Das "Dicke Buch Titanic" rekapituliert 20 Jahre "Titanic" von 1979 bis 1999, nach Epochen gegliedert -- wenn man's mal so nennen will: Die frühen Jahre , die etwas späteren Jahre, die mittleren und natürlich die späten Jahre. Die noch späteren gibt's allerdings nicht; der Band wurde 1999 zusammengestellt. Immer imitierte "Titanic" den Stil jener Fachzeitschriften für die wartende Dame bei Friseur und Zahnarzt, mit Institutionen resp. dem etwas anderen redaktionellen Teil (Briefe an die Leser...), immer wieder neuen festen Rubriken (Last Exit Sossenheim; Hannelore, Helmut und die Bubb'm...), sensationellen Enthüllungen (Hitlers Poesiealbum, Die SPD-Führung ist breit, Das Bimssteinzimmer...) und Breitseiten auf die Hochkultur, von Manufactum-Katalog und FAZ-Fragebogen bis ganzseitiger Lacôme- und Mercedes-Annonce...
Nicht nur dem, der leichtsinnig genug war, die schärfsten Hefte auszuleihen, dürfte die Wiedersehensfreude sicher sein. Viele, viele Glanzleistungen sind nämlich mit an Bord, in all ihrer Bosheit, ihrer Pietätsmissachtung, ihren Spitzen gegen die Weichteile der Gesellschaft.
Analog zum Werdegang der Bundesrepublik kann man auch den Werdegang des Magazins verfolgen; jede "Epoche" wird kurz, scharf und hinterhältig eingeleitet. Stumpf wurden die Waffen niemals, und Hochkomik war und ist drin, wo "Titanic" draufsteht. Aber jeder Chefredakteur hat andere Vorstellungen, und womöglich haben sich die Leser mitsamt ihren Erwartungen, mithin die mit schnödem Mammon zahlende Kundschaftsmonarchie, im Lauf der Zeiten ja auch in mancher Hinsicht verändert...
Freilich wechseln Mitarbeiter und Chefredakteure, doch die "Neue Frankfurter Schule" mit Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, Friedrich Waechter, Chlodwig Poth, F.W. Bernstein und anderen Schwergewichten fuchtelt souverän mit dem Szepter herum, und denen war und ist nichts heilig: Kohl natürlich, der Glücksfall für jeden Satiriker, aber auch die "Roten Strolche" von der SPD, Barschels Badewanne, Hitlers Tagebücher, Aids-Betroffenheit und Papst, Weltuntergang und Neonazis, iranische Fatwas und Freddie Mercury, Lady Dis und FJSs Ableben, Genschers reges Reisen und internationale Bundeswehr-Einsätze... Nein, vor nichts wurde zurückgeschreckt, kein aktuelles Thema war sicher. Auch Lesers Schmerzgrenze nicht, nicht mal die.
Zu Zeiten des Redaktionsschlusses fürs Buch gab Martin Sonneborn den Chefredakteur, und allein schon seine Telefonterror-Aktionen zu aktuellen Themen waren monatlich das Geld wert. Und die Abenteuer der "Roten Strolche", und "Der Führer privat"... Komisch waren sie immer, und dass man als selbsternannter kritischer Leser manches dann doch geschmacklos fand, spricht für die satirische Schärfe. Die etwas andere Chronik über 20 Jahre Bundesrepublik eben.
Die Objekte der Satire wandelten sich ein wenig, sogar des Kanzlers Name lautete gelegentlich anders. Kein Wunder, dass auch der Stil sich wandelte: Sowa zeichnet anders als Deix, und Henscheid textet anders als Max Goldt. Was aber bleibt: Versammelt ist hier die Crème de la crème der Satirikerzunft; man denke an Henscheid, einen wichtigen Verfasser der "Briefe an die Leser", an Gernhardt, an Simone Borowiak... Freilich wird hier nicht jeder all seine Lieblings-Watschen in Richtung nationale und internationale Prominenz vorfinden, aber insgesamt enthält die Zusammenstellung doch die vollsten Treffer. Repräsentativ eben, wie es sich gehört. Zwar ist leider manches gekürzt, so z.B. der Telefon-Terror gegen die damalige SPD-Prominenz: Hier bleiben leider die intellektuellen Offenbarungseide damaliger Hinterbänkler weg, aber Schröder, Scharping und Lafontaine (!) dürfen sich nochmal grandios blamieren. Und auch "Zonen-Gabis erste Banane" fehlt leider, dieses reinrassige Paradepferd politischer Unkorrektheit.
Vergleicht man diese Titanic-Retrospektive mit aktuellen Ausgaben, so muss man leider feststellen: Früher war mehr Lametta, pardon, mehr Pfeffer natürlich. Ein weiteres Argument für das "dicke Buch Titanic".