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Hin und wieder wäre es wohl nicht nur, wohl aber vor allem, in der Wissenschaft eine Offenbarung, wenn der Gegenstand der Untersuchung zum Dialog fähig wäre. Dann könnte er von sich aus Antworten auf die Fragen der Forscher liefern. Man stelle sich vor: Gärtner würden den Gesprächen von Rosen lauschen, Tierpfleger den Diskussionen von Delphinen oder wie in
Am anderen Ende des Mikroskops, Biologen den Reden von Bakterien auf einem Bakterienkongress. Was zuerst wie eine unterhaltsame Kindergeschichte klingt, ist in Wirklichkeit ein neuartiger und wissenschaftlich korrekter Zugang zur Welt der Bakterien oder auch Prokaryoten - entgegen einem Großteil sonstiger wissenschaftlicher Publikationen garantiert mit Unterhaltungswert.
Die Beziehung zwischen Menschen und Bakterien ist so alt wie die Menschheit selbst. In Elmer W. Konemans Buch sind die Bakterien nun der Meinung, dass diese Geschichte auch einmal von der anderen Seite des Mikroskops reflektiert werden sollte und so kommt es im fantasievollen Nährlösungsteich zu einem Stelldichein der verschiedensten Bakterientypen. Nach und nach erzählen sie ihre Geschichte, ihre Entdeckung durch die Menschen, ihre Bekämpfung, Förderung, Züchtung und ihre Anpassung. Liebevoll und plastisch beschreibt Elmer W. Koneman den Verlauf des Kongresses und seine Teilnehmer: Microccus luteus rollte vom Podium herunter, um für seinen Kollegen Platz zu machen. Mit einem glitzernden Wedeln seiner Flagellen, das ein bisschen so aussah, als würden Ruderer in geordneter Manier eine Galeere vorantreiben, fand Enterobacter aerogenes schnell seinen Platz in Front der versammelten Gesellschaft. Lebensräume und Nischen werden erörtert, Struktur und Funktion der Bakterien, die Pathogenese und menschliche Infektionskrankheiten, antimikrobielle Mechanismen und Abwehrstrategie am Ende bekommt auch der Homo Sapiens sein Fett weg. Und einen neuen Namen.
Am anderen Ende des Mikroskops eignet sich aufgrund seine Detailreichtums für Forscher mit Humor, aufgrund der leichten Lesbarkeit für interessierte Hobby-Biologen und mitunter sogar für größere Kinder - unwiderstehlich wenn es gekonnt vorgelesen wird. --Wolfgang Treß
Spektrum der Wissenschaft
L assen wir doch einmal Bakterien erzählen, wie sie die Welt und den Menschen aus ihrer Sicht erleben. Oben sei unten, Kleines ganz groß und alles aus einer ganz ungewohnten Perspektive das mag der Leitgedanke des emeritierten Pathologieprofessors Elmer W. Koneman aus Colorado gewesen sein. Der Autor beschreibt einen wissenschaftlichen Kongress; aber dieses Mal sind die Mikroorganismen nicht Gesprächsthema, sondern selbst die Teilnehmer. Eine hervorragende Idee, die neugierig macht auf den Tagungsband.
Sitzung für Sitzung, Kapitel für Kapitel lässt Koneman einen Vertreter der Prokaryonten zu Wort kommen, inklusive der üblichen Höflichkeiten zu Beginn und Ende jedes Beitrags. Wenn Menschen sich auf Kongressen über Bakterien auslassen, werden diese wohl über die forschenden Zweibeiner berichten, dachte ich mir voller Vorfreude auf einen satirischen Blick vom Objektiv des Mikroskops zum Okular.
Doch der Titel des Buchs führt in die Irre: Es handelt sich um eine Reihe von »Insiderberichten«. Über Lebensräume, Strukturen, menschliche Krankheiten, Antibiotika und wie man als Prokaryont damit fertig wird, sowie zum Schluss doch ein wenig Satire: die Umbenennung des Homo sapiens, der seiner Artbezeichnung so gar nicht gerecht wird. Immer noch ein schönes Programm, wenn es denn ansprechend präsentiert wird.
Aber bereits die Geleitworte des Hitze liebenden Bakteriums Thermotoga maritima enthalten nur ein paar mühsam zusammengesuchte Witze zu der durchaus interessanten Grundidee. Die Fülle der dabei benutzten, aber nur selten erklärten Fachwörter macht die vereinzelten Pointen zu Insidersprüchen.
Im Hauptteil sieht der Leser sich mit nur mäßig getarntem Lehrbuchwissen der Mikrobiologie in gestauchter Form konfrontiert. Da erläuternde Abbildungen fast völlig fehlen, fragt sich der Fachmann, warum er das alles noch einmal wiederholen sollte, und der Laie, wovon hier überhaupt die Rede ist.
Wie Micrococcus luteus selbst bemerkt, sinkt daher die Stoffwechselaktivität des Publikums auf einen sehr niedrigen Wert ab. Vergeblich wedelt Enterobacter aerogenes mit den Flagellen, um die »Anzeichen von Mattigkeit« zu bekämpfen. Man fragt sich, warum Koneman sein Konzept bis zum Ende des Buchs durchgezogen hat, wenn ihm doch anscheinend selbst aufgefallen ist, wie wenig spannend die Darstellung ist. Von einem vergnüglichen Wissenstransfer fehlt jedenfalls jede Spur.
-- Olaf Fritsche