Die reine Mathematik ist eine Art Dichtung in logischen Begriffen. Man sucht nach möglichst allgemeinen Begriffen und Operationen, die einen möglichst weiten Kreis formaler Beziehungen in einfacher und logisch einheitlicher Weise umspannen. Bei solchem Streben nach logischer Schönheit werden die geistigen Instrumente erfunden, deren wir für das tiefere Eindringen in die Gestaltlichkeit der Natur bedürfen. (Albert Einstein nach einer Vorlage von H. Weyl. Erschienen im Nachruf auf Emmy Noether in der New York Times vom 5. Mai 1936). Aber nicht nur die Natur ist dem menschlichen Geist zugänglich, der zur Abstraktion der höheren Mathematik befähigt ist, sondern dieser Geist schafft aufgrund der Mathematik auch technische Errungenschaften wie Satellitennavigation, MP3-Player, Mobiltelefone, Internet, bildgebende Verfahren in der Medizin und vieles anderes mehr.
Die Geschichte der Mathematik steht noch am Anfang. Früher haben Schullehrer die Mathematikgeschichte geschrieben. Heute schreiben gerne Historiker über Mathematik es gibt Ausnahmen wie Hankel, Kline, Harold Edwards etc.- suchen aber das grosse Bild, und verstehen vielfach die Mathematik nicht. Und Mathematiker lieben die Mathematik und ihre Gebiete. Da passen Individuen nicht hinein. Aber gerade Biographien werden oft vom Publikum gelesen. Und man will nicht nur von Rationalität wissen, sondern auch von der Leidenschaft lesen, mit der ein Forscherleben seinen Charakter, sein Schicksal, Einflüsse, Familie und Freunde, Zufälle, Glauben, Pläne in ein kohärentes Geschick bringt. Aber wie bringt man abstrakte Mathematik und ein Gelehrtenleben in ein halbwegs passendes und lesbares Buch? Stephanie Fröba und Alfred Wassermann charakterisieren ausführlich mit biographisch-werkgeschichtlichen Portraits mehr als 72 klug ausgewählte Mathematiker. Schwerpunkte sind auf die Mathematiker des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts bis 1960 in den Bereichen Analysis und Algebra gelegt worden. Aber wieviel Leben und wieviel Mathematik ist in den Portraits tatsächlich enthalten? Es werden keine Mathematikkenntnisse beim Leser vorausgesetzt, denn Fachbegriffe und wenige Formeln sollen überlesen werden können, ohne dass das Verständnis darunter leidet.
Wir treffen auf Ästheten, Formelmanipulateure, Traumhörige, Einzelkämpfer, Netzwerke, das geniale Fräulein Nöther und Sonja Kovalevskaya, offene Partnerschaften, Eisenbahnschaffner, Nachtlebenbegeisterte, manisch Depressive, Homosexuelle, Spieleerfinder, Trinker, Fechter, Sprechgestörte, kurzum, es gibt so viele unterschiedliche Mathematiker wie es individuelle Menschen gibt. Das Leben kommt in diesem Buch vielleicht ein wenig zu kurz, aber dafür sind die werkgeschichtlichen Darstellungen konzis und prägnant. Die nicht-euklidische Geometrie wird sichtbar bei Bolyai und Lobatschewsky, die moderne Mathematik bei Hilbert, der Intuitionismus bei Brouwer und Weyl, die Axiomatisierung der Wahrscheinlichkeit bei Kolmogoroff, die Unvollständigkeit der Arithmetik bei Gödel. Wir lesen über John von Neumann, Alan Mathison Turing, Paul Erdös und auch die französische Mathematikergruppe Nicolas Bourbaki taucht auf.
Das Buch ist exzellent für den ersten Einstieg in die Geschichte der Mathematik und wird von mir empfohlen allen Lehrern, Schülern und interessierten Laien. Unschlagbar ist der Preis. (Ach ja, ein Satzfehler S. 231, Zeile 10 von unten, lies axiomatisch anstatt axoimatisch).