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Dem versucht der bekannte Wissenschaftshistoriker und Publizist Fischer Abhilfe zu schaffen und sichtet in einem weit gespannten Bogen all die Erkenntnisse, die berühmte Geister im Laufe der Jahrhunderte über die Welt gewonnen haben und an denen sich der Geist berauschen kann wie an den Sonetten von Shakespeare. Von der Geburt der modernen Wissenschaft in Europa erzählt er, von den Grenzen des Kosmos und der Welt der Atome. "Was ist Leben?", fragt er und berichtet von dessen Ursprung. Ausführlich erklärt er die Idee der biologischen Evolution und lotet deren Grenzen aus. Einen großen Bereich lässt er dabei ausdrücklich aus: Die Welt in unserem Inneren, die Erkenntnisse über unser eigenes Denken bleiben unberührt.
Natürlich ist es unmöglich, mit einem einzigen Buch ein lebenslanges Defizit an Bildung auszugleichen, doch Fischer hält, was er verspricht: Ihn zu lesen, ist purer intellektueller Genuss. Er will Fenster in die Welt des nicht sinnlich Erlebbaren öffnen und behält dabei stets im Blick, was davon den Menschen unmittelbar berührt. Zitate von Kant, Popper und Searle lässt er dabei so selbstverständlich einfließen, dass man kaum mehr an eine unüberwindliche Trennung der beiden wissenschaftlichen Lager glauben mag. Von leicht verdaulichen Vereinfachungen hält Fischer dabei nichts -- er hält seine Leser mit intelligenten Gedankengängen bei der Stange, die auch dem naturwissenschaftlich nicht so Ungebildeten einen fast durchgehenden Lesegenuss bereiten. --Birgit Will -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Besonders bedeutend ist meines Erachtens das Kapitel 13: "Wissenschaft als Kunst denken". Fischer spricht von ganzheitlichem Verstehen und kritisiert, dass den heutigen Naturwissenschaftlern die Fähigkeit abhanden gekommen ist, die Ästhetik der Natur wahrzunehmen und Verantwortung zu empfinden. Er fordert daher eine Verbindung der Wissenschaft mit der Kunst, der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik. Dieses Anliegen liegt ihm auch in seinen Vorträgen besonders am Herzen, die Sie nicht versäumen sollten.
Fazit: Wer das übliche "Wissen", wie es leider oft an den Schulen und Universitäten gelehrt wird, in diesem Buch sucht, sollte das Buch entweder weglegen oder sich vielleicht mal darüber Gedanken machen, was Verstehen von Zusammenhängen wirklich heißt: Wie ist es möglich, dass heutige Schulabgänger über Ionbenbindungen, über Orbitalmodelle, usw. Bescheid wissen und nicht mal einfachste Zusamenhänge aus der Astronomie oder der Philosophie verstehen? Fischers neue Gedanken sind keine Ideologie (wie es manche unqualifizierten Kritiker hier vielleicht unterstellen mögen), sondern sie sollen den Lesern zum Denken bewegen und den Bildungsbegriff unter neuen Aspekten beleuchten.
Stilistisch wirkt das Buch oftmals unsympathisch belehrend. Der Autor scheint unendlich eitel zu sein. Nur so ist zu erklären (es ist geradezu bezeichnend), dass er wertvollen Platz verschwendet, um darzulegen, wie naturwissenschaftlich ungebildet Schwanitz doch ist ("Seht her, ich bin viel toller"). Beispielsweise schrieb Schwanitz nebenbei zur Relativitätstheorie - ganz offenbar witzig gemeint - , alles sei irgendwie relativ . "Falsch", ruft der Gockel Fischer, das ist alles viel komplizierter. "Ach was", denkt der Leser und wundert sich.
Sehr zu bemängeln ist das fehlende Stichwortverzeichnis und ein unzureichendes Inhaltsverzeichnis. Als Nachschlagewerk ist das Buch daher nicht zu gebrauchen.
Durchgelesen habe ich das Buch trotzdem. Denn bei aller Kritik: Fischer versteht es, komplizierte Zusammenhänge anschaulich zu erklären.
Fazit: Thema verfehlt, stilistisch bedenklich, gleichwohl streckenweise interessant.
Der Titel von Ernst Peter Fischers neuestem Buch („Die andere Bildung – Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“) lässt sofort an Schwanitz denken. Das ist wohl auch so gewollt, denn schon auf der Seite zwei springt einem dieser Name entgegen. Tatsächlich ist die „andere Bildung“ des Konstanzer Professors für Wissenschaftsgeschichte eine direkte Antwort auf das Werk seines Hamburger Kollegen.
