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Letales Experiment
«brütt»: Friederike Mayröckers radikales Prosapoem
Sie lebt, und wie, in Wien, die «progressive Universalpoesie», die Friedrich Schlegel um 1800 zum Prinzip «romantischer Dichtart» erhob. Eine Literatur, die «ewig nur werden, nie vollendet sein kann», die «alle getrennten Gattungen der Poesie wieder vereinigt», die eine «Wechselsättigung der Formen und Stoffe» bewirkt, die Reflexion «immer wieder potenziert und wie in einer Reihe von Spiegeln vervielfacht» was beschreiben solche Formulierungen treffender als jene «heiligen Spiele», die die Österreicherin Friederike Mayröcker seit nunmehr fünf Jahrzehnten als solipsistisches Gesamtkunstwerk betreibt?
Lyrik und kurze Prosa, Romane und Hörspiele hat die 1942 geborene Dichterin verfasst und dabei die Grenzen zwischen den Schreib- und Denkformen in jenem Sinn aufgelöst, den Schlegel «Ironie» nennt. Mayröckers Werke verbinden das Kreative mit dem Kritischen, das Sinnliche mit dem Intellektuellen, das Elementare mit dem Künstlichen, das Fiktive mit dem Realen, das Private mit dem Öffentlichen, das Existentielle mit dem Rhetorischen, das Chaotische mit dem Systematischen. Schwebe ist alles, und das Geschaffene eine unendliche Folge von Setzung und Aufhebung. Dichtung habe «überall zugleich Poesie und Poesie der Poesie» zu sein, heisst es bei Schlegel, und bei Mayröcker ist die Reflexion der Bedingung der Möglichkeit des Schreibens ebenso ubiquitär wie der «Witz» als «prophetisches Vermögen» und als «Explosion von gebundenem Geist».
Innerhalb der zerbrochenen Welt zielt Mayröckers Schreiben auf Totalität, doch nähert es sich dieser nicht aus dem Bewusstsein des Absoluten, sondern aus absolutem Bewusstsein. In der Autonomie des Ich sieht die Poetin das Geheimnis des Ganzen verborgen. So steht ihr Name für den romantischen (und nicht weniger: modernen) Traum, Kunst und Leben zur Deckung bringen zu können. Der Leser seinerseits wird Teil des Werks, indem er durch die Lektüre in den Prozess der Kreativität hineingerät und mithin selbst zum Künstler avanciert.
«1 immerfort Reden»
Das (Kunst-)Ideal und das Leben im jüngsten Prosapoem Friederike Mayröckers klaffen sie bereits im Titel auseinander. «brütt oder Die seufzenden Gärten», das bekräftigt zum einen den Willen zur poetischen «Raserei», zum anderen gesteht es die mögliche «Erschöpfung» eben dieses Willens ein. Die monomanische Schreibzimmerexistenz der Ich-Erzählerin findet ihre Grenze zunächst in der Banalität dessen, was täglich ordnend zu verrichten wäre, doch über die blosse Auflistung hinaus unerledigt bleibt. Die mit Zetteln und Heften, Büchern und Blättern, Koffern und Kleidern, Geschirr und Trödel vollgestopfte Wiener Wohnung der Dichterin ist nachgerade legendär. Doch nicht allein die Dingwelt wächst der Protagonistin über den Kopf, auch die Gänge ins Freie und die Anwesenheit von Menschen werden zur Qual. So erweist sich der «Zettelrausch» immer mehr als «Schreibverlotterung». Zugleich aber alimentieren die täglichen Kleinkatastrophen den Strom der Aufzeichnungen und verleihen ihm jene Komik, die verhindert, dass er zum papierenen Ritual gerinnt.
Auch sonst nimmt sich Mayröcker nicht ernster als nötig. «Du fragst, wovon die ganze Sache handelt?, ES HANDELT VON NICHTS», lässt sie die Ich-Erzählerin zu Blum sagen, jenem ewigen «Pappkameraden», der als «massgeschneiderte Konzeption», als Kritiker und Tröster die Einsamkeit vertreibt. «Es ist 1 immerfort Reden», doch ist der Endlosmonolog virtuos aufgefächert in tatsächliche und fiktive Dialoge, Telefonate, Briefwechsel mit realen und imaginären Personen. Lektüren und Zitate, Nachtreste und Wachträume, Episoden und Erinnerungen, Wortkaskaden und Sprachmeditationen halten den Leser in Atem, doch auch die Syntax ist eine Verschlingung und die Interpunktion ein Stolperstein.
Es sind Kunstwerke, die das «Feuerrad in der Brust» der Protagonistin immer wieder zum Kreisen bringen. Berge von Büchern (Butor, Derrida, Novalis, Bataille) sind da, jedes verzettelnd «1 wenig anzusaugen»; Kunst (Dalí, Matisse, Schiele) und Musik (Bach, Schubert, Pergolesi) greifen übers Ästhetische hinaus und gewinnen körperliche Präsenz. Am Bildnis eines Knaben von Picasso entlädt sich die päderastische Phantasie der Erzählerin, Lieblingsautoren pflastern ihre Bettstatt. Ohne Ende schliesslich das poetologische Sinnen: In jeder möglichen Art thematisiert der Text sich selbst, ob nun die eigene Radikalität bemängelt («alles [zu] sehr Partitur») und Schreibart denunziert («meine verfluchte Poesie-Produktion 1 einzige Auskocherei»), eine Passage verworfen («habe jüngstes Kapitel abgeurteilt . . . muss gehärtet, gehäutet werden, bis auf die Knochen») oder an die Mühsal des Schreibanschlusses erinnert wird.
