Dass eine (Auto-)Biografie von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit mit dem inzwischen geflügelten Wort "... und das ist auch gut so" überschrieben ist, legt sich nahe. Der Untertitel "Mein Leben für die Politik" stößt dem kritischen Leser zunächst etwas unangenehm auf, lässt er doch ein unrealistisch-geschöntes Buch über einen scheinbar selbstlosen Politiker vermuten, der für sich und seine Partei Werbung machen will.
Beim Lesen des Buches dagegen ist man um so positiver überrascht, dass Wowereit auch die schwierigen Seiten seines Lebens (und auch seiner Partei, der SPD) offen anspricht: Probleme, Schwächen, Selbstzweifel. Er macht sich damit verletzbar und bietet Angriffsflächen für politische und homophobe Gegner. Es zeigt damit aber auch einen Politiker, der sich offen mit seinen eigenen Problemen konfrontiert und nicht aufgrund verdrängter, unbearbeiteter Erlebnisse und Persönlichkeitsanteile (z.B. unterdrückter Homosexualität) irrational handelt, was für den "regierten Bürger" beruhigend ist.
Diesen - für den oberflächlichen Betrachter - überraschenden Charakterzug des meist berlinisch selbstbewusst auftretenden Politikers sieht man bei seiner positiven Schilderung der Persönlichkeit der Bundeskanzlerin, einer politischen Gegnerin: Angela Merkel pflege "nicht die üblichen Eitelkeiten", sie habe "die Kraft, auch Fehler einzugestehen" (S.235).
Die ehrliche Darstellung der eigenen biografischen Brüche beginnt mit seiner Kindheit und der ersten Diskriminierungserfahrung als Kind einer alleinerziehenden Mutter. Entsprechend den unmenschlichen (Un-)Moralvorstellungen der 50er und 60er Jahre (Wowereit wurde am 1.10.1953 geboren.), ging man bei den sogenannten unehelichen Kindern von "unordentlichen Familienverhältnissen" (S.26) aus, und Wowereit ist sich seiner belastenden, kindlichen Gefühle noch erstaunlich bewusst: "um mir weh zu tun." (S.25)
Auch sonst spricht er sehr offen über die Armut seiner Südberliner (Lichtenrade) Kindheit: Die Mutter arbeitet als "Putzfrau" (S.29), der Garten wurde gedüngt mit "Mist ... von der Trabrennbahn Mariendorf" (S.31), die Familie würde nach heutigen soziologischen Kategorien dem "Prekariat" (S.35) zugeordnet werden, und aus diesem Grund soll Klaus trotz guter Leistungen für das Gymnasium nur auf die Realschule gehen (S.50)
Nachdenklich und selbstreflexiv beschreibt er sein Verhältnis zu seiner Mutter (der er das Buch gewidmet hat). So sehr er ihr Hochachtung entgegenbringt, redet er nicht die eigenen Grenzen schön, an die er geriet, als er die krebskranke Mutter (und einen queerschnittsgelähmten Bruder) aus Überzeugung ("ich möchte keinen Tag missen" (S.144)) - bis zum Tod zu Hause pflegte. Wowereit nimmt sich Auszeiten, fährt in den Urlaub trotz des Versuchs der Mutter, "ein schlechtes Gewissen zu erzeugen", kämpft mit dem Problem, "dieses schlechte Gewissen nicht wuchern zu lassen". "Aber man darf sein eigenes Leben nicht aufgeben," (S.111) biblisch würde man sagen, die Selbstliebe gegenüber der Nächstenliebe nicht vergessen.
Sucht man nach religiösen Aussagen, so sind sie in diesem Buch relativ selten. Der erstaunte Leser stellt aber fest, dass Klaus Wowereit, aufgewachsen im urevangelischen Berlin, katholisch ist, den Kommunionsunterrricht besuchte und an Gott glaubt (S.266). Entsprechend seines sehr bewussten Umgangs mit seinen Erinnerungen schildert er ein kindliches Theodizee-Problem, als sein Fahrrad ausgerechnet während des Kommunionunterrichtes gestohlen wird (S.43). Ein sozial tätiger Pfarrer seiner Kindheit ist ihm noch in bester Erinnerung.
Sein ethisches Grundaxiom, das er auch als Norm seiner politischen Arbeit beschreibt, ist die Gerechtigkeit (S.71), sicher auch aufgrund seiner Ausgrenzungserfahrungen wegen seiner sozialen Herkunft und seiner sexuellen Minderheitenorientierung.
Da Klaus Wowereit politikgeschichtlich der erste voll geoutete queere Spitzenpolitiker in Deutschland war (und der Buchtitel das erwartungsgemäß betont), ist man natürlich an diesem Teil seiner Persönlichkeit auch interessiert. Er schreibt von ersten homosexuellen Ahnungen in der Jugendzeit, hatte überraschenderweise "zwei langjährige Beziehungen zu Frauen" (S. 116), die ihn aber auch "ratlos" machten. So spricht er sehr offen davon, dass ihn mit 35 Jahren, etwa 1989, privat und beruflich eine "veritable Midlife-Crisis erwischt" (S.116). Er beschließt, sich auf die Suche nach einem schwulen Lebenspartner zu machen, scheitert dabei immer wieder. Er gibt nach einigen Jahren die Suche auf, um nicht immer wieder "in Verzweiflung und Selbstmittleid" (S.116) zu fallen. Genau dann aber trifft er 1993 in der Bar Centrale in der Yorkstraße seinen jetzigen Lebenspartner Jörn Kubicki. Aber trotz seiner Prominenz erlebt das Paar auch bei offiziellen Anlässen im Jahre 2007 Diskriminierung, wenn Partner Jörn manchmal "ignoriert" wird; "manche Leute drehen sich weg, wenn wir gemeinsam kommen, andere begrüßen ihn einfach nicht". (S.187) Auch deshalb verspricht er in seinem Buch, auch in Zukunft die schwul-lesbischen Events in Berlin persönlich zu unterstützen.
Parteipolitisch schildert er offen und kritisch die damals verknöcherten Verhältnisse in der SPD "seines" Bezirks Tempelhof und spricht vom "innerparteilichen Darwinismus" (S.82) beim Weg in Führungsämter. Der zweite Teil des Buches enthält Stationen des auch aus der Zeitung bekannten politischen Werdegangs von Klaus Wowereit, die dem politisch interessierten Leser nicht viele Neuigkeiten bieten, es sei denn Wowereit schildert seine subjektive Sicht und seine Gefühle bei bestimmten Ereignissen, zum Beispiel seiner im 1.Wahlgang gescheiterten Wiederwahl 2006 (S.241f). Zur interessanten Frage, wie stark er davon träumt, einmal Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland mit einer Koalition aus SPD, Grünen und Linkspartei zu werden (die ja auch jetzt im Jahr 2007 eine komfortable Mehrheit hätte), äußert er sich in den letzten Sätzen des Buches etwas verschlüsselt, was aber die Möglichkeit offen lässt, das Buch eines in Zukunft noch bedeutenderen Politikers in den Händen zu halten.
Insgesamt ein sehr empfehlenswertes und lesenswertes Buch, weil es einem mehr noch als den bekannten Politiker vor allem den hoch selbstreflexiven Menschen Klaus Wowereit nahe bringt.