Es gehört keine große Weisheit dazu, zu erkennen, dass die Wissenschaft in nicht geringerem Maß den Ort und das Bild des Menschen bestimmt als die „große“ Philosophie. Um das zu beweisen, führt Fischer durch die Geschichte der Naturwissenschaft – die beiden großen Stationen auf seiner Reise sind die Zeit der Renaissance und das 19./20. Jahrhundert. Auf nur wenige Schlüsselthemen aus der unüberschaubaren Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen wirft Fischer seinen intelektuellen Scheinwerfer: Die Physik des Mikro- und des Makrokosmos,sowie Evolution und Genetik.
In meist leicht nachvollziehbaren Erklärungen schildert er, wie es zu den großen wissenschaftlichen Durchbrüchen wie Kopernikus‘ Erkenntnis der Bewegung der Planeten und Plancks Einsicht in die Sprunghaftigkeit der Energieniveaus kam. Vor der einen oder anderen mathematischen Formel schreckt Fischer auch nicht zurück, trotz des verlegerischen Grunsatzes, dass jede Formel in einem Buch dessen Auflage halbiert. Doch keine Angst, die wenigen Ausflüge in die Welt der mathematischen Symbole sind eher als Illustration gedacht und können übersprungen werden ohne Gefahr zu laufen, die Aussage des Buches nicht zu verstehen.
Bei der bloßen Aneinanderreihung der Erreignisse belässt Fisches es nicht, gleich zu Anfang konfrontiert er den Leser mit Problemen der menschlichen Wahrnehmung und dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Wer also von diesem Buch ein naturwissenschaftliches Kuriositätenkabinett a la „Galileo“ oder „Planetopia“ erwartet, der wird enttäuscht.
Oder überrascht. Fischer versteht es nämlich, die wenigen wissenschaftlichen Umwälzungen, die er auswählt so in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang zu stellen, dass selbst ich als zwar wissenschaftlich interessierter, aber doch laienhafter Leser es verstanden habe. Ich hatte schon lange den Verdacht gehegt, dass die Einsichten zu der die Erforschung des sehr Kleinen (Elementarteilchen) und des sehr Großen (Kosmos) führen, an den Grenzen der menschlichen Verstandes rütteln. Fischer jedoch drückt dies in leicht verständlicher Sprache aus und bringt so ein wenig Licht in die kognitive Nische zwischen Mikro- und Makrokosmos in dem mein kleiner Geist operiert.
Sehr aufschlussreich fand ich den Abschnitt über das Leben, wo Fischer nach dem Kapitel über die Evolution und die Revolution, die dieses Konzept ausgelöst hat, deutlich macht, dass der Genetik-Fanatismus der neuesten Gegenwart als Ausdruck einer deterministischen Sehnsucht des menschlichen Verstandes verstanden werden muss, dem in dieser Beziehung schon von Heisenbergs, Bohr und Co zu viel abverlangt wird. Und dass ist keine reine Polemik, sondern wird gestützt von harten Fakten der allerneuesten Forschung. Wissenschaftler haben nämlich in den vergangen zwei Jahren herausgefunden, dass Gene unser Leben nämlich gar nicht in der simplifizierenden Weise bestimmen, wie es gern von den Medien dargestellt wird. Dieses Kapitel sollte Pflicht Lektüre für alle sein, die in der Gen-Debatte mitreden wollen. (Und für alle, die in Biotech-Aktie investieren möchten.)
Wie gesagt, Fischers Ziel ist nicht die bloße Beschreibung. Sein größtes Anliegen ist das Plädoyer für eine neues Bündnis von Kunst und Wissenschaft, die sich seit der Descartes (Trennung von Geist und Materie) und Kopernikus (Trennung von sinnlich wahrnehmbaren und verstandesmäßig Erfassbaren) immer weiter voneinander entfernt haben und inzwischen als unvereinbare Gegenspieler angesehen werden: Fischer möchte beide als nicht nur gleichberechtigte sondern auch als sich ergänzende und bereichernde Partner verstanden wissen.
Fischers Buch ist in diesem Sinne zwar als Antwort auf Schwanitz beschränktes Bildungsverständnis zu sehen, ergänzt dessen Buch aber nicht einfach nur um die fehlenden naturwissenschaftlichen Grundlagen. Dazu geht es zu wenig ins Details. Fischer leistet aber viel mehr – er ordnet ein und bewertet und zeigt wie nicht nur die sogenannte Kultur die Art bestimmt in der Wissenschaft betrieben wird, sondern dass dieser Mechanismus auch in umgekehrter Richtung wirkt.
Ansonsten gilt: Wer schon immer mal wissen wollte, was es mit dieser Quantenmechanik auf sich hat, was Einstein mit seiner Realtivitätstheorie wirklich gemeint hat, oder wie es passieren konnte, dass sich aus Affen halbwegs vernunftbegabte Wesen entwickelten und auch vor den erkenntnistheoretischen Zusammenhängen nicht zurückschreckt, die all diese Fragen verbinden, der sollte sich schleunigst „Die andere Bildung“ zulegen. Absolut empfehlenswert.
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