Der Hype um Marisha Pessls Debütroman ist da. In jeder Zeitschrift wirbt man großformatig um ihr Buch. Aber ist es auch wirklich ein gutes Buch?
Überraschenderweise: ja! Der Roman mit dem drolligen Titel und dem irgendwie kitschig-albernen Cover ist ernsthaft, verspielt, lustig und spannend zugleich.
Blue verlebt ihre Kindheit und Jugend im Auto auf der Reise zwischen Orten, an denen sie nie sesshaft wird. Sie wächst auf mit einer wahren Bildungsflut. Ihr Vater - ein Ché-Guevara-ähnlicher Professor: Links, charismatisch, gutaussehend und immer auf der Jagd - hält ihr während der Reisen systemkritische Vorträge über Politik und über Weltliteratur. Blue saugt alles Wissen passiv oder begierig (man erfährt es nicht recht) auf, ist in jeder Schule, in die sie kommt, die Beste, und bleibt - was Wunder - immer isoliert. Schließlich bleiben die beiden für ein Jahr an einem Ort.
Blue gerät in eine Clique von fünf blasierten, trink- und sexlustigen Halbwüchsigen, die den Bücherwurm freilich auch nur halb akzeptieren. Die Clique wird verbunden durch die Zuneigung zu der geheimnisvollen Lehrerin Hannah. Hannah, so erfahren wir bereits auf der ersten Seite, wird irgendwann von Blue tot aufgefunden - erhängt.
Die alltägliche Physik des Unglücks schleicht sich langsam in die Minuten, Stunden und Tage von Protagonistin Blue: Gerüchte, Erwartungen, unausgesprochene Vermutungen und vermutete Geheimnisse.
Was ist Fakt, was ist Fiktion, was Zitat und was Erzählung, was ist wirklich und was ist Gedanke? Die Möglichkeiten scheinen unendlich
Die Lebensgeschichte der 16-jährigen Ich-Erzählerin Blue van Meer ist aufgebaut wie ein Literaturkurs. Es gibt eine Einleitung, die 36 Kapitel tragen Titel von Werken der Weltliteratur. Darüber hinaus bombardiert die Hauptfigur Blue uns mit Zitaten und Anspielungen aus Literatur, Film, TV und Musik. Am Ende steht sogar eine "Abschlussprüfung" zum Textverständnis des Lesers an.
Weil Blue ihr Wissen über die Welt hauptsächlich aus Büchern hat, arbeitet sie beim Verfassen ihrer Geschichte ebenfalls mit Verweisen auf Literatur und Fachbücher, mal echt, mal erfunden, mal angestrengt, mal lustig, teilweise auch nervig.
Pessls Stil ist maßlos und wuchernd. Aber er strahlt - auch dank der Hauptfigur - so viel Vitalität und Erfindungsreichtum aus, dass man seinem Charme gerne erliegt.
Für mich niemals ermüdend waren die unzähligen, mehrgliedrigen und mit Adjektiven überhäuften Vergleiche, die dem Text eine eigenwillige, originelle und poetische Note geben. Marisha Pessl ist eine Meisterin im Vergleichen.
Fazit:
Es ist ein tolles, verrücktes Buch! Man ist die ganze Zeit in der merkwürdig-verschrobenen Blue-van-Meer-Welt gefangen. "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist ein Feuerwerk aus Romanzitaten, unglaublich irrsinnigen Charakteren und einer spannenden Krimihandlung. Dieses Buch hat mich - nach einer kurzen Eingewöhnungsphase - unglaublich in seinen Bann gezogen. Am Ende konnte ich es kaum noch aus der Hand legen.
Um mit den Worten eines meiner Lieblingsschriftsteller - Jonathan Franzen - zu sprechen: "Unter dem köstlichen Schaum dieses wunderbar überquellenden Romans verbirgt sich ein starker, kräftiger Trank."