Die Verwendung der 'veralteten' Sprache führt zu Lesehemmungen und macht es dem Leser oft schwer, den Sinn der Sätze zu erfassen. Nach einem kurzen 'Einlesen', bei dem man versucht, sich mit der Sprache zurecht zu finden, sind die meisten der Schwierigkeiten beseitigt. Man sollte sich daher einstimmen, wenn man zu lesen beginnt. Oft reicht es bereits, wenn man ein paar Sätze des vorigen Kapitels liest, um den Zusammenhang der Geschichte zu verstehen.
Die Leseschwierigkeit nimmt mit Ende des Buches ab. So sind gerade die ersten Seiten, bei denen man wirklich blanko zu lesen beginnt, höllisch. Ich hatte das Gefühl, dass der Sinngehalt der Seiten nicht zu hundert Prozent greifbar war und musste meistens fünf Mal nachlesen, bis ich zufrieden war. Je länger ich jedoch las, desto schneller konnte ich mich auch in der Welt Grimmelshausen einfinden und hatte weniger Probleme mit der Lektüre. Das Lesen eines derartigen Sprachstils erfordert wohl auch Übung, die ich (ich als Schüler) zu dieser Zeit, als ich zu lesen begann, noch nicht hatte. Aber irgendwann ist in diesem Sinne auch das erste Mal. Sonst gäbe es ja keine Versuche.
Das Buch zu empfehlen leuchtet ein, da es sich hierbei um eine Lektüre aus dem Barock handelt. Wenn man sich in das Zeitalter einstimmen will, kommt man um den Simplicius Simplicissimus wohl nicht herum. Da es allgemein nur sehr wenige Texte aus dem Barock gibt, die vor allem brauchbar sind, ist der Simplicius auch noch das geringere Übel. Menschen mit Sinn für neuzeitliche Romanwunder sind hier sicher fehl am Platz. Das Aufeinanderprallen der beiden Schreibstile ('veraltet' + 'neuzeitlich') kann einen Menschen schon grundlegend verwirren. Deswegen würde ich den abenteuerlichen Simplicissimus auch nur als alleinige Lektüre empfehlen, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden.
Die Aussage des Buches, trifft teils noch heute zu. Wie findet ein Mensch in der Welt, in der er immer sündigen kann, ein seliges Ende? Wenn man dies mit unserer heutigen Weltanschauung vergleicht, kommt man wohl oder übel zu dem Entschluss, dass sich Ähnlichkeiten feststellen lassen. Heute steht der Glaube gegenüber dem Rationalen. Denn auch wir suchen nach Frieden und Erlösung, aber Wissenschaft und Wissen stehen im krassen Gegensatz zu Himmel und Paradies. Wenn wir schon dabei sind, die ganze Welt zu überprüfen, zu forschen und dabei sind, alles nur Erdenkliche zu wissen, können wir dann eine Erlösung in Form von etwas, das wir nicht erklären können, in Erwägung ziehen?
Die Aussage, dass man immer sündigen kann, existiert heute weiterhin. Der Glaube soll uns den Weg weisen, doch da steht wieder das Rationale im Weg. Aber wie findet man in einer verruchten Welt ein seliges Ende? In Wahrheit prägt uns das Umfeld ebenso wie der Glaube. Und Gedanken über Jenseits und Tod haben sich in tausend Jahren Menschheitsgeschichte stetig verändert. Je weiter wir mit unserem Wissen gehen, desto weiter wird die Frage nach dem Jenseits zurückfallen.
Durch die Lektüre soll der Leser über die Unzulänglichkeit und Gefährdung des Menschen aufgeklärt werden. Wir sehen, wie jemand vom Weg abkommen kann und sehen daneben unser eigenes Leben. Welche Ähnlichkeiten stellen wir schlussendlich fest? Die Frage nach dem Nutzen des Lebens gibt es heute weiterhin. Sie existiert nicht in derselben Form wie im Barock, wo sie in jeder Art von Kunst und Literatur auftritt, aber sie ist erkennbar. Warum leben wir, wenn wir doch nur sterben'?
Auf diese und weitere Fragen, die uns von damals weitergeleitet wurden, muss jeder seine eigene Antwort finden. Ob er sich schlussendlich für ein Leben in Bitterkeit oder Freundlichkeit entscheidet, muss jeder selbst wissen. Heutzutage ist es vielleicht noch schwerer, sich darüber im Klaren zu werden. Mit jedem Schritt zum Wissen entfernen wir uns vom Glauben. Im Barock, wo noch relativ viel dem Glauben überlassen war, betrachtete man die Frage noch unter einem Stück anderen Winkel. Gedanken an Erlösung beim Verzicht waren eher denkbar. Beim heutigen Erklärungsstand, wo selbst der Tod in Frage gestellt wird, könnte die schwieriger werden.
Aber wie gesagt, jeder muss und kann nur für sich selbst eine Antwort finden. Unsere Individualität macht es uns eben nicht einfach, auf ethische Fragen Antworten zu finden.