Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Abweichung und die Norm, 2. Mai 2008
Hinweis für Leser der englischsprachigen Originalausgabe:
Auch wenn McEwan ein anspruchvolles und reichhaltiges Vokabular hat, lässt er sich doch gut im Original lesen. Sein Stil ist so ungeheuer wirklichkeitsgetreu und seine Charaktere sind so genau herausgearbeitet, dass in schwierigen Fällen einem der Kontext schon weiterhilft. Andere Passagen, wie etwa das Squash-Match im Buch, ist wiederum so detailliert beschrieben, dass wohl nur der Muttersprachler alle Nuancen ausschöpfen kann. Aber etwas Verlust ist immer. Darum: Keine Angst vor McEwan.
Dieser Roman ist reinster Film. Dazu muss er gar nicht erst in die Kinos kommen. Bereits beim Lesen lehnt man sich im Sessel zurück, sinkt in die Kissen und liefert sich einer perfekt organisierten Regie aus. Die Charaktere haben präzise eingeführt Auftritte, wir verschenken unsere Sympathien scheinbar willkürlich, jedoch in Wirklichkeit nach ehernen Gesetzen der Dramaturgie, und erst wenn wir aus dem Lesesaal wieder in das ungleich schmutzigere Licht unseres Alltags treten, gelingt es uns, über die Machart, die Technik sowie die Struktur dieses erzählten Glanzes ein wenig zu reflektieren - so subtil, so ausgefeilt, so perfekt wird die Geschichte dieses Neurochirurgen Henry Perowne und seiner Familie an diesem Samstag, dem 15. Februar des Jahres 2003, präsentiert. Das ist Hollywood allererster Güte.
Nun ist es sozusagen eine alte Gewohnheit, McEwan für seine Brillanz und seinen präzisen Stil zu loben. So gewöhnlich ist dies bereits, dass seine Könnerschaft dem britischen Erfolgsautor bereits wieder angekreidet wird. Zu klar, zu gekonnt - einfach zu gut sei seine Prosa.
Mit dem neuen Roman Saturday trifft McEwan einen Nerv der Zeit. Es geht um Terrorismus im engsten und um Terrorismus im weitesten Sinne. Es geht des Weiteren aber auch um die großen wie auch um die kleinen Fragen des Lebens. Und letztlich geht es wohl - wenn man es recht bedenkt - um das Leben selbst, das Leben als Ganzes, wie auch um den Tod. Mächtige Themen sind das für ein Buch von dreihundert und etwas Seiten. Dass es aber um all das geht, erkennt man erst, wenn man das Buch nach der Lektüre zu Seite legt. Erst dann vermag man wahrzunehmen, wie genau die Themen des Buches konstruiert sind, wie sie sich ineinander spiegeln und einander entsprechen wie Makrokosmos und Mikrokosmos.
Während der Lektüre aber geht man vollkommen auf im Nachvollzug und im Miterleben dieses nicht ganz gewöhnlichen Samstags im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne. Was also passiert? Ein erfolgreicher Arzt, Ende 40, glücklich verheiratet, zwei wohlgeratene Kinder, wohnhaft in London, erwacht an jenem Samstag früher als gewöhnlich und beobachtet am Himmel ein brennendes Flugzeug, das wie ein Menetekel seine brennende Schrift über den Himmel des beginnenden Tages zieht. Eine Katastrophe, die - wie sich später herausstellt - einen guten Ausgang nimmt. Ebenso wird Perownes Tag verlaufen: eine Katastrophe bahnt sich an, tritt schon ein - und wird noch einmal abgewendet. Das Ungeheuerliche tritt zunächst auf in Form einer Irritation, einer Abweichung, eines kleinen außergewöhnlichen Vorfalls. Im Allgemeinen aber verbringt Perowne einen gewöhnlichen Samstag: Am Morgen geben sich die Eheleute ihrem glücklichen Liebesspiel hin, er fährt zum Squash mit einem Kollegen - das Spiel geht verloren - er besucht seine Mutter, die an Altersdemenz leidet und frei von jeder Erinnerung ihre Restzeit in einem Heim verbringt, auf dem Heimweg macht er Besorgungen für das Familienessen am Abend - die Tochter aus Paris hat sich angekündigt.
Gestört wird dieser Ablauf von einer Massendemonstration, einer Kundgebung gegen das britische Engagement im Irak, die Perowne zwingt, verschiedene Umwege zu nehmen, und von einem kleinen Verkehrsunfall, bei dem ein Seitenspiegel zu Bruch geht. Die anschließende Auseinandersetzung mit den drei Insassen des zu Schaden gekommenen Wagens wirft von den Höhen des Lebens, in denen Perowne sich bewegt, ein jähes Licht in die Abgründe der menschlichen Existenz. Die Bedrohung, die von diesen drei Figuren der Halbwelt ausgeht, wird weiter über dem Verlauf der Handlung schwelen, bis sie sich am Ende gewalttätig entlädt. Zuviel sei hier jedoch nicht verraten, denn das Buch lebt eben auch von der gespannten Erwartung, wie denn dieser so vordergründig normale Tag sein Ende finden wird.
