Judentum, Christentum und Islam in ihrer traditionellen Auslegung sind es, denen Ferkel und Igel in diesem Buch begegnen. Dabei erfahren die beiden einiges über die Inhalte von Thora, Bibel und Koran. Sie machen sich Gedanken darüber, stellen Fragen oder reagieren ganz einfach bestürzt und empört, wenn ihnen etwas besonders Grausames erzählt wird. So wird auf einfache Weise - auch für Kinder gut verständlich - deutlich gemacht, was so problematisch ist an bestimmten Inhalten von Thora, Bibel und Koran. Aber auch Erwachsene können davon profitieren. Wer bislang immer nur die Sonnenseite dieser "Heiligen Schriften" gesehen hat, für den bietet das Buch eine gute Gelegenheit, in einer Art Schnupperkurs eine kritischere Sichtweise kennenzulernen.
Ins Blickfeld gerät dabei manches Wohlbekannte. So die Geschichte von der Sintflut. Sie gehört zu den Geschichten, die Christen gern schon recht früh ihren Kindern erzählen. In acht meiner neun Kinderbibeln kommt sie vor. Alle acht erzählen in unbeteiligtem Ton von diesem Massensterben durch Ertrinken; Mitleid mit den Opfern ist nirgendwo zu finden. Da ist es gut, dass es jetzt ein Buch gibt, in dem das Grauen wieder fühlbar gemacht wird: "Alle Menschenbabys, alle Omas und alle Tiere?", fragt das kleine Ferkel. Ein Augenöffner für Menschen, denen noch nicht aufgefallen ist, wie viele Tote es in dieser Geschichte gibt und wie wenige Ausnahmen. Menschen, denen ganz andere Kommentare zu dieser Geschichte vertraut sind, wie: "... an Noah wird sichtbar, wie Gott schützt und erhält" (
Neukirchener Kinder-Bibel: Mit einer Einführung in die Bibel und ihre Geschichten, S. 301), oder: "Alle sind froh" (
Komm, freu dich mit mir: Die Bibel für Kinder erzählt, S. 98).
Das Grauen wird fühlbar gemacht im "Ferkelbuch", aber die Kinder werden nicht damit alleingelassen. Sie erhalten allerlei Hilfen, um besser damit umgehen zu können. Das beginnt damit, dass Kindern ein Ventil für ihre Gefühle angeboten wird: "Das ist ja so was von gemein!", denkt das Ferkel. Auf der nächsten Seite hören die Tiere, dass Götter verehrt werden, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Das gibt Anlass zu weiteren Überlegungen: "Ich wette, der hat die Geschichte bloß erfunden", meint das Ferkel und erklärt, dass es sie nicht glaubt (viele christliche Eltern glauben sie übrigens auch nicht). Der Igel geht noch weiter: Er glaubt nicht an einen Gott, der so etwas tut. Alles Erschreckende wird in den Bereich der Phantasie verwiesen; Kinder brauchen davor nicht mehr Angst zu haben als vor irgendwelchen Hexen, Drachen oder Science-Fiction-Monstern.
Die Geschichte vom Kreuzestod Jesu ist eine weitere Geschichte, auf deren Problematik Michael Schmidt-Salomon zu Recht hinweist: Die Tiere sind erschrocken beim Anblick des blutenden Gekreuzigten, sie denken daran, wie furchtbar das weh tun muss; und das Ferkel stellt fest, wie unnötig dies schwere Leiden ist. Hier wird freilich eine Chance vertan: Das Leiden ist nicht nur dann unnötig, wenn Ferkel und Igel "immer ganz brav" waren. Es ist auch dann unnötig, wenn sie - wie die meisten Kinder - das eine oder andere ausgefressen haben. Es wäre sogar dann unnötig, ja unsinnig, wenn sie wirklich schlimmen Schaden angerichtet hätten. Durch eine Strafe, die einen Unschuldigen trifft, wird ja nichts besser; es kommt nur neues Unrecht hinzu.
