Das Besondere an Onfrays Buch, ist, dass er sich dem Gottesthema nicht so sehr von der Warte der wissenschaftlichen Analyse nähert, sondern von der Warte des, sagen wir mal, lebensfohen Menschen, der nicht begreifen kann, wie Religion das diesseitige Leben so sehr beeinträchtigen kann. Religion ist für ihn in Wesentlichen ein Hindernis in Bezug auf die Möglichkeit, sein Leben auszukosten - und dieser Preis ist ihm zu hoch, weil er davon überzeugt ist, keine Gegenleistung dafür zu erhalten.
Das erzeugt stilistisch eine gewisse Polemik und die eine oder andere Spekulation, die nicht ganz belegbar ist, z.B., dass Paulus das Christentum mit seinen eigenen seelischen Problemen geprägt hat. Vielleicht vermisst man auch eine gewisse Differenzierung, da die Ablehnung der Religion aus jeder Seite atmet und nicht viel Platz für eine Würdigung eventueller positiver Seiten lässt.
Der Ton des Buches ist kämpferisch, denn Onfray ist der Ansicht, dass die Zeit drängt, für jeden, der sein Leben leben will, nicht im ewigen Verweis auf das Jenseits, darauf zu verzichten. Onfray gehört zu denjenigen, die den Atheismus (ein Wort, das er übrigens bereits als Diffamierung empfindet) radikalisieren, da sie ungeduldig werden mit einer Gesellschaft, die das Diesseits seit so langer Zeit immer wieder auf ein seiner Ansicht nach fiktives Jenseits bezieht.
Er verweist auf die unzähligen Einflüsse, die Religion in Staat, Kultur, Gesellschaft und Gesetzgebung hat und stellt die Frage, warum das so ist. Denn die moralischen und gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne schreibt er nicht der Religion zu, er ist überzeugt davon, dass diese gegen den Widerstand der Religion erreicht wurden.
Sicher kann man am polemischen Ton des Buches einigen Anstoß nehmen, allerdings enstehen doch atemberaubende Momente, wenn man sich fragt, was ist, wenn er recht hat? Wenn Fiktionen seit Tausenden von Jahren das Leben prägen und dafür sorgen, dass man sein Leben daran ausrichtet? Der bezahlte Preis wäre in der Tat hoch.