Diesem Buch habe ich mich mit einer eigentümlichen Mischung aus Scheu, Widerwillen, Voyeurismus, Neugier und eigener Betroffenheit genähert. Vorangetrieben hat mich bei der Lektüre dann vor allem die Betroffenheit, die unmittelbare Konfrontation mit Existentiellem. Hier sitzt man nicht in Plüschssesseln, um in Abendrobe und illustrer Gesellschaft einen netten Theaterabend zu verbringen und in den Pausen mit dem Cocktailglas über die Inszenierung, die Schauspieler oder die geschmacklosen Schuhe von Frau Müller zu plappern. In diesem Buch wird ein reales Stück aufgeführt. Ein Drama von Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung, Schuld und Sühne. Und wie es letztlich ausgeht, muss offen bleiben. Aber da es ein Stück protokollierter Zeitgeschichte ist, kann man sich als Leser dem Geschehen nicht so einfach entziehen wie bei Goethes Faust. Gerade weil es keine Kunstfiguren sind, wird man mit den dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit konfrontiert, mit dem eigenen Narzissmus, mit den eigenen Ängsten und mit den eigenen Verlorenheiten. Da ist die Versuchung natürlich gross, sich durch klassische Distanzierungen unbequemen Fragen zu entziehen, klare Grenzen zwischen Täter und Opfer zu graben, dem Buch und seinen Autoren Weisswäscherei vorzuwerfen.
Ich meine, dass die Qualität dieser ausserordentlichen Berichterstattung gerade darin liegt, dass die wesentlichen Fragen offen bleiben. Selbstverständlichkeiten in existentiellen Lebenssituationen und verbindliche Antworten kann nur erwarten, wer sich nicht aus seiner vermeintlich sicheren Wahrheitsbehausung wagt. Wer Gewissheiten will, wird ja ohnehin schon gut versorgt. Sie auch noch in diesem Buch zu suchen, kommt nicht gut heraus. Und wer es trotzdem macht und dann dem Buch die Schuld gibt, hat sich gerade dem Wesentlichen entzogen.
Nach der Lektüre der sehr verschiedenen Beiträge weiss ich zwar nicht, welche individuellen Lebensgeschichten zu den Verhaltensmustern führten, die so viele menschliche Dramen nach sich zogen. Aber mit wurde wieder einmal bewusst, wie schmal die Grenzlinie zwischen oben und unten ist. Eine Woche vor der Lektüre war ich im "Deutschen Hygiene Museum Dresden", wo ich zufällig in die Ausstellung "Tödliche Medizin" kam. Und als einer der vielen jungen Besucher mich ansprach, weshalb mir Tränen über die Wangen kullern, konnte ich nur stammeln, dass meiner behinderten Tochter wohl damals,im Nationalsozialismus das gleiche Schicksal gedroht hätte. Weil eine Glaubensgemeinschaft mit Wahrheitsanspruch meinte, sie könne und dürfe entscheiden, was wertes und was unwertes Leben sei. Am Ausgang dieser Ausstellung waren dann ohne Kommentare Fotografien von Ärzten und Psychiatern zu sehen. Unter drei Kategorien: "Zur Rechenschaft gezogen - Geflüchtet und unauffindbar - Karriere gemacht". Wer den ehemaligen RAF-Aktivisten und Anhängern salopp vorwirft, sie könnten schlecht mit der eigenen Schuldigkeit umgehen, muss sich vielleicht auch mit anderen missglückten Schuldaufarbeitungen beschäftigen. Aber das geht wohl nur, wenn man sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten auseinandersetzt. Dazu liefert dieses Buch Gelegenheiten.
Mein Fazit: Ein Buch, das den Versuch unternimmt, ein Stück Zeitgeschichte aufzuarbeiten, das den Leser mit existenziellen Fragen und Nöten konfrontiert und ihm durch Verweigerung klarer Antworten auch Einblicke in sein eigenes Seelenleben ermöglicht. Für Schuldzuweiser und Wahrheitsfanatiker keine geeignete Lektüre.