|
|
8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Nicht die ganze Wahrheit, 18. Juni 2009
Am 20. April 1999 richteten zwei Schüler der Columbine High School in Littleton, Colorado, das bis dato schlimmste Massaker an einer Schule an. Als sie kurz nach 11 Uhr das Gelände von Columbine betraten, hatten sie mehrere dutzend Rohrbomben im Gepäck, waren bewaffnet mit einer Maschinenpistole, einem Gewehr, zwei Schrotflinten und mehreren Messern. Mit Propangastanks wollten sie die Aula sprengen und über 500 Menschen in den Tod reißen, Bomben in ihren eigenen Autos sollten im folgenden Chaos weitere Menschen töten. In weniger als einer Stunde erschossen Eric Harris und Dylan Klebold 12 Schüler, einen Lehrer und verletzten 24 weitere Schüler zum Teil schwer. Am Ende dieses beispiellosen Massakers richteten sich die zwei Täter selbst.
Columbine als Sinnbild für diese Katastrophe hat sich seitdem in den allgemeinen Wortschatz eingebrannt, der Name wurde zum Synonym für Schießereien an US-Schulen. Die Folgen sind bis heute zu spüren, die Opfer von damals sind teilweise querschnittsgelähmt, haben immer noch die Projektile im Körper und mit nicht unerheblichen Einschränkungen im Leben zu kämpfen. Es sind vor allem aber die psychischen Langzeitfolgen, die das Massaker hinterlassen hat, und die bis heute wie ein Schatten über Littleton und den Betroffenen hängen.
Selbst zehn Jahre nach dem Massaker ist ein Ende der Aufarbeitung dieser Tragödie nicht abzusehen. Erklärungsversuche gab es in dieser Zeit allerdings zahlreiche und vielseitige, die meisten davon kennzeichnen sich jedoch durch ihre einseitige Betrachtungsweise, nicht wenige davon mit christlich-konservativem Hintergrund.
Daven Cullen war einer der ersten Redakteure, (tätig für die Denver Post) die damals über dieses Ereignis berichteten. Mit "Columbine" legt er ein umfassendes Werk seiner jahrelangen Arbeit zu diesem Massaker, seinen Hintergründen und Folgen vor, mit dem bis dahin schon oft bei anderen Büchern dieses Themas erhobenen Anspruch, "the first complete account of the Columbine tragedy" zu sein. Cullen hat Interviews mit direkt Betroffenen, Verwandten, Einsatzkräften und verschiedenen Experten geführt und sie über die Jahre begleitet. Viele dieser Gespräche wurden exklusiv für dieses Buch geführt. Desweiteren hat er sämtliches Material, welches durch die örtlichen Polizeibehörden und das FBI zusammengestellt wurde, analysiert. Zu den akribisch katalogisierten Beweismaterialien (die seit der Veröffentlichung des final report durch die Jeffco Polizeibehörde für jedermann zugänglich sind) und stärksten Quellen zählen die Aufzeichnungen und Videos, die die Täter im Laufe der einjährigen Planung des Massakers angefertigt haben.
Cullen verfolgt mit "Columbine" drei große Ziele: Zum einen will er den Ablauf des Massakers und dessen Vorbereitung aufzeigen, desweiteren will er die Folgen und Konsequenzen nachzeichnen, außerdem versucht er sich an der Erklärung für die Tragödie, in dem er psychologische Profile der Täter herausarbeitet.
Der Leser erfährt neben zahlreichen bekannten Fakten, die jahrelang immer wieder durch die Medien gegangen sind, auch etliche neue Details. Cullen bemüht sich, mit den Mythen, die sich um das Massaker ranken, aufzuräumen (z. B. Verschwörungstheorien zu den Tätern und Mitwissern, der "She said Yes"-Mythos um Cassie Bernall) und geht mit der skandalträchtigen Arbeit der Polizeibehörde hart ins Gericht. Neben der Tatsache, dass es zahlreiche Möglichkeiten gegeben hatte, das Massaker lange vor dem 20. April zu verhindern, empören vor allem die Vertuschungsaktionen und die aktive Vernichtung von Beweisen seitens der Polizei.
In alternierenden Kapiteln werden zwei Zeitgeraden übereinandergelegt: Der Leser folgt den Opfern unmittelbar nach dem Massaker und gleichzeitig den Tätern, wie sich auf den "Judgment Day" vorbereiten, Anfangs- und Endpunkt ist das tatsächliche Massaker. Cullen's Trumpfkarte ist sein sprachlicher Stil, und dürfte auch für einen großen Teil der positiven Rezensionen seines Buchs ausschlaggebend sein. Im Vorwort will er sich zwar von Fiktion und der Erfindung von Dialogen distanzieren, aber schon nach den ersten Seiten wird klar, dass Cullen hier eher erzählt, als faktengetreu darstellt. Cullen arbeitet mit Emotionalität der (realen!) Figuren und stellt zahlreiche Annahmen über Handlungen und Motive auf, für die es keine Belege gibt und was vor allem hinsichtlich der Täter, die er hier psychologisch analysieren will, äußerst problematisch ist. In Folge stellt er Behauptungen über das Gefühlsleben der Täter während des Massakers auf (etwa vermeintliche Reue bei Eric Harris), die schlicht nicht dokumentiert und belegt sind.
Die Stoßrichtung hinsichtlich Täterpsyche ist schnell skizziert: Dylan Klebold war der suizidale, depressive Typ, der vom Hauptplaner Eric Harris mitgezogen wurde. Harris selbst wird, und dabei stützt sich Cullen vor allem auf die Ergebnisse vom damaligen FBI-Ermittler Dwayne Fuselier, Psychopathie attestiert. Fuselier wird zitiert, diese Hypothese gegen alle Widersprüche abgeklopft zu haben, man gewinnt aber den Eindruck, dass er genau das Gegenteil gemacht hat, und Cullen hat diesen Fehler in sein Buch übernommen.