So weit, so gut, so normal - denkt man. Die Kunst McEwans besteht nun jedoch darin, in die detaillierte Darstellung dieses normal-unnormalen Samstags die großen Themen unserer Epoche zu diskutieren, ohne dass sie sich einem direkt aufdrängen. Sie kommen schleichend daher, wie ein kleiner Verkehrsunfall, und sind doch schon allgegenwärtig, wie in der Massendemonstration gegen den Krieg im Irak. Im Nachhinein erkennt man, dass all die abstrakten Fragen, die beispielsweise Perowne und seine Tochter im Bezug auf den Irakkrieg erörtern, eine konkrete und blutige Antwort in ihrer familiären Wirklichkeit erhalten. Das gleiche gilt für die Gegenüberstellungen von naturwissenschaftlich-präzisem und künstlerisch-kreativen Denken, repräsentiert durch den Vater und den Kindern, die in Dichtung und Musik reüssieren. Die Hinfälligkeit allen Fleisches wird anhand der Gegenüberstellung von dem mitten im Leben stehenden Perowne und seiner Mutter, die mit Altersdemenz in einem Heim lebt, dargestellt.
Das Zusammenspiel all dieser Themen ist so unaufdringlich in die Oberflächenstruktur der Handlung eingefügt, dass wir es zunächst gar nicht wahrnehmen. Ganz folgerichtig ist daher die Handlung des Romans auf einen einzigen Tag begrenzt. Das Besondere ist - wie so oft im Leben - die Differenz, die Abweichung von der Norm, der etwas andere Samstag. Die Abweichung bringt die Dinge ins Rollen, die Figuren zum Tanzen, die Gedanken zum Kreisen und bildet so einen Kommentar über unsere Zeit. Wie in einem Shakespearestück, in dem die Ordnung des Ganzen, der Makrokosmos, von einer kleinen Abweichung aufgelöst und im Verlauf des Stückes wieder hergerichtet wird, ist zum Ende des Romans alles wieder ins Lot gebracht, die Ordnung wieder hergestellt, die Abweichung beseitigt. Vorerst. Perownes Meditation am Ende des Romans, die stark an das Ende von Joyces Kurzgeschichte The Dead erinnert, steht ganz im Zeichen einer unabsehbaren Zukunft.
Dass wir die Gesetze, die hinter all der Fassade die Fäden in den Händen halten bei der Lektüre zunächst nicht sehen, mag daran liegen, dass wir so vollkommen in die Welt der Hauptfigur eintauchen. Darin mag zugleich auch eine Aussageabsicht des Buches liegen: Das Zufällige und Unsinnige im Leben, das wir nicht verstehen können, wird im Grunde bewegt von unverhandelbaren Gesetzen. So spiegelt sich in unserem kleinen Leben immer auch das Große wider.
Am Ende des Buches schließt sich der Kreis dieses langen Samstages. Wieder steht er spät in der Nacht vorm Fenster und sinniert über den Verlauf des Tages. Über das, was kommt, über das, was geht, und über das, was bleibt. Ein großer Roman im Kleinen. Wir warten auf den Film.
Thomas Reuter
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37 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Danke, Mr McEwan. Ein Klasse-Buch!, 4. Juni 2005
Von Ein Kunde
Nach Lektüre einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung war ich so neugierig, dass ich nicht auf die Übersetzung warten wollte und "Saturday" gleich im Original bestellt habe. Es hat sich gelohnt! Das Buch hat mich begeistert. Die Schilderung dieses einen Samstags im Leben des Londoner Neurochirurgen, 48 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, hat es in sich. Was da an Themen drinsteckt: berufliche Herausforderungen, Beziehungsproblematik, Elternalltag, Umgang mit dem eigenen Älterwerden, Irakkriegs-Diskussion, ein Besuch bei der altersdementen Mutter im Pflegeheim, ein kleiner Verkehrsunfall und die unerwarteten Komplikationen danach ... aber nichts wirkt konstruiert oder gewollt. McEwans sympathischer Protagonist wirkt einfach glaubwürdig - und sehr menschlich. Man möchte ihn gerne kennenlernen. Bedauert fast, dass der lange Tag - und das Buch - irgendwann ein Ende haben. Für mich persönlich ist es das beste Buch von McEwan. Sehr aktuell, sehr politisch, und (wie man es von ihm ja gewohnt ist) psychologisch unglaublich gut. Last not least: bei aller Nachdenklichkeit ein Buch, das einen nicht runterzieht. Unbedingt lesen!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
This story takes place in one day, 15. März 2006
Saturday, a unique Saturday, a frightening Saturday. While Ian McEwan is British, the events of Tuesday, September 11, 2001, in America had a tremendous effect on him. For a time, he says, he couldn't write. I know the feeling. I was writing at the time and stopped for one-and-a-half years because my story included a terrorist element. I simply couldn't continue for awhile. This book is a product of McEwan's own introspection regarding the events of 9/11. Henry Perowne, the central character in Saturday, is a neurosurgeon and a family man. His wife is a lawyer. He has two healthy and very capable children. In the middle of the night he awakes to see what he thinks is a meteor streaking toward Earth. The meteor turns out to be an airplane, engulfed in flame, about to crash not far off. The event shakes him to his core and he spends the rest of the day thinking about this horrific incident, about the possibilities as to its cause, and, eventually, about his own life, his very existence. He shares with his readers the intimate details of his world as he tries to make sense of the terror he feels as the day progresses. Perowne's obsession with work seems less necessary as he reviews his life and the things he's deemed to be important. His interactions with people, especially those he loves the most, are not all he would like them to be. He looks inward, seeking and discovering his own spirituality, rejected long ago. He finds comfort there, if not understanding. The events of the day become more horrific as time goes on and Perowne has to come to terms with his own demons in order to deal with the situation his family faces. Parts of this book remind me of The Shoes of the Fisherman by Morris West because there is so much personal introspection and less plot-driven text. It's a very thought-provoking read.
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