Gregor Hens ist einerseits deutscher Autor, andererseits amerikanischer Professor an der Ohio State University, wobei sich die beiden Identitäten sehr gut ergänzen. Er hat mehrere Erzählungen und Romane, u.a. "Transfer Lounge" und "Matta verlässt seine Kinder", geschrieben. Sein jüngster Roman heißt "In diesem neuen Licht". Es ist nach "Die Habenichtse" von Katherina Hacker und "Woraus wir gemacht sind" von Thomas Hettche, der dritte Roman in diesem Jahr wo es auch um sehr mobile Deutsche geht die es nach England bzw. nach Amerika verschlägt.
Das erste Mal befinden sich in diesem Buch des Autors auch viele großartige Dialoge. In seinen bisherigen Büchern hatte er mehr in Berichtform durch erzählt.
Das Personal ist wieder in diesem deutsch-amerikanischen akademischen Bereich angesiedelt. Es sind immer Figuren, die alle Möglichkeiten haben sich ihr Leben gestalten zu können, wie sie wollen, weil es keine wirtschaftlichen Zwänge oder ähnliche Hemmnisse gibt. Sie sind auch Wanderer zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt, vom Rhein über Mexiko und Panama, von Ghana bis zum Rio Grande.
Drei Figuren stehen im Zentrum des Romans. Die Hauptfigur ist Tobias. Er ist ein begnadeter Übersetzer und hat eine neue Methode für Fremdsprachen lernen entwickelt. Dann gibt es David, er ist eigentlich Amerikaner, schreibt aber Gedichte auf Deutsch. Seine Frau Tess stammt aus einem kleinen Ort in der Eifel, ist aber inzwischen für eine global operierende Kanzlei unterwegs.
Tess ist eine Figur, der eigentlich alles gelingt. Doch dann gibt es auch einmal eine Wendung in dem Roman, wo man zweifelt, ob ihr Leben das sie da so führt, wirklich so perfekt ist wie es den Anschein hat. Anfangs denkt man, sie ist beruflich erfolgreich, sie hat einen tollen Mann, sie hat tolle Freunde, sie wird von allen geliebt und sie kennt alle möglichen Leute. Das ist wirklich ein tolles Leben, doch dann merkt man, da ist ein Geheimnis, etwas stimmt in diesem Idealbild nicht.
All diese Figuren suchen nach Freundschaften, suchen nach wahrer Liebe. Dieser Tobias, ist ganz zu Beginn von seiner großen Liebe verlassen worden. Als er zum zweiten Mal nach vorangegangener Versöhnung wieder verlassen wird, ist es mehr oder weniger endgültig.
Man hat beim Lesen den Eindruck, dieses Dreieck Tobias, David, Tess ist auf merkwürdige Art und Weise so verstrickt, dass sie doch diese anfängliche zu Tage gebrachte Freiheit nicht mehr einbringen können, weil sie sagen, nun gut, wir sind jetzt zwar nicht per Trauschein verbunden, aber so richtig kommt man doch nicht voneinander los. Es sind eher Menschen die eine herkömmliche Familienbindung nicht brauchen, die in der Illusion leben, alles machen zu können, sich alles leisten zu können. Dadurch entsteht ein anderer Horizont, wie man mit seinem Leben umgeht, doch es gibt natürlich auch gewisse Zwänge in den Beziehungen.
Eines Tages stößt in dieses Freundestrio eine vierte Person. Sie heißt Nabila, kommt aus Marokko, aus einer vollkommen anderen Kultur, aus einem muslimischen Land. Doch sie hat keine Probleme sich mit der Formenfreiheit und dem Individualismus zur Recht zu finden. Sie findet scheinbar mühelos in dieses deutsch-amerikanische Freundes Dreieck hinein.
Eine wichtige Figur in dem Roman ist auch D.G Lawrence, der Autor von "Lady Chatterly's Lover". Er hat auch einen anderen Roman mit dem Titel "Die gefiederte Schlage" geschrieben. Und Tobias wird von David inspiriert, dieses Buch neu zu übersetzten. Er vergräbt sich in diesen Stoff und so wird dieser Mexikoroman aus den zwanziger Jahren in diesen Roman des 21 Jahrhunderts eingebunden. Nach den Wirren der Revolution versuchen die Einwohner eine prä koloniale Situation wieder herzustellen. Es wird eine Europäerin als aztekische Jungfrau Maria in diesen Kult mit eingebaut. Diese Europäerin Kate, gibt allerlei Rätsel auf, die zum Teil nicht beantwortet werden. Und diese Auslassungen sind das Interessante. Schließlich fahren alle an diesen Ort, wo der Azteken Kult wieder belebt werden soll. Sie suchen dort nach atmosphärischen Beziehungen, suchen die Sozialromantik, die Schnittpunkte zwischen den elitären Künstler und Kosmopoliten und dem einfachen Volk.
Die naturphilosophische Richtung, nach der das organische Leben einer besonderen Lebenskraft zuzuschreiben ist, also der Vitalismus des einfachen Volkes ist nicht unbedingt eine Gegenutopie zu dem Lebensstil, den diese Figuren in dem Roman führen.
In Deutschland wird viel von der Krise in der klassischen Familie gesprochen und in diesem Roman gibt es so etwas, wie postfamiliäre Netzwerkstrukturen, die sich da bilden. Die Leute sind ausgesprochen mobil, ausgenommen frei in der Art, wie sie ihr Leben gestalten. Es ist sicher eine sehr seltene Konstellation, kein Bild unserer Gesellschaft, kein Buch das Identifikation empfiehlt. Es ist vielmehr eine Extremsituation.
Der Roman schwankt in gewissen Phasen zwischen Utopie und Parodie. Es gibt dabei auch Sozialutopien, die erheblich übertrieben wirken, denn das Buch endet ja mit einer etwas bizarren, eher satirisch gemeinten Utopie, dass da noch so ein Öko Wohlstandsparadies entsteht.