Die - achwasweißichwievielte - »Die Ärzte«-Platte, »auch«, erschien am 13. April 2012, einem Freitag den 13ten. Ein schlechtes Zeichen? Gewiss nicht.
Seit »Jazz ist anders« sind fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen die selbsternannte beste Band der Welt wohl genug Zeit hatte, sich auf ihre wesentlichen Elemente zu konzentrieren, sich ein wenig voneinander zu entfernen und nun, 2012, wieder aufeinander zu treffen.
Zur Verpackung an sich: Die CD wird mit einem Spielfeld geliefert, inklusive drei Kronkorken mit den Initialen B, F und R. Wie man die aus Berlin (aus Berlin) kommende Band kennt, ist es aber kein normales Gesellschaftsspiel, was dem geneigten Besitzer der CD da angereicht wird. Für dieses Spiel muss man »Hardcore« sein. Anstelle ein paar Felder vor und zurück zu springen muss man sich hier seinen Erfolg sauer verdienen: Essen kochen, Mitspieler küssen, uralte Getränke aus dem Kühlschrank exen und »Freunde« aus seinem Handyverzeichnis löschen. Kleines Manko: Die CD dient als Drehscheibe. Ich bezweifle, dass das über die Zeit hinweg besonders gesund für die CD selbst ist. Aber wie Farin Urlaub schon sagte: So kaufen die Leute halt mehrere Alben, wenn die eine CD kaputt geht. Raffiniert.
Die Schachtel an sich sieht sehr alt und abgenutzt aus, wie ein altes Brettspiel, was seit Jahren im Schrank vermodert und an das man sich irgendwann mit viel Freude zurückerinnert, wenn man es herauskramt. Selbst das Material der Verpackung ist ein wenig rauer als die normalen Pappschachteln von CDs.
Hier gibt es also wenig zu motzen, »Die Ärzte«-üblich bekommt man hier eine sehr hübsche, ansehnliche Platte für sein Geld.
Und nun wohl zu dem Wichtigsten, der Musik:
»Auch« ist ein aus 16 Tracks bestehendes Wunderwerk der guten Laune. Ohrwurm trifft auf Ohrwurm, besonders Farin Urlaub trumpft, wie eh und je, auf dieser Platte mit seinen fetzigen Pop-Songs wie »M&F« auf, die einem im Kopf bleiben und wahrscheinlich auch nie wieder verschwinden werden. Das ansonsten sehr rocklastige Album lebt von seiner Energie und dem Spirit, der nie enden wollenden Experimentierfreudigkeit der »Die Ärzte« und der Lebenslust, die durch jeden Song transportiert wird. Das Album ist insgesamt sehr homogen, und die gerecht aufgeteilten Tracks, bei dem jeder ein etwa gleich großes Stückchen vom Kuchen abbekommt, sind ein weiteres Sahnehäubchen.
Neben Farin Urlaub, der wahrscheinlich, selbst wenn er wollte, keinen schlechten Track zustande bringen könnte, trumpft auch Rodrigo hier sehr stark auf. Hielt ich seine Songs in der Vergangenheit größtenteils nur für nettes Beiwerk, gehört mein Lieblingslied auf der Platte, »Sohn der Leere«, ihm. Seine übrigen, eher ruhigeren Songs bremsen die hohe Geschwindigkeit der Platte ein wenig aus, tun dem Gesamtwerk allerdings gut.
Auffällig an dieser Stelle: Es gibt keine Ballade auf der Platte. Das finde ich in so weit schade, als dass ich das Album im Ganzen als etwas zu schnell empfinde und es mir anstrengend wird, die ganze Tracklist mehrfach hintereinander zu hören, auch wenn alles gut aufeinander abgestimmt ist. Ein, zwei Oasen der Ruhe wären nett gewesen.
Aber dann kommt er, der Grund, warum dieses Album nur vier Sterne erhält: Bela B. Was diesen einst so großartigen Musiker in den letzten Jahren reitet, weiß ich nicht, jedoch scheint er sich für mich immer mehr von der bewerten »Ärzte-Formel« abzuwenden. Nichts gegen Innovation, aber sein Sound erinnert immer mehr an Schlager, womit ich persönlich so gar nichts anfangen kann. Auf »Jazz ist anders« war das »Bela-Problem« ein Ähnliches, und auch sein zweites Solo-Album gab mir kaum noch etwas - Deshalb ist es wohl kein Wunder, dass mir seine Werke auf »auch« auch (Ha!) kaum gefallen haben. Bei dem Text von »Miststück« bekomme ich ein sehr unschönes Gefühl, »Bettmagnet« kann auch kaum überzeugen und das Oktavengehüpfe bei »ZeiDverschwÄndung« ist kaum ertragbar. Einziges Licht (am Ende des Sarges) ist »Das darfst du«, wo die alte Arroganz des Grafen kurz mal hervorsticht und einen an die gute, alte Zeit erinnert.
Insgesamt gesehen also ein schnelles, befriedigendes Album mit einigen Low- und vielen, vielen Highlights. Von mir aus hätte man nach Track 11 das Album aufhören lassen können, dann wäre es wahrscheinlich fast rundum perfekt geworden, aber es gibt natürlich auch Leute, die auf »Cpt. Metal« und »Die Hard« kaum verzichten möchten.
Inhaltlich halten sich die »Die Ärzte« nach wie vor in der Waage. Hier mal eine Prise Selbstironie, dort ein wenig Gesellschaftskritik, aber immer originell und ohne großes, alle Alben durchziehendes Schema. »Die Ärzte« mögen zwar nicht die inhaltlich tiefste Band der Welt sein - Aber die Unterhaltsamsten sind sie nach wie vor.
Fans können also aufatmen und brauchen nicht auf das große Fiasko zu warten: Die Ärzte kümmern sich nach wie vor um den Rock.