Professor Doktor Gotthart Fabian, Vorsitzender des Altherrenverbands der Burschenschaft Adiunctus, zu Kommissar Rosenblüt, dem er sich weder eng noch in irgendeiner anderen Weise verbunden fühlt. Was Rosenblüt egal ist.
Jedes Buch bekommt ein Etikett, ob es das will oder nicht. Dieses wurde mit "Kriminalroman" beklebt, obwohl es sich partout gegen jede Schublade sperrt. Es ist reich an Facetten, die man mit Gesellschaftssatire, Politikthriller, Science Fiction, Groteske, Humoreske und Streitschrift umschreiben kann. Es ist auch eine Liebeserklärung an einem Hund namens Kepler, an eine Stadt, eine Polemik an sich und eine Hetz- oder gar Hassschrift gegen bestehende Verhältnisse. Was auch immer. Schade wäre es, wenn man diese Geschichte nur unter den Aspekt pro und kontra Stuttgart 21 bewerten würde, was natürlich geschehen wird, zumal der Autor ganz klar Stellung bezieht. Es ist ein amüsantes Buch, setzt aber voraus, dass man über Humor verfügt, am besten über jenem, der die österreichische Variante einschließt. Wer Kottan nicht mag, wird auch mit dieser Geschichte nicht viel anfangen können und wahrscheinlich über den unwahrscheinlichen Plot lamentieren.
Um was geht es? Ein schwäbischer Kommissar im Münchner Exil wird mit einem bedauerlichen, aber auch alltäglichen (das ist besonders bedauerlich) Fall konfrontiert, der die Demütigung eines Einzelnen durch Mehrere beinhaltet. Ein feiger Akt, der den scharfsinnigen Rosenblüt zum Vater des Gedemütigten führt und über einen begeisterten, kriminellen Cineasten ziemlich schnell auf Stuttgarts Halbhöhenlagen, wo eben die Löwen weinen und ansonsten gediegener, bürgerlicher Lifestyle in der schwäbischen Variante gepflegt wird. Hier bekommen wir einen Exkurs in philosophischer (stimmt, eine philosophische Facette hat diese Geschichte auch) Abwatschung der Burschenschaftsherrlichkeit und landen sofort bei den herrschenden politischen Verhältnissen und ihren Köpfen, den Stuttgart 21-Vorantreibern. Womit wir ebenso schnell real und im übertragenen Sinn wieder unten sind, nämlich im Schlossgarten, am kommenden, gigantischen, komplexen Bauloch, das wir und - wer hätte das einst gedacht - die ganze Welt eben als "Stuttgart 21" auf den Punkt zu bringen pflegen. Hier reiben sich die Obenbleiber an den Durchgangsbohrern. Zwei Parteien, die sich trotz "Schlichtung" (das ist der Name einer anderen Satire, die hier keine tragende Rolle spielt) unversöhnlich gegenüberstehen. Jetzt wird es besonders für die Leser interessant, denen der Stuttgarter Politikbetrieb und ihre Darsteller nicht fremd sind. (Was aber nicht heißen soll, dass es für alle anderen langweilig wird.) Beim Namen werden diese Leute wohlweislich nicht genannt, allerdings in ihrer Funktion und manchmal mit Decknamen. "Ratcliffe" zum Beispiel, der Projektsprecher, der nie auftritt, aber immer wieder durch die Geschichte geistert oder "Palatin", der fast noch zum Fußvolk gehört, aber hart daran arbeitet, künftig auch nur noch zu schweben. Wir bekommen einen freudlosen Oberbürgermeister präsentiert, der, wo er geht und steht, düstere Trostlosigkeit zu verbreiten scheint, was den Durchschnittsbürger jedoch nicht belasten muss, weil er mit diesem außer zu Wahlzeiten ohnehin nichts am Hut hat (und umgekehrt). Ein Ministerpräsident wird als stämmige, jedoch leere Hülle dargestellt, behaust von allerlei Typen, und der Erste Bürgermeister der Stadt gar, die es nicht und überall gibt, wird noch einmal in eine äußerst trübe Brühe gestoßen, von der er annehmen durfte, dass sie die kollektive Vergesslichkeit (Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit) längst ausgetrocknet hat. Dieser Darsteller, ein "in die Jahre gekommenes Bürschlein", wird uns als "Buberlvisage" vor Augen geführt, ein Wort, in dem sich Wiener Gemütlichkeit und Bösartigkeit zu einer perfekten Melange vereinigen und das ich trotz seiner gemeinen samtigen Schärfe unverzüglich in meinen aktiven Wortschatz aufgenommen habe. Wahrlich ein Wort, mit dem man sich langwierige und umständliche Umschreibungen in vergleichbaren Fällen sparen kann.
Diese Geschichte wird jedoch nicht nur von Politikern und Polizisten getragen, ganz im Gegenteil: Wolf Mach und Hans Tobik sind tragende Säulen: Opfer und Täter gleichermaßen. Schöne Frauen gibt es auch, literarische Wesen wie Teska Landau und vor allem Alicia Kingsley, die uns Frauen aus Fleisch und Blut resigniert seufzend zu einem weiteren Stück Schokolade greifen oder ins Fitness-Center rennen lassen, und mit ihnen nähern wir uns dem Zentrum des Ganzen, dem "Schloßgarten-Mechanismus", über den Sie sich bitte selbst informieren, weil Sie mir ohnehin nicht glauben würden. Das Ding hockt tief unter dem Planetarium und gerät während des Finales gnadenlos unter die Räder.
Am Ende der Geschichte meldet sich Heinrich Steinfest in eigenen Sache zu Wort. "Nach dem Theater ist das Leben" sagt er und was er damit meint, sollte nicht nur die Leser dieses Buches dazu anhalten, aufmerksam zu sein und zu bleiben.
Helga Kurz
13. März 2011