Schon ihr erster Roman "Ostersonntag" war im Jahr 2007 ein beachtliches Werk, in dem die junge Autorin Harriet Köhler in die seelischen Abgründe einer Familie hinabstieg und sie auf eine Art und Weise auslotete und mit einer Sprache beschrieb, die der Kritik schon damals Hochachtung abnötigte.
Bei ihrem neuen hier vorliegenden Roman "Und dann diese Stille" wird das nicht anders sein. Jedenfalls sieht das ein begeisterter Rezensent so, den diese Geschichte über drei Männer einer Familie aus drei Generationen in wahres Staunen versetzt hat über die Fähigkeit einer gerade mal dreißig Jahre alten Frau, sich in drei Männer unterschiedlichen Alters hineinzuversetzen. Der älteste, der Vater Walther ist 95 Jahre alt, sein Sohn Jürgen ist 68 und dessen Sohn Nicki Anfang dreißig.
Die Geschichte, die Harriet Köhler erzählt, beginnt mit dem Sterben von Grethe, Walthers Frau, im Krankenhaus. Jürgen, sein im Ruhestand lebender geschiedener, alleinlebender und mit seinem eigenen Älterwerden hadernder Sohn, ehemaliger Ingenieur, reist zu seinem Vater und nistet sich regelrecht bei ihm ein, angeblich weil er ihm helfen möchte und glaubt, Walther käme nicht allein zurecht. Tatsächlich aber ist es für Jürgen, der nach seiner Berentung immer noch nicht richtig weiß, wie es mit ihm weiter gehen soll, eine Art Ablenkung von der Langeweile seines einsamem Alltags zu Hause. Zunächst, denn schon bald wird er durch die Nähe zum Vater zur Auseinandersetzung nicht mit ihm gezwungen, sondern auch mit dessen Vergangenheit als Kriegsteilnehmer und Spätheimkehrer aus der russischen Gefangenschaft. Als Walther 1950 nach zehn Jahren Abwesenheit heimkehrte sieht er seinen bei einem Heimaturlaub gezeugten Sohn Jürgen zum ersten Mal. Jürgen hat indessen mit der Mutter eine innige Beziehung aufgebaut, bei der der Vater nur stört. Doch auch die Beziehung zwischen Grethe und Walther ist gestört. Nie mehr werden sie miteinander schlafen, aus tief liegenden Gründen, die Harriet Köhler erst im Laufe des Romans meisterhaft und psychologisch kompetent entschlüsselt, nachdem sie im Leben der beiden weit über neunzig gewordenen Eheleute lange mit dunklem Schweigen verhüllt waren.
Noch in den fünfziger Jahren folgt die in einem Dorf in der DDR wohnende Familie einem Nachbarn in den Westen, doch dort, obwohl sie wieder nebeneinander wohnen, hört der Kontakt auf. Offenbar weiß der Nachbar zu viel von jenen Vorgängen, die das Schweigen ausgelöst haben. Erst Jürgen wird diesen Kontakt langsam wieder herstellen.
Nachdem er die Nachricht von der sterbenden Großmutter erhalten hat, reist der mit der Ärztin Ruth in einer festen Beziehung lebenden Enkel Nicki ins Krankenhaus, doch er kommt zu spät. Die Großmutter ist gestorben. Nach ihrem letzten Willen wird sie auf dem Friedhof des ehemaligen Wohnortes in der ehemaligen DDR begraben, und die Beerdigung dort löst in allen drei Männern noch einmal viele Erinnerungen aus.
Doch die Erinnerungen bleiben rudimentär und vor allen Dingen meistens in den Köpfen der drei Männer hängen. Sie können nicht miteinander reden über das , worüber sie Jahrzehnte lang geschwiegen haben. Das dunkle Schweigen hat eine lange Tradition in dieser Familie, und es wurde von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Grethes und Walthers Ehe lebte von dem Unaussprechlichen, Jürgens Beziehungen zu Frauen scheiterten immer sehr schnell und auch die Beziehung von Nicki zu Ruth, die als ausgesprochen verständnisvollen und einfühlsame Frau geschildert wird, wird durch die Vorgänge nach dem Tod der Großmutter auf eine ernste Belastungsprobe gestellt, von der lange nicht klar ist, ob sie nicht auch diese Beziehung zerstören wird.
Ruth, in deren Figur sich die Autorin jenem vorläufigen Endprodukt eines männlichen Schweigens annähert, das sie möglicherweise selbst oft erlebt hat, möchte etwas wissen über die Familiengeschichte jenes Mannes, den sie liebt und mit dem sie Kinder haben möchte, doch Nicki hat dieses hilflose und sprachlose Schweigen geerbt, ein Schweigen, das die ganze Tragik eines Jahrhunderts in sich trägt, die von Vätern, die den Krieg gar nicht erlebt haben, aber unter ihren kriegsbeschädigten Väterseelen und Familien gelitten haben auf die Söhne vererbt wird, die dann, mit jungen Frauen konfrontiert, irgendwann spüren, dass irgendetwas mit ihrer Familie los ist, was ihre Beziehungen zerstört.
"Und dann diese Stille" ist ein meisterhafter Familienroman, der nicht nur fabelhaft die generationenübergreifende Dynamik einer durch den Krieg belasteten und nicht bearbeiteten Familiengeschichte dokumentiert, sondern auch sprachlich virtuos sich einem vielen Frauen bekannten Phänomen nähert, das ich als "Schweigen der Männer" bezeichne.
Ein wunderbarer Roman, der das dritte Buch dieser Autorin schon heute mit Spannung erwarten lässt.