Über den Inhalt scheint mir hier schon genug gesagt zu sein. Was aber ist das Besondere?
Das Angebot ist reichlich. Durch den ganzen Roman zieht sich die Geschichte von der Lehrerkonferenz, in der es eigentlich um die Frage gehen sollte, ob Victor Haberland eine Mitschülerin vergewaltigt hat. Haberland selbst und der alte Lehrer Branzger treffen sich Jahre später und schließen den Pakt, daß Haberland erzählt, was am Vorwurf dran ist, und im Gegenzug Branzger, was in der Konferenz so alles los war - wer möchte das nicht gern einmal wissen. Die beiden treffen sich immer wieder und die Geschichte wird nach und nach aufgerollt, später angereichert vom klugen Lebensbericht des Alten und der Schilderung seiner Liebe zur jüngsten und attraktivsten Lehrerin Kressnitz.
In der Konferenz ging es weniger um das, was passiert ist, sondern, zunächst jedenfalls, ausschließlich um die reichlich vorhandenen Aversionen der Pauker, die sich, während sie über einen ihrer Schüler zu Gericht sitzen, demaskieren, was amüsant und geistreich erzählt wird. Die Lehrer, wie hier geschehen, erschöpfend und genau zu charakterisieren, war sicher aufwendig und schwierig, dürfte aber auch großen Spaß gemacht haben und ist ansprechender Lesegenuß - wie sie z.B. hemmungslos ihre Abneigungen selbstgerecht zum erhabenen Werturteil machen und somit ungewollt über sich selbst befinden anstatt über den Schüler. Gewisse Alt-68er, die den Durchblick gepachtet zu haben glauben, leider allerdings nicht mitbekommen, daß die eigene Frau sich seit Jahrzehnten mit den qualvollen Nachwirkungen einer Vergewaltigung herumschleppt, scheinen besondere Freunde auch des Autors zu sein. Das Erinnern an das traumatische Erlebnis führt immerhin bei dieser Lehrerin zu der Erkenntnis, daß die Schülerin, die hier das Opfer zu sein vorgibt, solche Qualen nicht auszuhalten hat und wechselt somit, ruckzuck, von einer vehementen Befürworterin des Rausschmisses zur Verfechterin des Verbleibes des Burschen auf der Schule, und ein Lehrer nach dem anderen schließt sich ihr in der Folge an, gleich wie heftig sie zuvor für das Gegenteil waren, und das nicht etwa, weil es irgend einen Beweis gegeben hätte, sondern ihren Abneigungen und Vorurteilen entsprach - mit Ausnahme eben von Branzger und Kressnitz. Er will seinen Schüler nicht verlieren, sie mag beide, hält, und das ist bemerkenswert, sowohl zu ihr als auch zu ihm, wohl auch, weil sie beide am besten kennt; denn sie hat die Theateraufführung geleitet, in deren Folge es zu dem Vorfall gekommen ist. Diese Konferenz zwingt zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Wer bislang darüber geklagt hat, daß Juristen über Menschen urteilen, von denen sie rein gar nichts verstehen, wird eines Besseren belehrt. Bei Lehrern ist es noch schlimmer, für manche sicher ein schwacher Trost. Hier allerdings bedeutet es eine durchaus elegante Lösung der anstehenden Entscheidung. Auf diesen Zug können diese Lehrer nämlich auf einmal springen: Eine von ihnen kann sich nicht vorstellen, daß das junge Mädchen, das angebliche Opfer, die mit einer Vergewaltigung verbundenen seelischen Peinigungen auszuhalten hat, und schon sind sie für nicht schuldig, so einfach geht das.
Während Branzger also dem ehemaligen Schüler von der Konferenz berichtet, findet er immer mehr zu seinem eigentlichen Thema, und das ist alles, was mit der Liebe zu tun hat, nicht nur zwischen Mann und Frau, und führt ihn schließlich zielsicher zu seinem Liebeserlebnis mit Kressnitz, und das ist für mich der noch größere anrührende Höhepunkt dieses Romans. Also es geht um den alten, todkranken Dr. Branzger und die junge Lehrerin,(die in der Verfilmung der Konferenz von Sophie von Kessel gespielt wird). Diese Liebe muß unerfüllbar bleiben, man weiß das aufgrund der Erzählsituation, aber man würde es ohnedies spüren. Es ist ein wunderbares Zusammentreffen eines alten Mannes und einer jungen Frau, ein inniges Verstehen über Generationen hinweg. Man hätte das schon zuvor, vor den beiden, spüren können, wäre man nicht blockiert, was eine solche Konstellation angeht. Sie haben nämlich ganz wesentliche Übereinstimmungen, Weltsichten, Berufseinstellungen. Sie sind die einzigen, denen man sein Kind anvertrauen möchte, die einzigen unter diesen Lehrern, die man als „normale" Menschen empfindet unter den Lehrern oder anders ausgedrückt, die man nicht spontan in eine Therapie oder Analyse schicken möchte. Die Gemeinsamkeiten führen sie über das Trennende hinweg - für eine ganz knappe Zeit, was ihr tatsächliches Zusammensein betrifft, was auch von vornherein klar, gewissermaßen unausweichlich ist. Es ist sicher einer der Aspekte, die die Liebe zwischen „ungleichen" Partnern so intensiv und damit faszinierend macht, abgesehen davon, daß es sicher für zwei so prägnante Persönlichkeiten nicht nur einen Reiz darstellt, gegen alle Konventionen sich zu verhalten, sondern Ausdruck einer Auseinandersetzung mit gängigen Moralvorstellungen(und deren Überwindung) und sich selbst ist. Gemeinsamkeiten zwischen, oberflächlich gesehen, ungleichen Partnern sind immer intensiver (wenn auch hier immer noch nicht so drastisch wie in Philip Roth' „Der menschliche Makel", wo eine 34jährige Putzfrau und ein 71jähriger Professor zusammenfinden, was sogleich zum Anlaß genommen wird, den Gelehrten wegen Sexismus anzuprangern, da es in den Durchschnittskopf nicht hineinwill, daß hinter einer solchen Beziehung etwas anderes sich verbergen kann, übrigens auch dann, wenn die Putzfrau nicht Nicole Kidman ist). Das Wissen um die Vergänglichkeit verpaßt dem Ganzen einen besonderen Zug der Intensität und des Tragischen.
Man könnte noch mehr Glänzendes aus dem Roman anführen, um so unverständlicher daher, daß Kirchhoff etwa nach einem Drittel mit Frankfurter Provinzklatsch zu nerven beginnt. Abgesehen von niemanden interessierenden Örtlichkeiten, so schön ist Frankfurt nun einmal nicht, geht es auf einmal um die schöne Bürgermeisterin, seinen ehemaligen Verleger, eine Fernsehansagerin, und, man glaubt es nicht, um die Eintracht, mittlerweile Zweite Liga, was man von diesem Roman gleichwohl, Gott sei Dank, nicht sagen kann. Ich weiß nicht, ob ich der einzige bin, der das Buch, als das losging, erst einmal zur Seite gelegt hat. Erst nachdem Niki Steins tolle Verfilmung der aus dem Roman herausgeschälten Konferenz auf arte gelaufen war, habe ich es - zu meinem Glück - wieder vom Regal geholt. Tip an den Leser also: Einfach drüber weglesen und durchhalten, es lohnt sich wirklich, der Roman ist mehr als ein Musterbeispiel tadelloser Schreibfertigkeiten.