt der Schwerpunkt ganz klar auf der Entwicklung und Entstehung, vor allem vor dem politischen Hintergrund der späten 60er und frühen 70er Jahre in Deutschland. Und das gelingt dem Buch wie bereits gesagt sehr gut.
Für mich ist es ein wichtiges Stück deutscher Geschichte, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt. Dennoch gebe ich nur 4 Sterne, einen Abzug gibt es (wie oben beschrieben) aufgrund der unnötigen und erdrückenden Detailfülle und der fehlenden Bilder (im Sinne einer Visualisierung). Wer also ein Buch sucht, um zu verstehen, was die RAF erreichen wollte, warum es so gekommen ist und wer vor allem die Persönlichkeiten dahinter (in erster Linie natürlich die "Anführer" Baader, Meinhof und Ensslin) und die damit verbundenen Strukturen kennen lernen und verstehen lernen möchte, der findet hier das auf dem Markt mit Abstand beste Buch dazu. Wer einen groben Abriß über den Verlauf der RAF auch nach 1977 möchte, wer eher lockere Unterhaltung, mit ein paar Bildern aufgelockert möchte, wem allgemeine Informationen genügen und wer nicht so sehr in die Tiefe gehen möchte, dem sei von diesem Buch abgeraten.
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57 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Sex, Drogen und der Kampf für die Revolution, 26. September 2008
Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - ihre Namen sind in die Geschichte eingegangen und die RAF ist heute längst ein Stück der Popkultur, neben der IRA ein gern verwendetes Beispiel für eine europäische Terrororganisation. Doch Umfragen im Frühherbst 2008 zufolge wissen heute nur noch wenige junge Deutsche von der Geschichte der RAF. Dagegen schafft Stefan Austs Buch Abhilfe.
Schon 1985 zum ersten Mal veröffentlicht, wurde es seither vielfach neu aufgelegt, so dass 2008 neben der beliebten Taschenbuchausgabe auch eine stark erweiterte und ergänzte Ausgabe von Hoffmann und Campe vorliegt. Diese bringt allerdings wenig neue Erkenntnisse, nur die Kapitel um eine mögliche Abhörung in Stammheim und die Weiterentwicklung der RAF nach dem Tod dem kollektiven Selbstmord der Führungsriege, bis zur Auflösung 1998 wurden erweitert und mit zahlreichen Fotos ergänzt.
"Der Baader-Meinhof Komplex" ist eine Chronik der Ereignisse, die sich fast schon wie ein Thriller liest und neben den Biografien der führenden RAF-Mitglieder, grundsätzlich die Geschichte von der Baader-Befreiung 1970 bis zur Selbstmordnacht in Stammheim und der Entführung Hanns Martin Schleyers führt. Die verschiedenen Teile wurden perfekt miteinander verwebt und ein eindrucksvolles Bild, des Milieus aus dem die RAF hervorgegangen ist. Dabei kommt Stefan Aust zu gute, dass er sich selbst einst in den gleichen Kreisen bewegt, Mitarbeiter bei "Konkret" war, wo Ulrike Meinhof lange Zeit Chefredakteurin gewesen ist und schließlich an der Rückholaktion der Meinhof-Töchter von Sizilien beteiligt war, wofür er angeblich auch auf die Abschussliste der RAF geraten ist.
Seine Charakterisierung der ersten Generation ist sehr prägnant, beschreibt er doch Andreas Baader als einen aggressiv-antiautoritären und sogar chauvinistischen Mann, der dennoch den gemeinhin anerkannten Führungsanspruch in der Gruppe geltend machen konnte und dabei nicht selten selbst autoritär agierte. Von RAF-Aussteigern, mit denen Stefan Aust gesprochen hat, heißt es sogar, dass Baader für gewöhnlich die besten Wohnungen für sich und Gudrun Ensslin reservieren ließ.
Dem gegenüber steht Urlike Meinhof, die laut Aust in der Gruppe wenig zu sagen hatte und nur nach außen als Chefideologin in Erscheinungen treten durfte. "Nur wenige sympathisierten mit dem bewaffneten Kampf, aber einer Ulrike Meinhof, zumal wenn sie von der Polizei gesucht wurde, schlug man nicht die Tür vor der Nase zu." (S. 138) Ihrer Geschichte hat sich der Autor sehr intensiv gewidmet und beschreibt sie als durchaus überzeugte Frau, die aber eher durch Zufall in die RAF geraten ist und zeitlebens Probleme mit ihrer Entscheidung hatte, musste sie doch ihr "bürgerliches Leben" und damit die beiden Töchter zurücklassen.
"Was mit friedlichen Protesten gegen den Vietnam-Krieg begann, gipfelte im blutigen 'Deutschen Herbst'."
Das Buch enthält sich einer klaren Wertung, die Ereignisse werden lediglich grundlegend dargestellt und minimal interpretiert. Stattdessen lässt der ehemalige Spiegel-Chefredakteur, die Akteure selbst zu Wort kommen, wie Gudrun Ensslin, nach der Anklage wegen dem Kaufhaus-Brandanschlag (S. 79-80):
"War denn die Tat richtig?"
"Es war richtig, daß etwas getan wurde. Daß wir das Falsche gemacht haben, das haben wir deutlich genug gesagt. Aber wir haben keinen Grund, darüber mit der Justiz oder mit dem Staat zu diskutieren. Das müssen wir mit Leuten diskutieren, die so denken wie wir."
Auch Jean-Paul Sartre, äußerte sich nach seinem berühmten Interview mit Andreas Baader durchaus kritisch zur RAF (S. 318), was von den Medien allerdings sogar gegenteilig dargestellt wurde: "Diese Gruppe gefährdet die Linke. Sie ist für die Linke schlecht. Man muß zwischen den Linken und der RAF unterscheiden."
So "interessant" und "lesenswert" das Buch auch sein mag, de facto wirkt es mehr wie ein Roman, als ein Sachbuch. Zwar ist "Der Baader-Meinhof Komplex" die erste Chronik der Ereignisse und allgemein eines der ersten Bücher die über die RAF veröffentlicht wurden, doch ändert das nichts daran, dass das "Standardwerk", wissenschaftliche oder historische Ansprüche nicht erfüllt. Den journalistischen Ethos Stefan Austs in Ehren, aber das Buch ist weder übersichtlich strukturiert, noch werden Quellen angeführt, auf das Quellenverzeichnis wurde unter dem Verweis auf die Anonymität der "Informanten" und "Insider" gänzlich verzichtet. Aber zumindest die zahlreichen Prozessakten und Zeitungsartikel, sowie TV-Berichte hätte der Autor anführen können, stattdessen dürften künftige Versuche anhand von Austs Werk die Geschichte der RAF historisch aufzuarbeiten, vor allem daran scheitern, dass die Historiker Zugang zu den hoffentlich umfangreichen Privatarchiven und Aufzeichnungen des Autors brauchen werden.
Fazit:
Sehr spannend und informativ, vor allem als Einstiegslektüre in die Geschichte der RAF. Stefan Aust schafft es eine dichte Atmosphäre aufzubauen und das in einem Sachbuch, dem es dennoch gelingt Biografien der Akteure gekonnt mit der "Handlung" zu verweben. Als "Standardwerk" ist der Baader-Meinhof Komplex allerdings mangels Quellenverzeichnis ein Reinfall, wenn auch eine journalistische Glanzleistung.
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