Dieses Buch habe ich ebenso gierig verschlungen wie alle anderen Sachbücher von Esther Vilar (auf die Romane werde ich mich als Nächstes stürzen).
Sie entwickelt hier die These, dass Dummheit (nicht im Sinne von fehlendem Wissen, sondern von fehlender Phantasie und Sensibilität) leider die Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg und die Erklärung für viele geschichtliche Tragödien ist.
Manche werfen Vilar vor, sie sei gern zu polemisch, und übersehen dabei, dass Polemik beileibe nicht ihre einzige Waffe ist. Das Faszinierendste an ihr ist m. E. ihre Fähigkeit (die sie auch in diesem Buch unter Beweis stellt), in größeren Zusammenhängen, über die Grenzen mehrerer Themengebiete hinweg, klar strukturiert und logisch zu argumentieren, so dass Vilar-Bücher beinahe wirken wie mathematische Gebilde - und dabei für jedermann leicht lesbar sind.
Und das paart sie auch noch mit sehr viel Bildungshintergrund, Beobachtungsgabe, absoluter Respektlosigkeit und v. a. auch Wortwitz, der die Lektüre zum Vergnügen macht. Ein echter Brüller ist z. B. das Kapitel über dekadentes Kunstmäzenatentum.
Als reale Lebenshilfe geeignet sind Vilars Ausführungen zum Thema Liebe, mit denen sie z. T. an frühere Bücher anknüpft.
Die Kapitel über Dummheit und Macht haben zwar den Nachteil, den Leser vielleicht frustriert zurückzulassen, weil sich wohl eh nicht viel ändern wird, aber den Vorteil, dass man übertriebenen Respekt vor Mächtigen verliert und sich ihnen nie mehr unterlegen fühlen kann.
Wer anschließend Appetit auf mehr von Esther Vilar, aber wenig Zeit zum Lesen hat, dem sei ihr Buch "Denkverbote" empfohlen, eine stark komprimierte Zusammenfassung ihres essayistischen Lebenswerks, das auch Elemente aus dem hier besprochenen Buch wieder aufgreift sowie ihre eigenen Vorschläge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme konkreter ausführt.