Sicherlich ist "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" kein Buch wie jedes andere, denn eigentlich ist es schon mal gar kein Buch, wie ich kurz nach dem Erwerb dieses Werkes feststellen durfte. Nun, eigentlich trifft auch das Wort "Werk" nicht ganz, denn unterbewusst schwingt ja in beiden Ausdrücken mehr mit als nur die Erwartung eines irgendwie eingebundenen Schriftstückes: Sehr konservative Menschen mögen eine Handlung erwarten, die meisten aber zumindest einen durchgehenden Text und einen ominösen "roten Faden". Sollten sie nun einer jener Menschen sein, so werden sie wahrscheinlich kaum Freude an Frau Kuttner finden, denn, um es vorweg zu nehmen, sie bietet ihnen leider keines von beiden.
Was sie stattdessen vorfinden, mag ernüchternd und banal zu gleich sein: Im Grunde beschränkt sich ein Großteil des Buches darauf, dass die Autorin in je ungefähr 6 Sätzen all die kleinen, sinnigen und unsinnigen Fragen des absurden Alltages der unter 30jährigen beantwortet, sei dies nun bezüglich der angesagtesten Nagellackfarbe des Sommers oder der zweifelhaften Vorteilhaftigkeit des Fahrradfahrens: Der geistige Anspruch steht erst einmal im zweiten Glied. Daraus lässt sich dann sicher auch noch folgern, dass sie dieses Buch verächtlich betrachten werden, wenn sie sich lieber mit den großen Problemen der Welt beschäftigen oder sowieso schon der Meinung sind, die Jugend hätte nichts wirklich Wichtiges im Kopf. Voraussichtlich werden sie zwar in diesem Buch einige Bestätigung für letztere Annahme finden, aber leider auf eine Weise, die sie sicher nicht zufrieden stellen wird.
Was den Schreibstil von Frau Kuttner angeht, nunja, er ist grundsätzlich schwer zu beschreiben. Böse Menschen mögen sagen, dass das Wörtchen "rotznäsig" oder die schlichte Umschreibung "doof" ganz trefflich passen, doch das wäre wohl zu tief gegriffen. Man muss zwar kein Freund ihrer Wortwahl sein, auch nicht der Jugendlichkeit der Autorin, aber zumindest muss man ihr zubilligen eine stringente Linie in ihrer Sprache zu haben, eine, die es dem Leser trotz ihrer Eigenheiten erlaubt stetig bei der Stange zu bleiben. Dass dabei die "Political Correctness" einmal vollkommen unter den Tisch fällt, ist wirklich etwas Wunderbares, denn auch in der Sprache gibt es Normen und Regeln, die häufiger zu hinterfragen -wie Sarah Kuttner es tut- dann und wann durchaus wünschenswert wäre. Es muss ja nicht immer Goethe sein, um etwas Wahres zu sagen.
Nachdem nun aber genug Kritikpunkte an "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" genannt worden sind, werden sie sich sicher fragen, warum das Buch trotzdem 5 Sterne bekommen hat. Es sei vorweg gesagt, Gründe gibt es viele und ich werde hier nur einige nennen:
Der Mensch Sarah Kuttner ist auf ihre Weise einzigartig: Nicht immer konform, nicht zwanghaft rebellisch, nicht nur auf den Bildzeitungseffekt aus und schon gar nicht hedonistisch. Ganz im Gegenteil gibt es an manchen Stellen des Buches fast schon philosophische Ansätze, so zum Beispiel bei der Frage inwiefern man sich für das Gute engagieren sollte, die sie lapidar damit beantwortet, dass, egal ob nun George Bush oder ein Selbstmordattentäter, ja jeder glauben würde, er würde sich für das "Gute" engagieren. Sicherlich ist das keine höhere Philosophie, keine Welterklärung, aber die versucht sie auch gar nicht zu geben: Vieles von dem was Sarah Kuttner schreibt, würde sie wohl "Alltagspoesie" nennen und genau das ist es auch.
Daran anknüpfend ist "Alltagspoesie" auch etwas wie "Kuttners Eistüte": Etwas Buntes und Zuckersüßes, dass man gerne auf langen Zugfahrten oder an heißen Tagen zu sich nimmt und sich dabei doch immer wieder an den kleinen besonderen Geschmacksnuancen erfreut. Ein seltsamer Vergleich, zugegeben, aber ein treffender: Dieses Buch wird nämlich gerade durch seine Lebensfreude lesenswert, denn genauso wenig, wie es immer Goethe sein muss, müssen es immer große Dinge, große Worte, große Taten sein. Manchmal ist weniger mehr und das Detail wichtig, also die Freude über die richtige Fingernagelfarbe im Sommer oder die Entscheidung lieber doch kein Fahrrad zu besitzen. Gerade diese schönen Details des Lebens bringt Sarah Kuttner sehr eigen, aber ebenso lebendig wie witzig, herüber.
Kurzgefasst wird "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" wohl nie für den Literaturnobelpreis nominiert werden und ebenso wenig von Marcel Reich-Ranicki auf Arte gelobt werden, aber davon sollte man sich nicht trügen lassen.
Sarah Kuttner ist eine ebenso fähige wie eigene Autorin hinter deren Worten durchaus mehr steckt als man denken mag.
Sicherlich also eine große Kaufempfehlung für dieses Stück lebendige Jugend, vor allem für alle zwischen 16 und 29.