Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Wahrnehmung läuft Amok, 2. Dezember 2005
Ein komisches Anti-Kriegsbuch, eine Science-Fiction-Parodie, die ausschließlich in der Gegenwart spielt (oder besser: in den Gegenwarten...) -- Vonnegut zieht in "Slaughterhouse Five" alle Register literarischer Klischees durch den Kakao und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Vordergründig geht es um Kriegserlebnisse, die der Erzähler der Rahmenhandlung, Yon Yonson, nicht verarbeiten kann -- er erlebte die Bombardierung Dresdens als Kriegsgefangener. In dem Roman, den er schließlich schreibt, geht es um die Geschichte von Billy Pilgrim, der ebenfalls als Kriegsgefangener die Bombenangriffe auf Dresden erlebte -- und überlebte. Und eigentlich geht es darum, wie man die Welt, die Geschichte der Menschheit, das Wesen des Menschen sehen soll. Nicht umsonst ist der Protagonist Billy Pilgrim ein Optiker, der in einem nachgerade grotesken Optiker-Milieu lebt mit dem berufsbedingten Auftrag, das Sehvermögen der Menschheit zu korrigieren. Man fragt sich nun, auf welcher Norm diese Korrekturen definitionsgemäß beruhen müssen -- und ob es diese Norm überhaupt gibt, geben kann. Genau dies ist nämlich der Punkt, der Billys Erkenntnisse deutlich in Frage stellt. Doch was hat es mit diesem Billy Pilgrim auf sich? Er erinnert an einen modernen Narren in Christo -- schon die abenteuerliche Kostümierung, in der er Krieg und Gefangenschaft erlebt, ist alles andere als soldatisch. So war ein Hofnarr aus früheren Zeiten gekleidet, der als einziger seinem König die Wahrheit sagen durfte. Doch da in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert keine Hofnarren mehr vorgesehen sind, erklärt man ihn irgendwann für verrückt. Die anderen Figuren im Roman hingegen bleiben Typen, seltsam farblos, egal wie lebhaft und ergreifend sie geschildert sein mögen. Auf mich wirkte der Roman daher auch wie die Romanfassung einer modernen commedia dell'arte -- komisch, grotesk und grausam zugleich; ein Narrentanz, der eine grauenhafte Geschichte mit den Mitteln der Komik erzählt. Prägend in Billys Biographie war der Bombenangriff auf Dresden -- so scheint es. Aber in seiner Kurzbiographie zu Beginn von Kapitel 2 kommt der nicht vor: Man erfährt hier lediglich von seiner Gefangennahme durch die Deutschen und seiner ehrenhaften Entlassung aus der Armee -- und von einem Nervenzusammenbruch, mit dem es eine eigene Bewandtnis hat: Billy Pilgrim hat seinen Namen nicht umsonst, er ist tatsächlich eine Art Pilger -- aber seine Pilgerfahrt führt ihn nicht durch den Raum, sondern durch die Zeit. Ein Raumschiff aus Tralfamadore hat ihn einmal in eine Zivilisation entführt, die in vier Dimensionen lebt, die also auch die Zeit "sieht". Chronologisch scheinende Abläufe sind für sie punktuell darstellbar und wiederholbar -- aber nicht zu ändern. Alles ist, wie es ist, ein für allemal. Man kennt die Zukunft, die keine Zukunft mehr ist. "So it goes" -- "So kann's gehen", dieser Satz zieht sich als resignatives Leitmotiv durch den Roman. Billy lernt von den Tralfamadoriern diese Wahrnehmung der Welt und nutzt sie fortan, um sich assoziativ durch die Zeit(en) zu bewegen -- oder aber, um vor den eigenen Erinnerungen zu fliehen, oder auch, um sie nochmals zu durchleben: Die Klotür in seiner Wohnung führt in zu den Latrinen im Gefangenenlager von 1944, und der Rückweg führt wieder ins Schlafzimmer von 1953... Zusätzlich sind diese Zeitreisen verschränkt mit den Groschenromanen eines erfolglosen Science-Fiction-Autors, und diese Verflechtung der Handlungsstränge lässt den Leser bis zuletzt im Ungewissen: Spricht der für verrückt erklärte Billy die Wahrheit, oder sind seine Zeitreisen assoziative Bewusstseinsströme, beeinflusst durch die Phantasie eines drittklassigen Schriftstellers? Oder, allgemeiner: Nach welchem Maßstab beurteilt Billy, welche Korrekturgläser zur Wahrnehmung der Wirklichkeit er der Menschheit verpassen will? Gibt es diesem Maßstab überhaupt? Die Romanhandlung, in deren Zentrum die Erlebnisse von Billy Pilgrim während des Krieges stehen, ist also nicht chronologisch geordnet -- denn in Billys Wahrnehmung gibt es keine Chronologie, alles ist immerwährende Gegenwart. "Slaughterhouse Five" schildert eine Art stream of conscious, Komisches und Grausames steht gleichberechtigt nebeneinander, die Sinnlosigkeit (und Unvermeidbarkeit, wie Billy meint) des Krieges wird gerade dadurch drastisch vorgeführt. Ob Kriege tatsächlich ein unabänderliches Übel der Menschheit sind, egal wie viele Existenzen durch sie direkt oder indirekt zerstört werden -- diese Frage lässt Vonneguts Roman offen. "Slaughterhouse Five" ist ein außergewöhnlich geistreiches Buch über den Sinn oder Unsinn des Lebens, ein faszinierendes Gedankenexperiment, ein bestürzend authentischer Bericht über die Auswirkungen des Krieges auf den Menschen, der zeigt, wie nahe Komik und Grauen beieinander liegen können.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Leiden und Tod, 24. Juni 2005
