Neue Zürcher Zeitung
Mensch und Tugend
Eine Einführung
in die chinesische Philosophie
Von Heiner Roetz
Deutschsprachige Einführungen in die chinesische Philosophie sind dünn gesät. So mag man die Initiative des Primus-Verlages begrüssen, eine kurzgefasste Darstellung auf den Markt zu bringen. Der Autor, an der Universität München promovierter Chinese aus der Volksrepublik, konzentriert sein Werk auf «Geist und Kern» und die «Grundzüge» der chinesischen Philosophie, wobei er sich mit zahlreichen Zitaten vor allem auf den klassischen Konfuzianismus und den Taoismus bezieht. Diese Grundzüge, so Gan, sind das «Hingewandtsein auf die Menschen und das praktische Leben», also die Beschäftigung mit Fragen der Ethik (wenngleich, wie er versichert, es «natürlich auch Metaphysik, Erkenntnislehre und Logik» gebe), die ganzheitliche Orientierung an der «Einheit von Himmel und Mensch», die Betonung gesellschaftlicher Harmonie und Ordnung statt individueller Freiheit sowie das Bestreben um «Geistes- und Charaktervervollkommnung». Wenngleich hiervon «nicht alles für unsere gegenwärtige Gesellschaft gelten» könne, liefere China doch Korrektive für den «absoluten Individualismus» der Moderne.
All dies klingt recht hergebracht. Gan kommt denn auch über eine konventionelle, wenig problematisierende und differenzierende Darstellung nicht hinaus, zumal die Philosophie, die er neben der «an chinesischen Universitäten gelehrten» vor Augen hat, die «von den Chinesen im Leben praktizierte» ist. Von hier mag die populäre Überbetonung der Bedeutung des «I Ging» (Yijing), laut Gan «die gemeinsame Wurzel der verschiedenen Schulen der chinesischen Philosophie», sogar einleuchten und ebenso die völlige Ausblendung der Kritik am holistischen Weltbild durch Xunzi, einen der grossen Konfuzianer der Antike.
Nicht durchweg verlässlich sind Gans Wiedergaben der Klassikerstellen. So heisst es etwa im konfuzianischen «Daxue» über den «Edlen» nicht, dass er «zunächst die Tugenden haben muss, dann kann er ein Mensch geheissen werden» man bedenke die Folgen für das Verständnis von Menschenrechten im konfuzianischen Kontext , sondern dass er «im Besitz der Tugend die Menschen auf seiner Seite hat». Gut getan hätte dem Buch eine Überarbeitung des nicht immer glücklichen Deutsch was selbstredend nicht an die Adresse des Autors, sondern an die des Verlags gerichtet ist. Wünschenswert wäre auch ein weiterführendes Literaturverzeichnis. Das vorliegende begnügt sich neben modernen chinesischen Quellenangaben mit blossen Verweisen auf deutsche Übersetzungen chinesischer Klassiker ein Indiz dafür, wie wenig der westliche Diskurs über die chinesische Philosophie von Chinesen ernst- und wahrgenommen wird?
Gan Shaoping hat sich mit seinem Buch vorgenommen, die «Quintessenz der chinesischen Philosophie» darzustellen. Herausgekommen ist eine etwas nonchalante, stark verallgemeinernde populäre Einführung, aber leider kein Werk, das die Fachphilosophie nötigen würde, ihren bekannten Dünkel gegenüber China zu überdenken.
Kurzbeschreibung
Der Autor gibt einen systematischen Überblick über die wichtigsten chinesischen Philosophen, Werke, Schulen und Begriffe. Die Prägnanz und Allgemeinverständlichkeit der Darstellung und ihre Konzentration auf das Wesentliche ermöglichen dem Philosophen wie dem Nichtphilosophen gleichermaßen, die fremde chinesische Kultur, deren Lebensweisheiten und die pragmataische Denkweise der Chinesen zu begreifen.