Die Sache mit Serge
Birgit Vanderbekes Erzählung «abgehängt»
Gleich zu Beginn klingelt das Telefon, eine freundliche Männerstimme ist dran und sagt der Erzählerin ein paar Boshaftigkeiten, ein anonymer Anruf also gleich zu Beginn, und man denkt, mit dieser kleinen Spur von Bedrohung wird Birgit Vanderbeke jetzt ein munteres Spiel treiben, bis das Anonyme sich auflöst in Luft und ganz klar ist, dass die Bedrohung im Grunde nichts anderes war als, sagen wir, ein verstecktes Selbstgespräch der Erzählerin mit ihrer eigenen Angst. So etwa, in diese Richtung von eleganter Lösung eines überschaubaren Problems, verläuft die Erwartung, wenn man mit der Lektüre der neusten Vanderbeke-Erzählung beginnt.
Sonnenbadstimmung
Vanderbeke-Erzählungen haben zu Beginn meist etwas Lichtes und Leichtes, oft spielen sie in Südfrankreich, das lässt einen gleich aufatmen, denn so hat man es nicht mit deutschen Strassen und allzu deutschen Figuren zu tun, nicht mit irgendwelchen Johanns und Peters und Karls, selbst deutsche Markennamen bleiben einem erspart, stattdessen herrscht eine mediterrane Sonnenbadstimmung, wobei die Sonne nicht brennt und nicht sticht, sondern nur mal so gerade wie ein angenehmer Besucher in die Zimmer hinein- flutet wie zum Beispiel auf dem Bild von Matisse, das auf dem Umschlag des neusten Vanderbeke-Titels ist und die bereits gehegte Eleganz-Erwartung noch einmal um ein paar Grade verstärkt.
Neben der Erzählerin begrüsst man deshalb auch gleich gut gelaunt Simmy, die zwölfjährige Tochter, die eben nicht Mareike heisst oder Karin. Von den Anrufen darf sie natürlich nichts wissen, weil das Gift wäre für ein junges Mädchen, das andere Probleme haben sollte, als sich mit bedrohlichen Telefonanrufen finsterer Hintermänner zu beschäftigen, und so schlagen die anfänglichen Gespräche zwischen Mutter und Tochter vor dem Hintergrund eines überschaubaren Bedrohungsproblems zunächst einmal den vertrauten leichten und lichten Vanderbeke-Ton an.
Die ganz taufrische Gegenwart hat Platz in diesen Gesprächen, doch das Deutsche erscheint durch den Filter einer gewissen Ferne, und so kommen sie zwar vor, die neusten Quizspiele im Fernsehen, Harry Potter und die Kopfhörer, die junge Mädchen in der deutschen Gegenwartsliteratur immer dann aufsetzen, wenn sie «Harry Potter» lesen und Cola trinken, werden aber unterlaufen von zunächst beiläufig erwähnten Figuren, die Serge heissen oder Jolanda, Eddie oder auch Bine.
Das eigentliche Problem ist dann Serge. Serge ist der Mann der Erzählerin, Serge spielt guten Jazz, aber Serge ist auf Tournee. Am Anfang erwähnt die Erzählerin ihn nur dann und wann, Serge ist dann so etwas wie eine Sicherheit in der Ferne, einer, an den man gern denkt und mit dem man telefoniert in den Nächten, wenn die anonymen Anrufer schweigen. So wie die Erzählerin hier noch mit Serge umgeht, entlastet er sie von ihren Sorgen, aber als Leser hat man davon nicht viel, denn man ist ja nun einmal nicht selber mit Serge liiert, und ausserdem ist er weit weg und bleibt ziemlich fremd. Dem Leser also, will ich sagen, reicht es nicht, einen Serge in der Ferne gezeigt zu bekommen, der Leser hat keine Phantasien und Erinnerungen, die ihn mit Serge verbinden, und so bleibt Serge für ihn ein Name, und er kann vorläufig nur froh sein, dass Serge nicht Heiner heisst und dass er Jazzmusiker ist und kein klassischer Querflötist.
Probeweise fängt man als Leser aber dann doch an, sich Serge vorzustellen und dazu den Jazz, den er spielt, aber es führt einen in eine andere Zeit, in die sechziger Jahre, dachte ich wenigstens, in die Zeit einer kühlen Moderne, in Jazzkeller und dergleichen Etablissements, die es in Paris in gewissen Vierteln, wo man sich von den sechziger Jahren nie trennen wollte, immer noch gibt.
Irgendetwas stimmt also nicht mit diesem Serge, ich denke, schon der Name trifft nicht die Figur, und ausserdem ist die Figur aus einer anderen Zeit, die sechziger Jahre können es aber nicht gewesen sein, denn dann wäre Serge viel zu alt für die Erzählerin, bei der das Telefon ab und zu weiter klingelt. Mit der Zeit ist es so eine Sache mit diesem Klingeln, denn über lange Partien der Erzählung vergisst man das Klingeln, weil auch die Erzählerin es einfach einzublenden vergisst, sie ist dann mit ganz anderen Dingen beschäftigt, zum Beispiel mit ihrem frisch erworbenen Ruhm, der ihr eine Art Agenten beschert hat, Meyer-Bromberger heisst er, nun ja.
