Das schwarze Schaf und der zahnlose Schäferhund
'Macht kommt von unten', sagt Foucault und wird zitiert in Dr. Caroline Heinrichs jüngstem Werk "'Was denkt ein New Yorker, wenn er in einen Hamburger beißt?' Mikrophänomenologie der Macht am Beispiel des Referendariats", denn sie kritisiert nicht nur die haarsträubende Willkür und Unprofessionalität, die während ihrer sogenannten Ausbildung an einer staatlichen Institution herrschte, sondern auch jene, die Turnus für Turnus wie Schafe dieses von geistlosem Sadismus und Machttrunkenheit geprägte Spiel mitspielen.
Nicht erst mit diesem Buch, sondern bereits während ihres Referendariats grenzt Heinrich sich von der trägen, verängstigten Herde ab, grast, wo es ihr gefällt, überquert fernab der Herde Bächlein, weil sie es kann, und wenn der vor Wut schäumende, laut bellende Schäferhund auf sie zurast, um ihr Angst zu machen und seine Überlegenheit zu demonstrieren, bleibt sie regungslos, noch das illegal abgezupfte Gänseblümchen im Mund, stehen, und erklärt sich bereit, zur Herde zurückzukehren, wenn er ihr einen klaren Grund dafür nennen kann. Der Schäferhund ist entrüstet darüber, dass es nicht ausreicht, laut zu bellen und Schäferhund von Beruf zu sein und völlig überfordert mit der Beantwortung der Frage. Schließlich schwingt er triumphierend die Zeigepfote und verkündet: 'Das Gras ist das Gras!'
Der Sinn dieses Satzes? Sinn suchte auch Heinrich immerzu vergebens, wenn sie hoffte, dass Fachleiter während Seminarsitzungen völlig unsinnige Fragen oder irre Hinweise für guten Unterricht offensichtlich nur als Scherz gemeint haben konnten.
Es ist nicht der weinerliche Bericht einer sich in die Opferrolle geprügelt fühlenden ehemaligen Referendarin voller amüsanter oder erschreckender Anekdoten. Man erwartet es, man befürchtet es, wenn man den Untertitel liest. Man könnte denken: 'Wieder so eine, die mit der Belastung nicht zurechtkam und sich jetzt Luft macht.' Weit gefehlt. Anklingend an Derridas "Donner la mort" dekonstruiert 'Was denkt ein New Yorker,'' mithilfe der großen Denker und Philosophen unserer und vergangener Zeit unter anderem die Zurechnungsfähigkeit der an der Ausbildung Beteiligten, indem Heinrich nichts weiter tun muss, als aus einer bestehenden Geschichte zu zitieren, beschreibend wiederzugeben und philosophische Erkenntnisse darauf anzuwenden. Beamtenbeleidigung kann man ihr mitnichten vorwerfen, denn ihr Buch macht sehr deutlich, dass jene, die zu unglücklichen Antihelden der Abhandlung werden, sich selbst disqualifizierten, sobald sie auf ihre Weise ihres Amtes walteten.
Immer, wenn man sich fragt, ob Heinrich es jetzt nicht zu weit treibt und ihre Vorgesetzten absichtlich missversteht oder nicht sieht, dass der eine oder andere Satz auch ganz anders hätte gemeint sein können, löst sie diese Leserfragen auf, indem sie demonstriert, dass auch sie sich zum Beispiel irgendwelche absurden Antworten auf sinnlose Fragen hätte ausdenken können wie die anderen Schafe, weil eine gebildete und geistig gesunde Person wie sie natürlich weiß, wie die armen Fachgrößen gewürdigt zu werden wünschen. Doch so einfach will und muss sie es ihnen nicht machen: Jeder, der schon einmal eine akademische Arbeit verfasst hat, weiß, dass er dazu angehalten ist, jegliche Formen von Ironie, Metaphorik, Agrammatikalität, Sinnlosigkeit und anderer Kodierungen zu vermeiden, da in einer Abhandlung, besonders wo es um Untersuchungen und klare Aussagen und Ergebnisse geht, der Raum zur Interpretation möglichst gering gehalten werden sollte. Die Aussagen des Verfassers sollen klären und nicht erklärt werden müssen, interpretieren und nicht interpretiert werden müssen. Dies muss auch für diejenigen gelten, die verantwortlich sind für die Vorbereitung ihrer Referendare auf Prüfungslehrproben. Der Referendar ist abhängig von dem, was er lernt, denn das muss er in Unterrichtsbesuchen und Lehrproben umsetzen und damit zeigen, dass er willig ist, zu lernen, wie ein guter Lehrer unterrichtet.
Doch was passiert, wenn die Anweisungen des Fachleiters selbst wirre Sätze demenzkranker Orakel sind? Wenn unklare, widersprüchliche oder sinnlose Aussagen den Referendaren so viel Interpretationsspielraum geben, dass 'deren Lesart' nur die 'falsche' sein kann? Dann ist wieder Referendariat in Deutschland.
Heinrich nimmt die Fülle an unsinnigen Sätzen während ihrer Ausbildungszeit zum Anlass und zur Inspiration, sich erfolgreich an einer Philosophie der sinnlosen Frage zu probieren, was in ihrer Erkenntnis und Tiefe eine tonangebende Ergänzung zum Kanon der Abhandlungen z.B. Chomskys, Barthes und Jakobsons zu unverständlichen, sinnfreien und sinnzerstörenden Aussagen darstellt.
Das Buch regt nicht nur auf, es unterhält und schockiert nicht nur. Seine Lektüre ist außerdem ein ästhetischer Genuss. Zu einem Protagonisten des Buches wird das Zitat 'Wichtig ist, dass Antworten mit sich selbst agieren,' das als Klimax einer sowohl philosophisch schlüssigen als auch hoch amüsanten Inszenierung zur Pointe eines Unsinnswitzes wird, um so dem Leser, wenn nicht schon das Zitat allein dazu gereicht, die dramatische Hilflosigkeit der Referendare in den Klauen des Wahnsinns vor Augen zu führen.
Gleichermaßen freut sich der Leser, wenn er, den Titel des Buches nur noch im Hinterkopf, nach gut einem Drittel auf ein Gedicht stößt, dass ''klassische hamburger'' enthält. Der Spannungsbogen ist perfekt. Gleich wird man erfahren, was zum Kuckuck dieser Buchtitel soll und wer der Verbrecher dieses Zitats ist. Und wer an poetischer Prosa Freude findet, darf auf ein stilgetreues 'Rewriting' des "Prozesses" von Kafka, das die Absurdität einer üblichen Lehrprobenbesprechung integriert, sowie auf eine Gegendarstellung zu Brechts "Maßnahmen gegen die Gewalt" gespannt sein.
Eine Recherche ergab, dass Frau Dr. Heinrich heute keine Gurken im Spreewald erntet. Offenbar gab es wider Erwarten doch keine größeren Bedenken, sie Lehrerin werden zu lassen.