Sturz in die Zeit
Wie die Fliege im Zimmer, so neigt auch die Ich-Erzählerin zur Panik. Es sind der Tod der Mutter und eine «letzte» Liebe, die dem Zweifel am Sinn des eigenen Tuns eine schneidende Schärfe verleihen. Beide bedeuten sie den Sturz aus dem «Schreib-Himmelreich» in die Zeit, woraus sich erklärt, dass «brütt» als (diskontinuierliches) Tagebuch angelegt ist. Das Alter zehrt am «faltenverschnürten Leib» der Heldin, und ihre Zuneigung bleibt sofern es sich bei Joseph nicht ohnehin um eine «Zettelfigur» handelt unerwidert. Ihren erotischen Wünschen verweigert sich Joseph ebenso wie dem poetischen «Eigensinn» ihrer Existenz. Durchaus nicht zu Unrecht begegnet er dem Totalitarismus ihrer Gefühle mit «ironischer Reserviertheit», hegt die Urheberin ja selber den Verdacht, ihr Begehren sei «nichts anderes als 1 Verfallensein, 1 Vernarrtheit in die Natur der Liebe selbst». Und doch triumphiert die Leidenschaft über die Leere, solange sie davon erzählen kann, weshalb die Suada nicht enden darf (und nach 350 Seiten doch enden muss).
So wenig wie die Liebe bewahren, so wenig vermag die Ich-Erzählerin dem Tod zu wehren; in ihrer Absolutheit entziehen sich beide den Möglichkeiten ihrer Augenblickskunst. In Frage steht daher nicht weniger als die Poetik des Exzesses als solche, ist das Glück, schreibend «am Leben zu sein, rein, mit dem ehrgeizigen (auch elegischen) Herzen», doch erkauft durch die Abwendung von Zukunft und Vergangenheit. Angesichts des nahenden eigenen Endes muss die «Selbstverschwendung» als Versäumnis und die «Buchstabengegend» als Unort erscheinen. Wo in der Langsamkeit des Erzählens die Geschichte aufzuheben und so der Tod zumindest symbolisch zu überwinden wäre, hinterlässt der «Wirbel von Buchstaben, Wörtern, halben Sätzen» bloss eine «verschwindende Schrift». Die Lektüre von Wolfgang Koeppens «Es war einmal in Masuren» löst eben daher Bestürzung aus: Die eigene Kunst, nichts als ein grosser narzisstischer Selbstbetrug «ich habe alles falsch gemacht, ich habe alles verloren, vertan, versäumt, ich habe die falsche Richtung eingeschlagen, vielleicht ist die SPRACHÄSTHETIK (. . .) die falsche Zielsetzung gewesen, in dieser von Ungeheuerlichkeiten erschütterten Zeit».
Gemessen an Musil findet die Erzählerin ihre «Sprache ungenau, schwächlich, flüchtig, nicht imstande, wirkliche Schatten zu werfen». «Eine Art ROMANHAFTIGKEIT» schwebt nun auch ihr vor, doch kann es sich dabei nicht um Anekdotisches, sondern allein um die Geschichte des eigenen unabdingbaren Scheiterns handeln. Die Entschlossenheit nämlich, «permanent provokative Bücher zu schreiben», entspringt nur teilweise eigenem Willen: «Jemand anderer hat meine Bücher geschrieben, nicht ich.»
Die Geister, die sie rief, wird die Heldin nicht mehr los. Die Sprache ist eine «Kopuliermaschine», im «Buchstaben-Delirium» spricht es aus ihr, was dem «Selbstversuch am lebenden Hirn und Herz» objektiv-notwendige Züge verleiht.
Die Versöhnung von Erzählen und Delirieren, von Schönheit und Berserkertum kann einzig in einem bis zum Letzten verschärften poetischen Aberwitz, in einem «letalen Experiment» liegen. Es wäre ein Irrtum, im vorgebrachten Zweifel eine Abkehr Mayröckers vom Existentialismus des Schreibens sehen zu wollen. Im Gegenteil wird hier eine Altersradikalität bekräftigt, die ohnegleichen ist. «brütt», dieses «verfluchte» und «gebenedeite Buch», löst als Dekonstruktion der Dekonstruktion die neue Qualität des poetischen «Hakenschlagens» gleich selber ein. Es zeigt Friederike Mayröcker auf der Höhe einer Kunst, die das Leben riskiert. Die Dichterin, kein Zweifel, wird ihrem «Kampfplatz» bis in den Tod treu bleiben. Friedrich Schlegel bekanntlich zog es vor, zum Katholizismus zu konvertieren.
Andreas Breitenstein
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.