Immerhin ist Meyer-Bromberger nicht so weit weg wie zum Beispiel Serge, er ist sogar so nah, dass er sich mühelos mit der Erzählerin treffen kann, und das tun sie dann auch, sie treffen sich in der taufrischen Gegenwart und also in einer Sushi-Bar. Dass sie sich aber überhaupt treffen, überrascht dann den Leser, denn die Erzählerin trifft sich sonst mit kaum einem anderen Menschen, sie bewohnt ihre Wohnung, wartet auf Anrufe, erledigt die Post, sie ist, das sollte ich jetzt einmal sagen, eine nicht mehr ganz unbekannte Schriftstellerin mit den typischen Sorgen nicht mehr ganz unbekannter Schriftstellerinnen: Ruhm, Fanpost, Einladungen, all diesem Zeug.
Das aber bringt die Erzählung nun auch nicht eben leichter voran, im Gegenteil. Im Grunde spielt die Geschichte nämlich, wie man bald begreift, in einem sehr kleinen Terrain unter sehr wenigen mehr oder minder nahen Personen. Manchmal kommt es einem sogar so vor, als spielte sie überhaupt nur im Kopf der Erzählerin, denn je länger die Erzählung andauert, um so mehr zieht das Sinnieren der Erzählerin alles an sich, so dass selbst für Gestalten wie die kleine Simmy höchstens ein Nebensitzplatz da ist, von Jolanda schweigen wir lieber ganz.
Das Sinnieren bringt einen gewissen Übermut in die Geschichte, es ist nicht melancholisch, nicht pedantisch und erst recht nicht finster, natürlich nicht. Gegen dieses Sinnieren hat niemand und nichts eine Chance, Meyer-Bromberger zum Beispiel, der sich immerhin mit der Erzählerin treffen darf, kommt in diesem Sinnieren sofort um, und der Sushi-Bar geht es nicht anders, man verliert einfach die Lust, sich Meyer-Bromberger und die Sushi-Bar vorzustellen, weil die Stimme der Erzählerin zu dominant ist und das Sinnieren wie ein Lasso nach allem und jedem auswirft, um es in den Kopf der Erzählerin zu ziehen. Es ist nun nicht so, dass dieser Kopf einfallslos wäre, überhaupt nicht, die Erzählerin schlägt viele Pointen aus ihrem Sinnieren, und oft sind sie spitz und schon beinahe so etwas wie Aphorismen oder wie scharfe Kommentare zur Gegenwart, nur führen einen die Kommentare nicht mehr zurück zum noch immer leise murmelnden Bächlein der Erzählung, von dem man sich noch immer erhofft, dass es ein Strom werden möge.
Eddie und Serge
Dann aber kommt, und ich hatte damit, wenn ich ehrlich bin, am wenigsten gerechnet, die Sache mit Serge, und die Sache mit Serge ist vor allem die Sache mit Eddie, der tot ist und vorher mit Serge zusammen Jazz gespielt hat. Die Sache mit Eddie ist ganz weit weg, von allem, was in dieser Erzählung erzählt wird, ist sie im Grunde am weitesten weg, ich habe mich richtiggehend gesträubt, mich immer mehr auf diese entlegene Geschichte einlassen zu müssen, und ich habe mich dann auch nicht auf sie eingelassen und kein Wort geglaubt von Geigen, die einen in den Himmel spielen, und von Kokain, das einen auf die Erde zurückwirft, schon die blosse Erwähnung von all diesen Krimi- und Françoise-Sagan-Motiven gelingt mir nur widerwillig.
Die Erzählung will ich sagen, gerät einfach ganz und gar durcheinander, der ferne Hintergrund soll plötzlich naher Vordergrund werden, und der Vordergrund wird dabei immer blasser, und längst ist das Telefonklingeln nur noch ein Erzählmotiv, und dazwischen gibt es diese verzweifelt eingesetzten Brücken des Sinnierens, die alles klammern und halten sollen, doch in Wahrheit befinden wir uns in einem Flussdelta, wo alles stockt und schliesslich versackt.
Ganz zu Beginn der Erzählung, auf Seite 16, aber gibt es eine Stelle, von der ausgehend die Erzählung, glaube ich fest, hätte gelingen können: «Als ich ein Kind war, liebte ich den Regen. Wenn es regnete, hatte ich das Gefühl, zu Hause zu sein, lehnte den Kopf oft lange an die kühle Fensterscheibe und schaute in die Laternen, um zu sehen, ob es hoffentlich gleich noch ein bisschen mehr regnen würde, richtig regnen und am liebsten für immer, und irgendwann wurde der Regen dünner und dünner, dann nieselte es nur noch, und ich war enttäuscht.»
Aus solchen Momenten könnte die Erzählung bestehen, und ihre Protagonisten wären die Erzählerin, Simmy, das Kind, ein immer lebendiger werdender und näher rückender Serge und eine Telefonstimme. Selbst mit ein wenig Sinnieren könnte diese Geschichte grossartig werden, auf vierzig bis fünfzig Seiten. «Abgehängt» aber hat 128 Seiten, und am Ende zählt man sie, bis auf der letzten dann doch noch ein erinnerungswürdiger Vanderbeke-Satz kommt: «Mich schauderte, als ich merkte, dass ich froh war.»
Da weiss die Erzählerin, dass Serge bald zurück ist, und als Leser denkt man, na bitte, das ist doch die Lösung, Serge muss zurück oder zumindest näher heran, warum zum Teufel kommt sie auf das Einfachste und Wichtigste bloss so spät?
Hanns-Josef Ortheil
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.