Damit genug der Beispiele. An dieser Stelle muss ich eingestehen, dass meine Rezension bis hierher fürchterlich ernsthaft und ziemlich schwerverdaulich klingt. Das liegt an mir. Neidlos muss ich anerkennen, dass es dem Autor des "Ferkelbuchs" gelungen ist, sein Thema leicht verständlich und auf unterhaltsame Weise zu präsentieren. Kinder wie Erwachsene können ihre Freude haben an den pfiffigen Fragen und Überlegungen von Ferkel und Igel. Auch sonst bietet das Buch einiges zum Lachen.
Leider hat das Buch auch seine Schattenseiten. Für Kinder würde ich es nur mit Einschränkungen empfehlen.
Nicht so gut finde ich, dass Kinder dazu ermuntert werden, die Kleidung der Religionsvertreter "lustig" zu finden. Die Neigung von Kindern, über ungewöhnliche Kleidung zu lachen, bringt schon genug Überheblichkeit und genug Ausgrenzung mit sich. Muss ein Kinderbuchautor noch zusätzlich in diese Kerbe hauen?
Leider scheint der Autor nicht einmal etwas dagegen zu haben, wenn Menschen - so wörtlich - "ausgelacht" werden. Respektvoller Umgang mit Andersdenkenden ist ein wichtiges Erziehungsziel. Respektlosigkeit gegenüber bestimmten religiösen Vorstellungen darf nicht in Respektlosigkeit gegenüber ihren Anhängern umschlagen. Im "Ferkelbuch" geschieht das leider an mehreren Stellen: "Wer ist schon so blöd, dass er eine solche Geschichte glaubt?" - sind also die Menschen blöd, die das glauben? "Die Leute vom Tempelberg sind wirklich verrückt!" - die Leute, nicht nur ihre religiösen Vorstellungen? Und macht der Gottesglaube - was auch immer man davon halten mag - den Rabbi, den Bischof und den Mufti zu Menschen, die das Ferkel auslachen darf?
Wenig hilfreich finde ich schließlich die Szene, in der Rabbi, Bischof und Mufti körperlich aufeinander losgehen. Sicherlich werden einige Kinder darüber lachen, weil es ihnen absurd vorkommt, dass Vertreter von Religionen sich so benehmen; so völlig anders als die wirklichen Vertreter von Religionen, denen die Kinder begegnet sind. Das könnte ein falsches Licht auf die Glaubenslehren werfen, die im Buch zur Sprache kommen: Als wäre es ebenso absurd und ebenso weit von der Wirklichkeit entfernt, dass ein Rabbi, ein Bischof oder ein Mufti derartige Lehren vertreten. Ein wichtiges Anliegen des Buches - die Aufmerksamkeit auf diese Lehren und ihre Problematik zu lenken - könnte dadurch weniger zum Zuge kommen.
Dabei ist es noch besser, wenn Kinder das Verhalten von Rabbi, Bischof und Mufti für absurd halten, als wenn sie auf den Gedanken kommen, von den religiösen Menschen in ihrer Umgebung etwas Ähnliches zu erwarten. Es wäre keine Hilfe zur Entwicklung zutreffender Vorstellungen. Jedenfalls nicht in Städten wie Braunschweig, wo ich seit drei Jahrzehnten lebe und wo meine Kinder aufgewachsen sind. Dort haben wir die meisten Christen als Menschen erlebt, mit denen wir gut auskommen können. Gewalt zwischen den Religionen gab und gibt es in dieser Welt, gewiss, aber für meinen Jüngsten kommt es erst einmal auf die Menschen an, denen er tatsächlich begegnet. Es ist mir wichtig, dass er unbefangen und ohne unbegründetes Misstrauen auf diese Menschen zugehen kann. Ich werde ihm das "Ferkelbuch" nicht vorlesen.