Das ist keine kurzlebige Enthüllungslektüre, vielmehr werden Zeiten und Menschen lebendig. (Berliner Morgenpost) Meist waren es Unternehmer, die sich vor dem Zeiten Weltkrieg in der ehemaligen Kronprinzen- und Viktoriastraße in Pankow niederließen. Nach 1945 wurden deren Häuser von der sowjetischen Militäradministration requiriert, die Besitzer enteignet. Von der Gründung der DDR 1949 bis zum »Auszug« nach Wandlitz 1961 war das »Städtchen« - von der übrigen Bevölkerung gut abgeschottet - Wohnghetto für die Spitzenfunktionäre der SED. Der Autor hat nicht nur die politische Geschichte rekapituliert, sondern sie in die Stadtgeschichte eingebettet und bis in die heutige Zeit aufgeschrieben. Mit vielen erstmals veröffentlichten Abbildungen entsteht so ein spannendes Lese- und Bilderbuch zur Sozial- und Zeitgeschichte, das die Mächtigen von einst ganz privat vorstellt. Nur Buchausgabe. Bitte beachten Sie auch die Ausgabe mit der CD-ROM.
Ein spannendes Buch zur ZeitgeschichteDie Geschichte des später “Städtchen" (nach russisch: “gorodok") genannten
Viertels im Berliner Vorort Pankow begann um 1900. Der Fotograf und “Visionär³ Richard Kasbaum baute sich eine imposante Villa, die das Viertel
zunächst architektonisch, später auch politisch prägen sollte (das Titelfoto des Buches zeigt das repräsentative Gebäude). Doch der eigentliche Bauboom auf dem Gelände im Umfeld des Schlosses Schönhausen setzte vor allem in den
dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ein. Meist waren es kleinere und größere Unternehmer, die sich hier im Norden Berlins in der ehemaligen
Kronprinzen- und Viktoriastraße niederließen. Neben dem Erfinder des Fahrraddynamos hatte der Gartenarchitekt sein Haus, Berlins größter
Brotfabrikant lebte neben dem Professor für Chemie. Das Viertel gehörte inzwischen nicht nur in Pankow zur besten Adresse und war für Leute mit Geld eine gefragte Wohngegend.
Nach dem Krieg wurden die Häuser des ringförmigen Areals im August 1945 von der sowjetischen Militäradministration requiriert und die Besitzer
enteignet. In die Villen zogen zunächst Offiziere des NKWD; aber auch kommunistische Politiker wie Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Anton Ackermann
oder Dichter und Schriftsteller wie Johannes R. Becher und Hans Fallada wohnten bereits ab 1945 hier.
Nach Gründung der DDR 1949 wurde das von der übrigen Bevölkerung durch eine Mauer gut abgeschottete “Städtchen³ schnell ein bevorzugtes Wohnghetto für die Spitzenfunktionäre der SED. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 versetzte jedoch die privilegierten Bewohner vorübergehend in Angst und Schrecken, so dass man nach einem leichter zu bewachenden und noch einsamer
gelegenen Wohngebiet suchte. Wegen des günstigeren Fluchtweges Richtung Osten zudem noch in der Nähe der Autobahn entschied man sich 1961 zum “Auszug" nach Wandlitz. Dennoch blieb das “Städtchen" weiterhin Refugium für
Funktionäre und für Mitarbeiter der Staatssicherheit. Zwar fielen die
Schlagbäume, doch die Überwachung blieb. Auch jetzt war man wie gewohnt ganz “unter sich".
Nach der politischen Wende 1989 bezog für kurze Zeit die in Wandlitz obdachlos gewordene SED-Prominenz erneut die alten Villen. Proteste der
Bürgerbewegung, Rückübertragungsansprüche der Alteigentümer bzw. deren Erben, vor allem jedoch das Alter der Funktionäre schichtete das Viertel
sozial erneut um. Die einstige Wohngegend der Mächtigen wurde zur Straße der Witwen.
Neben der zeit- und stadtgeschichtlichen Dimension dieses “Städtchens" vermittelt der Autor mit seinem Buch aber auch Einblicke in
starre Denkstrukturen und Verhaltensmuster der Nomenklatura. In erschreckender Konsequenz wird deutlich, dass dieser auf Misstrauen und
Abschottung ausgerichteten Politik von Anfang an das Symbol der Mauer immanent war erst Pankow, dann Wandlitz, schließlich das ganze Land.