Mit der Heftigkeit von verletztem Stolz wies letzthin ein Autor auf die Gesetze des Marktes hin, als ich sein neustes Buch als missglückte Kopie seines eigenen Vorgängerbuches einschätzte. Nach einem Bestseller würden Autoren von ihren Verlegern unter Druck gesetzt, möglichst bald wieder ein Buch zu schreiben. Selbst wenn in der Zwischenzeit keine neuen Erkenntnisse ans Tageslicht gekommen sind. Ich antwortete dem Verärgerten mit einigen Zitaten über den freien Willen aus seinem eigenen Werk und hörte nichts mehr. Dass mir diese Episode bei der Lektüre des neuen Buches von Christian Gansch in den Sinn kam, ist kein Zufall. Doch es bedeutet nicht, dass "Wer auftritt, muss spielen" eine leicht veränderte Kopie des Werks "Vom Solo zur Sinfonie" ist. Nur finde ich es weniger geglückt als sein Vorgänger. Es scheint so, dass der österreichische Dirigent sich zunehmend als Managerberater etablieren will. Das ist sicher sein gutes Recht und ein netter Nebenverdienst. Allerdings fragte ich mich schon vor der globalen Wirtschafts- und Sinnkrise, wieso Manager keine Superheroes sind, obwohl sie so viele gute Tipps von allen Seiten bekommen. Einen Grund für die Vollzugskrise liefern die Neurowissenschaftler: Menschliches Verhalten ist so stabil, dass es sich durch gutes Zureden nicht verändern lässt. Aber kommen wir endlich zum Inhalt dieses Führungsratgebers.
Christian Gansch überträgt die Metaphorik eines Dirigenten und seines Orchesters auf Manager und ihr Unternehmen. Das finde ich zuerst einmal sehr viel sinnvoller als all die armen Tiere, Extremsportler, Zenbuddisten und Samuarikämpfer zu bemühen. Und da Manager eher in die Philharmonie als in ein Rockkonzert gehen, sind die Anknüpfungspunkte auch gegeben. Wie weit sich Nichtmusiker allerdings in die Welt der Künstler einfühlen können, frage ich mich oft bei eigenen Referaten. Was mir konzeptionell am Buch von Christian Gansch sehr gefällt, ist die Einteilung in "Wahrnehmen", "Entscheiden" und "Handeln". Denn die meisten Beraterbücher beginnen gleich mit schwer nachvollziehbaren Umsetzungsrezepten. Obwohl ich mit Begriffen wie "Die 360-Grad-Wahrnehmung", "Dickes Fell", "Innere Stärke" oder "Bauchgefühl" nicht viel anfangen kann, finde ich den sechzig Seiten umfassenden Wahrnehmungskurs von Christian Gansch erhellender als zahlreiche Lehrbücher. Und ich bin kein Klassikspezialist.
Gestört hat mich, wie sorglos der Autor mit dem freien Willen umgeht, wenn er im zweiten Teil die Orchestermetapher auf Entscheidungsmechanismen überträgt. "Selbstdenken statt Ideologien" lautet eines der Unterkapitel, womit der Autor im Einklang mit der Consulting-Brache postuliert, man könne sein Denken steuern wie ein Auto. Hat man die Wahrnehmungslektionen jedoch schon verinnerlicht, stößt man zwischen den Zeilen auf die Zweifel des Autors, dass dem tatsächlich so sei. Versöhnt haben mich dann die Unterkapitel "Wer auftritt, muss spielen" und "Die Kunst der Improvisation". Verstehen kann ich, weshalb der Autor in seinen Ausführungen zum Handeln über das Marketing wettert. Denn offenbar hatte er es nur mit traditionell vorgehenden Marketingverantwortlichen zu tun, die sich an Zahlen und Diagrammen festklammern und selbst Sinfonien als rational machbares Produkt betrachten. Warum Christian Gansch auf ein Literaturverzeichnis verzichtet, verstehe ich nicht. Will er damit andeuten, er sei der Erste und Einzige, der Zusammenhänge zwischen Kunst und Management aufzeigt? Ist er selbstverständlich nicht. Will er dem Leser mit der Lücke signalisieren, nach diesem Buch brauche es kein weiteres mehr - außer vielleicht den Folgeband vom Autor selber? Das wäre ebenso komisch wie tragisch.
Mein Fazit: Eigentlich steht in "Vom Solo zur Sinfonie" schon alles Wesentliche drin, was Christian Gansch mit seiner Metapher vom Dirigenten und seinem Orchester sagen will. Aber da der Autor wohl richtigerweise davon ausgeht, Manager hätte gerne alles passgenau auf sie zurechtgeschneidert, führt er sie eben in drei Schritten zur Führungskompetenz. Mir hat das weniger zielgerichtete Buch besser gefallen, da es kräftiger am Mythos kratzt, alles sei machbar.