Man sollte sich nämlich vor Augen halten, auf welcher Grundlage diese Diagnose eigentlich gestellt wurde. Von Harris und Klebold existieren Aussagen und Beschreibungen zum Charakter durch Eltern und Freunde und ein doch relativ kleiner Korpus schriftlicher Dokumente und Videos (inkl. der berüchtigten und bis heute unter Verschluß gehaltenen "basement tapes"). Auf diesen Videos und in ihren Tagebüchern und Essays geben die Täter gewiß einen Einblick in ihr Seelenleben und ihre Motivation zu dieser Tat, aber das volle psychologische Spektrum decken sie verständlicherweise nicht ab. Es wird sehr schlüssig dargelegt, welche Merkmale eines Psychopathen auf Eric Harris zutreffen, aber das zugrundeliegende Material ist unzureichend. Da sich Klebold und Harris durch ihren Selbstmord einer entsprechenden Analyse ihrer Person entzogen haben, wird man mit der ernüchternden Kenntnis leben müssen, dass beide Täter zwar einen Teil ihrer Psyche offenbart haben, aber dass dies keine umfassende Diagnose rechtfertigt.
Ein weiteres Problem bei Cullen ist die Unterschlagung von Fakten. Harris und Klebold, dass sind für ihn der Psychopath und sein nacheifernder, depressiver "sidekick" - was die Sache im Grunde sehr einfach macht. Jemanden als verrückt und psychopathisch darzustellen macht eine unfassbare Tragödie, wie die von Columbine, wesentlich plausibler, als eine komplexe Ursachenstruktur.
Bei Cullen ist Frank DeAngelis ein von allen geliebter, mitfühlender Schuldirektor an einer Schule, an der es keine Probleme mit Mobbing und "bullying" gibt. Ein ganz anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn man zahlreiche Interviews mit früheren Schülern und Eltern zu Rate zieht. Brooks Brown, der Freund, der von Eric Harris am verhängnisvollen 20. April nach Hause geschickt wurde, beschreibt in seinem Buch "No Easy Answers: The Truth Behind Death At Columbine" eine weitaus weniger friedliche Atmosphäre an der High School, in der Eric und Dylan oft zum Opfer von "bullying" durch andere Schüler wurden, und eine Schuladministration, die dieses Problem eher verschwiegen hat. Entsprechende Aussagen, die von den Tätern in ihren Aufzeichnungen und Videos gemacht wurden, fallen bei Cullen fast völlig unter den Tisch.
Vor diesem Hintergrund erscheint es auch weniger seltsam, dass gewisse Personen in diesem Buch kaum zur Sprache kommen. Randy und Judy Brown, die Eltern von Brooks Brown, die bereits mehr als ein Jahr vor dem Massaker die Polizei mehrfach auf Harris aufmerksam gemacht hatten, werden ausschließlich aus den Akten und Presseberichten zitiert, selbst zu Wort kommen sie nicht. Randys überaus negative Kritik an diesem Buch lässt vermuten, dass hier wohl der Argumentation gegenläufige Aussagen unterbunden werden sollten. Brooks Brown selber wird auch nur in ein paar Zeilen erwähnt, dabei ist er eine der Primärquellen! Über seine Freundschaft zu Dylan und sein ambivalentes Verhältnis zu Eric (beide hatten sich nach einer langen Fehde wieder versöhnt) erfährt man in "Columbine" nichts.
Andere Opfer werden ebenfalls nur zwischen den Zeilen erwähnt, z. B. Richard Castaldo, der nach Rachel Scott als Zweiter angeschossen wurde (hat u.a. in Michael Moores "Bowling For Columbine" mitgewirkt) oder die Lehrerin Patti Nielsen, die aus der Bibliothek der High School einen dramatischen Notruf absetzte und mitanhören musste, wie nacheinander Schüler erschossen wurden. Gründe für das Fehlen werden im Buch nicht genannt, und es werden auch keine ernsten Versuche unternommen, auf eventuelle weiterführende Quellen zu verweisen.
Dies ist ohnehin ein weiteres Problem: Neben dem fiktionalen Gehalt, der Unterschlagung von Fakten und den gewagten Täterprofilen bildet die Quellenarbeit den vierten großen Schwachpunkt von "Columbine". Das Einbeziehen der Endnoten zu jedem Kapitel wird dem Leser durch das Fehlen von Fußnoten oder Seitenverweisen erschwert, Quellen zu Fakten und Zitaten werden nicht außerhalb der Bibliographie deklariert. Nun ist "Columbine" zwar keine wissenschaftliche Arbeit, aber sie hat wissenschaftlichen Anspruch. Entscheidender ist jedoch, dass durch die Vermischung von Fakten und Fiktion der Leser Gefahr läuft, sämtliche Darstellungen der Ereignisse für bare Münze zu nehmen.
"Columbine" erweckt den überzeugenden Eindruck, tatsächlich das umfassendste Werk über das High School Massaker zu sein, doch dieser Eindruck täuscht. Cullen gibt im Vorwort reumütig zu, dass auch er in der Zeit während und kurz nach dem Massaker Teil der Medien war, die vorschnellen Schlüssen gefolgt sind, doch anstatt konsequent investigativ zu arbeiten, hat er bei "Columbine" seine Schlüsse bereits vor Vollendung seines Werks gezogen, zum Nachteil des dadurch persönlich gefärbten Resultats. Letztendlich scheitert das Buch daran, überzeugende Antworten auf die vielen Fragen der Motivation dieses Massakers zu liefern. Unbequeme Antworten auf unbequeme Fragen.
|