Es war kein Leitartikel, den der Journalist Ignacio Ramonet Ende 1997 in
Le monde diplomatique veröffentlichte; es war ein Manifest. Eine "Entwaffnung der Märkte" forderte der Franzose sowie mehr Souveränität für die Nationalstaaten, die von den internationalen Konzernen zu "Gesellschaften ohne Macht" degradiert würden. Im Gegensatz zu anderen Kritikern präsentierte Ramonet einen Lösungsvorschlag: Mithilfe der Tobin-Steuer auf Spekulationsgewinne könnte man einerseits Spekulanten wie George Soros einschüchtern und andererseits mit den Einnahmen Globalisierungsfolgen wie Armut lindern. Es fehle, so Ramonet, eine Nichtregierungsorganisation, die gemeinsam mit Gewerkschaften und sozialen Organisationen Druck auf die Regierungen ausübe.
In den nächsten Wochen trafen in der Pariser Redaktion 5.000 Briefe ein, die Ramonet aufforderten, eine solche NGO zu gründen und Unterstützung anboten. So wurde am 3. Juni 1998 die "Association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens" gegründet, die seit den Protesten in Seattle und Genua als attac weltweit bekannt ist. attac, das sind die Globalisierungskritiker, denkt der Normalbürger; und der Stern erklärte attac zur "Organisation des Jahres 2001". Die Aufregung nach dem Tod von Carlo Giulani in Genua hat sich gelegt und so scheint es an der Zeit, die Entstehungsgeschichte, Erfolge und die Chancen der Bewegung zu beleuchten und zu hinterfragen. Die Journalisten Christiane Grefe (ZEIT), Mathias Grefrath und Harald Schumann (SPIEGEL) haben den Versuch gewagt und es entstand ein schlankes, kluges Buch. Wer nicht seit Jahren alle Zeitungsartikel über Globalisierung archiviert hat, sondern sich umfassend und schnell über attac informieren will, wird zufrieden sein. Das Buch vereint die freche SPIEGEL-Sprache mit den hintergründigen ZEIT-Analysen und ist stets kurzweilig zu lesen.
Bevor der Leser jedoch etwas von der Gründungsgeschichte erfährt, hat er eine 80-seitige Schilderung der Hauptprobleme der Globalisierung vor sich - getreu der attac-Überzeugung, wonach der Bürger zunächst "ökonomisch alphabetisiert" werden müsse, bevor er mitreden könne.
Der zweite Teil des Buches berichtet von den attac-Anfängen und der schnellen Expansion: Seit 1998 wurden 30 Landesverbände in Europa, Afrika und Nordamerika gegründet. In Deutschland fand der erste attac-Kongress im Oktober 2001 mit 3.000 Teilnehmern in Berlin statt, die über die Finanzcrashs in Südostasien oder die Sweat-Shops in Mexiko diskutierten. Die Stimmung war so euphorisch, dass die Frankfurter Rundschau über "beseelte Kirchentagsatmosphäre" lästerte. Doch zumindest das Organisationsteam, das vom niedersächsischen Verden aus die Planung koordiniert, weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt, um die Euphorie zu bewahren und erfolgreich sein zu können.
Einen Schwerpunkt setzen die Autoren selbstverständlich auf die Beschreibung der deutschen Gruppe. Vor allem im Vergleich zu Frankreich fehlt den deutschen Attacis eine Identifikationsfigur wie der Bauer José Bové, der mit dem Traktor einen McDonald's zerstörte und seitdem den Status eines Popstars hat. In Deutschland heißt das prominenteste Mitglied Konstantin Wecker, dem man ebenso wenig eine exponierte Rolle geben möchte wie Oskar Lafontaine. Entscheidender ist jedoch, dass es bislang keine klare Organisationsstruktur von attac Deutschland gibt: Kein Sprecher, kein Präsident, kein Vorstand. Im Moment arbeiten die lokalen Gruppen selbstständig nach dem Motto "Diskutieren, Umsetzen, Ergebnis", während die Zentrale Material bereitstellt, sich um die PR-Arbeit kümmert und auch den Etat von immerhin 400.000 Euro im Jahr 2002 verwaltet. Die Diskussion, wie sich attac organisieren soll, ist noch nicht beendet. Man möchte niemandem ein "Podest zur politischen Profilierung geben" und eigentlich auch den Netzwerk-Charakter erhalten. Allerdings ist abzusehen, dass man mit dem Konsensprinzip nicht weiterkommt und sich im "thematischen Supermarkt" zu verirren droht. Der Vorwurf des Autorengespanns Grefe/Grefrath/Schumann: attac Deutschland hat bislang noch keinerlei Prioritäten gesetzt, obwohl dies "aus Kapazitätsgründen" dringend nötig wäre.
Nur mit einer klaren Führungsspitze wird es auch gelingen, einheitlich aufzutreten, um sich von Gewalttätern nicht die Arbeit kaputt machen zu lassen. Der Ex-Vorstand der Deutschen Bank, Thomas Fischer, machte in einem Gespräch mit den Autoren deutlich, dass er in vielen Punkten mit attac übereinstimme. Doch solange attac mit Randalierern in Verbindung gebracht werde, könne er nicht beitreten. Eine breite Unterstützer-Basis ist jedoch nötig, um attac-Themen auf die Tagesordnung zu setzen. Im April 2002 hat die deutsche Sparte 5.000 Mitglieder, in Frankreich sind es 30.000. Bislang haben sich 53 Abgeordnete des Bundestags (SPD/PDS/Grüne) für die Einführung der Tobin-Steuer ausgesprochen. Das Verhältnis zur rot-grünen Regierung ist gespannt - vor allem die Grünen fürchten, dass das Netzwerk ihnen die letzten Linken klaut. Allerdings sagte Bundeskanzler Schröder zuletzt, er habe großes Verständnis für die Bewegung - aber "ausdrücklich nicht für den Krawallblock".
Selbstverständlich muss man attac Deutschland zunächst noch Zeit geben. Jede neue Bewegung zeichnete sich anfangs durch Einseitigkeit, Widersprüchlichkeit, Zuspitzung und Emotionalität aus. Und doch haben die Autoren mit ihrer Analyse vermutlich Recht. Die Zeit drängt: Sollte attac in den nächsten fünf Jahren keine Kernforderung (Einführung der Tobin-Steuer, Demokratisierung des IWF etc.) durchsetzen können, sehen die Autoren schwarz: Dann wäre die Organisation "vom Zerfall bedroht". Die Empfehlung des Autorentrios: Schulterschluss mit den Gewerkschaften. So ließe sich die politische Unabhängigkeit wahren. Und: verbesserte Zusammenarbeit mit den anderen Landesverbänden (vor allem in Frankreich und den USA). "Nur eine wirklich internationale Bewegung hat eine Chance, das Meinungskartell der Marktbefürworter in den Weltmedien zu überwinden."
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