Nun, ich habe diese kleine Flaschenpost gefunden und geöffnet und halte sie jetzt im Arm.
Du schläfst leise. Du bist die blitzgescheite 25jährige junge Frau, der ich schon immer so gerne dabei zusah, wie sie sich das Haar aus dem Gesicht streicht und ihre Entscheidungen trifft - doch jetzt schläfst du hier auch als meine Tochter und weißt nicht, wie wunderschön du aussiehst. Keine Tränchen gestern abend, kein Kummer, den du mir plötzlich ausschütten mußtest, bevor ich dein Gesichtchen wieder froh machen kann. Nach deinem Spieltag gestern mit Eis und meiner entenfütternden Tochter in Latzhosen - ja ich wollte dich gleich in deinen Latzhosen sehen, und so solltest du eine gleich anbehalten - nach deinem Spieltag einfach eine glückliche Tochter, die mir beim Gewickeltwerden für die Nacht einfach mit ihren Fingern im Haar herumspielt und tausend kleine Fragen zu den Enten und den Schnabeltieren stellt. Wenn sie nicht gerade die Stirn runzelt und nachgrübelt, und süß aussieht, wie sie ihr Milchfläschchen im Mundwinkel dabei fast vergißt. Ach, zum ersten Mal ist es so einfach und leicht zwischen uns, Mutter und Tochter. Das tut so gut. Ich nehme dich nach dem Wickeln in den Arm und du bist noch etwas kühl vom Abgewaschenwerden zuvor. Ich ziehe dich mit mir unter die Bettdecke und du kicherst leise. Ich stupse dir auf die Nasenspitze und du glänzt mich mit deinen Augen an. Ach, diese Nacht haben zwei Frauen zum ersten Mal so sorglos geschlafen, wie es bei uns sein soll. Aneinander geschlungen in Löffelchenstellung, du bei mir und ich mit meinem Gesicht in deinem duftenden Haar.
Und am Morgen geht es so weiter. Mein Mädchen sitzt auf der Bettkante und baumelt mit den Beinen und blitzt mich an. Keine nassen Windeln heut morgen, sondern wieder ein stolzes Kinderstimmchen: "Siehst du, ich kann das!"
"Ich bin stolz auf dich, Schneeflöckchen", sage ich und gebe ihr einen Kuß auf den Bauchnabel. Woraufhin sie quiekt und ihren nackten schmalen Körper auf dem Laken hin und her biegt. "Mamma, nein, Mamma, nein...!"
"Ach, bist du kitzlig?" Ich gebe ihr einen Klaps auf ihren Pamperspo, während sie ihren Kopf unter dem Kopfkissen versteckt, und sage: "Na los, Spatz, ab ins Badezimmer, und mach dir schon mal die Pampers ab, damit ich dich waschen kann!"
Später steht sie vorm Spiegel, hält den Kopf schief und kämmt sich das Haar und summt vor sich hin. Und dann geht sie zu ihrer Schublade, und ich muß lachen. Heute ist ja der erste Tag, wo ich mir nicht mehr mit Pampers aus der Probepackung bei ihr behelfen muß, sondern wo sie schon richtige Trainers zum Anziehen hat. Slips gibt es freilich auch nicht. Und dann geht sie zu ihrer Schublade - und ich muß wirklich über mein kleines Geliebtes schmunzeln. Sie nimmt die Trainerpants nicht einfach aus der großen Plastikpackung aus dem Sanitätshaus - nein, mein Mädchen hat sich eifrig ihre Schublade mit ordentlichen Stapeln von Trainerpants eingeräumt, dort, wo andere Mädchen ihre Slips einsortiert hätten, und nimmt jetzt eine Trainerpants heraus. Ich muß leise lächelnd den Kopf schütteln.
Sie dreht sich um: "Was denn?"
"Ach, komm einmal her, ich muß dich in den Arm nehmen!"
In ihrem Kleiderschrank, in ihrer kleinen Welt, die sich mein Mädchen schon eifrig eingerichtet hat, gibt es natürlich nicht nur die Schublade mit ihren Slips - naja, Trainerpants bei ihr - sondern auch Regale mit ihren anderen Anziehsachen, mit ihren Latzhosen und Jeanskleidchen, Ringelsöckchen und Pullovern. Sie blickt sich zu mir um. Meine Kleine, darf sie sich heute ihre Anziehsachen selbst aussuchen?
"Na, was möchtest du denn anziehen, Spatz?"
"Hmmm, die hellblaue Latzhose da, die möchte ich. Und den gelben Pullover. Oder doch das Jeanskleid?" Sie legt den Kopf bisschen schief und überlegt. Wie sehr ich mein waches Mädchen liebe und sie gern dabei anschaue!
"Soll ich dir denn bei deiner Entscheidung helfen, Maus?"
"Hmm, ja. Sag mal."
"Das Jeanskleidchen hat doch ein recht kurzes Röckchen. Wir haben zwar jetzt schon Mitte Mai, aber gerade im Mai, wo man schon denkt, es ist schon warm, erkältet man sich manchmal am leichtesten. Und erinnerst du dich an die dickeren Windeln im Sanitätshaus gestern, die ich brauche, wenn mein Spatz krank im Bett liegt und ein heißes Köpfchen hat?"
"Manno! Du bist gemein!", zwinkert sie mich an. "Also heute die Latzhose, die hellblaue, und die blaßblaugelben Ringelsöckchen." beschließt sie. Und dann murmelt sie: "Ich hoffe, die dickeren Windeln sind noch da im Sanitätshaus, wenn du sie eines Tages für mich brauchst..."
Tsssst, tsssst, mein Wunderkind. Du bist naiv. Meinst du nicht, daß ich gestern abend, als ich nochmal ins Sanitätshaus rüberging, um die eine Pamperspackung und die eine Trainerspackung persönlich abzuholen (weil ich ja nicht auf die Lieferfrist beim Lieferservice warten wollte) - daß ich da nicht noch eine Packung mit den dickeren Windeln nachbestellt habe?
Mein Kind tanzt die Treppe herunter und zupft sich noch an ihren Sachen und der Latzhose, als ich zu ihr hochrufe: "Heute das Bananenmüsli oder lieber das mit den Preiselbeeren, Mäuschen?"
"Preisel... Preisel...", summt sie und dreht sich um den Treppenpfosten.