"Slaughterhouse-Five or The Children's Crusade" ist nicht nur ein Buch über den allierten Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945, bei dem 130.000 Menschen ums Leben kamen, sondern auch eine Abhandlung über den Irrsinn des Krieges sowie über die Nicht-Beschreibbarkeit der menschlichen Existenz überhaupt.Der Roman beginnt mit der Vorgeschichte des Romans. Der Erzähler, dessen biographische Daten exakt mit denen des Autors Kurt Vonnegut übereinstimmen, beschreibt seinen persönlichen Kampf mit dem Verfassen des Buches: das Aufsuchen alter Weggefährten, das Schreiben hunderter von Manuskriptseiten, die Wahl des Untertitels "The Children's Crusade" usw. Erst nach dieser meta-narrativen Einführung beginnt die "eigentliche" Handlung des Romans. Den Plot kann eigentlich in einem Satz zusammengefasst werden: der amerikanische Soldat Billy Pilgrim gerät 1944 in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird als Zwangsarbeiter nach Dresden geschickt, wo er den Bombenangriff der Allierten mit- und überlebt, da die Gefangenen in einem unterirdischen Schlachthof untergebracht sind. Eigentlicher Hauptdarsteller des Romans ist jedoch die irre Erzählweise. Die Zeitebenen wechseln permanent und fließend zwischen den Jahren 1944 und 1972. So, zum Beispiel, wenn Billy in den fünfziger Jahren aufs Klo gehen will und sich plötzlich auf den Latrinen des Gefangenenlagers 1944 wiederfindet und sich kurz darauf, nach Erledigung seines Geschäfts, wieder zu seiner Frau ins gemeinsane Ehebett legt. Der Irsinn der Erzählweise spiegelt den Irsinn des Erzählten wieder. Wie soll man den Schrecken des Krieges und das massenhafte Sterben von Soldaten und Zivilisten darstellen? Viele Autoren der Postmoderne haben diese Frage beantwortet, indem sie ihre Geschichten so erzählen, wie sie den Krieg betrachten: unlinear, verwirrend und nur mit pechschwarzem Humor zu ertragen (Joseph Hellers "Catch 22" und Jonathan Safran Foers "Everything is illuminated"). Was sämtliche Zeitebenen verbindet ist der leitmotivisch verwendete Ausspruch "So it goes" immer wenn es um Leid, Sterben und Tod geht. Ob es sich um den Tod eines Hundes, eines Soldaten, eines Zivilisten oder von 5 Millionen Zivilisten handelt, immer wieder taucht das lapidare "So it goes" auf. Dies zu interpretieren ist schwierig. Drückt sich hierin die Lebensverachtung, Todessehnsucht, Verzweiflung oder der Zynismus des Erzählers aus? Dies zu bewerten obliegt dem Leser selbst. Fazit: beeindruckende Erzählung über Krieg und Tod, die, trotz der ständig wechselnden Zeitebenen, relativ einfach zu lesen ist.
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Traumatische Kriegserlebnisse in utopischer Verpackung, 1. Oktober 2004
Kurt Vonnegut, 1922 in Indianapolis als Sohn einer deutschstämmigen Familie geboren, tritt 1943 in die US-Armee ein und gerät 1944 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit anderen Kriegsgefangenen wird er nach Dresden gebracht. Er ist einer der wenigen, die den apokalyptischen Feuersturm von Dresden im Jahre 1945 überleben sollten. Seine traumatischen Kriegserlebnisse verarbeitet Vonnegut auf ungewöhnliche Weise in seinem Roman 'Slaughterhouse 5', erstmals erschienen im Jahre 1969. 'Slaughterhouse 5' ist dennoch keine Autobiographie, auch wenn die autobiographischen Elemente des Romans nur allzu offensichtlich sind. Protagonist des Romans ist Billy Pilgrim, ein Optiker, der für die USA als Soldat in den 2. Weltkrieg zieht. Vonneguts Erzählweise durchbricht bewußt jegliche chronologische Konvention. Tatsachenbericht und Fiktion wechseln einander ab. Der Autor schafft es, ohne moralisch erhobenen Zeigefinger eine deutliche Anti-Kriegs-Botschaft zu vermitteln. Darüber hinaus gelingt es ihm - auf einzigartige Weise - den Leser zu unterhalten. Denn trotz der Schilderung grausamster Kriegserlebnisse hat dieses Buch auch seine satirischen Momente. Das mag wie ein Widerspruch klingen. Wer Vonnegut gelesen hat, weiß aber genau, wovon ich rede. Der Roman 'Slaughterhouse 5' wird oft dem Genre der Science Fiction zugeordnet. Vonnegut hat bereits mehrfach Einwände dagegen geäußert. Tatsache ist, dass sich dieser Roman nicht in eine Schublade zwängen lässt. Der ungewöhnliche Erzählstil mag für den Leser vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig sein. Doch hat einen die Geschichte erst einmal in ihren Bann gezogen, so läßt sie einen bis zum Schluss und darüber hinaus nicht mehr los.
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