Zwei voneinander unabhängig erschienene Werke über die "deutsche Gaunersprache", beide zwischenzeitlich mal einzeln über den verdienstvollen Repront-Verlag erhältlich gewesen, liegen hier in einem Band vor: von Trains "Wörterbuch Jenisch-Deutsch" und Deutsch-Jenisch" von 1833, und Günthers Abhandlung von 1919, die einige Essays und zeitgenössische Betrachtungen über Herkunft, Gebrauch und Varianten des Rotwelschen sowie einen Wortindex enthält. Auch wenn moderne Gauner sich nicht mehr auf Jenisch verständigen -- es gibt bis heute vereinzelt Dörfer, in denen es noch gesprochen wird: Im Hessischen, Fränkischen, in de Schweiz, und sicher auch anderswo.
Beide Werke sind spannend auch für heutige Leser -- nicht, dass die Gauner, mit denen man's heutzutage zu tun hat, kein Deutsch sprächen -- aber vor allem in Trains Wörterbuch findet man viele geheimnisumwitterte Ausdrücke, die die durchaus ehrbare eigene Verwandtschaft geläufig im Munde führt, und man selber auch: (aus)baldowern, knappen (=hinken), Revech/Reibach, auflinsen... Die Entdeckerfreuden regen sich wieder mal, das Staunen an den Geheimnissen der eigenen Sprache, und manche Wörter sind so treffend, dass man sie sich unbedingt merken will zur alsbaldigen Verwendung.
Ein weiteres Leckerli ist der angeblich gaunersprachliche Text samt hochdeutscher Übersetzung im Anhang -- und wenn er erfunden ist, so ist er doch gut erfunden.
Man merkt es schon an den synonym verwendeten Begriffen: Jenisch, Gaunersprache, Kundensprache, Rotwelsch... (anzubieten wären auch noch z.B. Cochemer Loschen oder Lachoudisch) -- das Gewerbe war den braven Bürgern suspekt. Aber nicht nur das Gewerbe, sondern auch die Sprache und ihre Sprecher. Das nützten diese wiederum auf ihre Weise aus: So mancher biedere Wachtmeister, dem ein scheinbar kooperationsbereiter Ganove seine Sprachkenntnisse offenbarte, wurde ein weiteres Mal geleimt. Wenn dieser brave Wachtmeister nun seine "Aufzeichnungen" den Sprachforschern überließ, nahm das Unglück oft seinen Lauf... (die ersten systematischen Beschreibungen und Wörterlisten stammen nämlich von Polizeibeamten)
Zur Verwirrung trägt obendrein noch bei, dass das fahrende Volk mit dem sinistren Ruf allerlei Ausdrücke anderswo ansässiger achtbarer Bürger in seinen Jargon aufnahm -- was z.B. noch im Odenwald harmloser Dialekt war, wurde schon in Heidelberg nicht mehr verstanden und als "Gaunersprache" klassifiziert. Dass aus historischen Gründen viele jiddische Ausdrücke in den Jargon sickerten, macht die Sache noch unübersichtlicher.
Und genau hier liegt in beiden Werken ein dicker Hund begraben: Ein beachtlicher Teil der hier als "Rotwelsch" o.ä. etikettierten Wörter sind ganz harmloses Jiddisch oder ebenso harmlose Ausdrücke aus einem Dialekt, den der sprachbegeisterte Kriminale nicht kannte.
Aus diesem Grund sind die beiden Werke von Train und Günther (und noch einige andere, noch zweifelhaftere) für Linguisten nur von bedingtem Nutzwert: Nicht nur finden sich keine Belegstellen für Trains Wörterbucheinträge, und bei Günther weiß man oft nicht, worauf seine Überlegungen fußen; man hat es leider auch mit Fehlinformation zu tun, mit sehr viel, zu viel Fehlinformation. Man lernt aber einiges über die Verfasser und ihre Zeitgenossen (von diesen sicher nicht beabsichtigt), insofern sind die beiden Werke auch heute noch sogar von wissenschaftlichem Nutzen -- allerdings eher soziologisch oder historisch als linguistisch.
Fazit: Amüsant und in gewissem Grade auch lehrreich sind diese beiden Werke zweifellos. Wer sich allerdings ernsthaft mit dem Jenischen (Gaunersprache, Kundensprache, Rotwelsch, Cochemer Loschen, Lachoudisch...) befassen will, sollte besser zu Siegmund A. Wolfs Standardwerk "Wörterbuch des Rotwelschen" greifen; und auch "Das deutsche Gaunertum" von Avé-Lallement gilt trotz seines ehrfurchtgebietenden Alters noch heute als gewissenhaft recherchiert, zuverlässig und umfassend.