Das neue Buch des bekannten und ausgewiesenen Sachbuchautors Robert Misik zum Thema Religion muss den heftigen Widerspruch des Rezensenten hervorrufen, der von Haus aus Theologe ist, und seit langem die neue Debatte über die Wiederkehr der Götter, der Renaissance der Religion und die von Jürgen Habermas so bezeichnete postsäkulare Gesellschaft in seinen Arbeiten verfolgt und der in den letzten Jahren zunehmend skeptischer geworden ist über die Entwicklung des Islam und seine baldige Reformierbarkeit.
Robert Misik bläst mit seiner locker und gut lesbar geschriebenen Streitschrift heftig gegen die Religion, vor allem die christliche und stößt dabei mit vollen Tönen und sehr unkritisch in das Horn des immer fanatischer werdenden Atheisten Richard Dawkins, dessen Thesen Misik ungeprüft übernimmt.
Misiks Sichtweise der christlichen Religion ist unhistorisch, er wirft ein fast 3500 Jahre altes Gottesbild von ringsum von gewalttätigen Feinden bedrohten Nomaden in Israel in einen Topf mit der jesuanischen Friedensethik und der Theologie des neuen Papstes und rührt alles zu einem Mix, der beseelt ist von einem an manchen Stellen spürbaren Hass auf alles Religiöse.
Dabei, muss man sagen, kommt der nun wirklich nach wie vor gewaltbereite und auch entsprechend in vielen Ländern der Erde aktive Islam bei Misik noch gut weg. Er sagt:
"Man muss also nicht fragen: ist der Islam mit der Demokratie vereinbar? Sondern: sind Religionen mit dem Wahrheitsanspruch der großen Monotheismen mit der Demokratie vereinbar ? Die Antwort ist simpel: Ja, das sind sie. Nämlich dann, wenn sie besiegt (!!) sind".
Hier an dieser Sprache wird deutlich, worum es geht. Wie will er denn die Religionen "besiegen"? Wahrscheinlich mit eben den Mitteln, die er den Religionen unterstellt, sie würden sie jederzeit wieder anwenden, wenn sie die Macht dazu hätten.
Mit keinem Wort geht Misik auf geschichtliche Entwicklungen ein wie etwa das neue Buch von Alexander Kissler "er aufgeklärte Gott", und von Theologie hat er, mit allem Respekt, keine Ahnung. Wenn jemand den Ausspruch Jesu "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert", auf militärische Gewalt bezieht, hat er die exegetischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte nicht zur Kenntnis genommen. Es geht bei Jesus nie, niemals um das Schwert als tötende Waffe, sondern es ist ein Symbol für das Trennende, das seine Botschaft bis hinein in die Familien wirken wird, wenn sich damals Menschen für den Glauben an ihn entschieden haben.
Misik unterstellt immer wieder in Nebensätzen, dass es die historische Person Jesu womöglich gar nicht gegeben habe und zeigt so wiederum seine Unkenntnis der auch außerchristlichen Quellen aus der damaligen Zeit.
Hoch anzuerkennen ist ihm allerdings, dass er ein empfehlenswertes Werk des katholischen Theologen Arnold Angenendt "Toleranz und Gewalt" diskutiert, in dem der Kirchenhistoriker zu frappierenden Erkenntnissen über die positiven Dimensionen und historischen Leistungen der christlichen Religion kommt.
Doch Misik tut dessen Thesen schnell ab: "Und ohnehin könnte man angesichts von Arnold Angenendts vielfältigen Hinweisen auf humane Prinzipien der christlichen Religion die Frage stellen, wieso denn dann eigentlich die christliche Religion derart oft in Gewalttätigkeit verfallen ist? Ist das nicht sogar ein Symptom für die Gefährlichkeit der Religionen, für eine innere Logik, gegen die die besten Prinzipien und höchsten Lehren offenbar keine Chance haben ? Man sollte sich das zumindest gut überlegen, bevor man zu dem Urteil gelangt, die modernen Gesellschaften bräuchten die Religionen , weil es ohne Sinn und spirituelle Dimension nicht geht."
Ja, das stimmt. Diese Fragen müssen diskutiert werden. Aber ordentlich und theologisch und historisch fundiert. Als ein positives Beispiel hierfür sei ein gerade im Pattloch-Verlag erschienenes Buch von Alexander Kissler erwähnt und wärmstens empfohlen, das unter dem Titel "Der aufgeklärte Gott" der Frage nachgeht "Wie die Religion zur Vernunft kam".
Auch Religionen entwickeln sich und verändern sich. Wenn die These von Jan Assmann über die Funktion der Monotheismen als Totschlagkeule eines sich immer radikaler und fanatischer gebenden Atheismus a la Dawkins benutzt wird, muss man sich fragen, warum diese Autoren die Religion so sehr hassen, das sie sie besiegen" müssen, wie Misik das schreibt. Vor einer Gesellschaft ohne Religion graut mir. Überall dort , wo ihre Ausrottung und Unterdrückung Programm war, haben sich die unmenschlichsten und brutalsten Diktaturen der Geschichte breitgemacht.
Dennoch: lesen Sie dieses Buch genau und dann lesen Sie Arnold Angenendts Buch, das neue Buch von Alexander Kissler, oder verfolgen Sie die überaus interessante Debatte zwischen Kardinal Ratzinger und Jürgen Habermas.
Mut zum eigenen Denken anstatt permanenter Diffamierung der christlichen Religion. Und lesen sie die neue Mohammed-Biographie von Hans Jansen, in der nachgewiesen wird, wie gewalttätig der Islam schon in seiner Gründungsfigur war. Das muss man Jesus von Nazareth erst einmal nachweisen...
Da mich dieses Buch aber als Theologe herausgefordert und zu dieser langen Rezension quasi gezwungen hat, bekommt es vier Punkte.