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In gewisser Weise finden in diesem Roman gleich mehrere Reisen statt.
Zum einen eine um die Welt: beginnend im Spessart, über Rußland, Japan, Afrika auf eine abgelegene menschenleere Insel. Diese Reise kann den Weltbürger heutzutage nur noch wenig reizen, hat aber damals sicherlich viel Wissensdurst gestillt und mir scheint manches Detail für die damalige Zeit recht erstaunlich. Manch anderes entlockt mir ein Lächeln.
Dann eine durch verschiedene Geisteszustände: vom einfältigen Jüngling, durch Erziehung und Erkenntnis zum religiösen Fanatiker. Auch heute noch nachzuvollziehen, weil sich ja katholische Grundsätze im Laufe der Zeit wenig verändern.
Und dann eine durch die Moral: von der entschuldbaren Einfalt über erst gute Vorsätze und dann böses böses Betragen bis hin zur nackten Angst vor den Menschen, deren Errungenschaften und der damit einhergehenden Schlechtigkeit. Der realistischste Teil der Erzählung.
Einen Großteil seines Reizes gewinnt die Geschichte dadurch, daß der Dreißigjährige Krieg sozusagen eine Hauptrolle spielt. Man kann hier, wenn man sich einmal mit der recht ursprünglich gehaltenen Sprache des Buches angefreundet hat, sehr viel über die damaligen Lebens- und Sichtweisen erfahren. Und auch das ein oder andere Schmunzeln bleibt nicht aus -zumindest bei mir- wenn man von den damaligen Maschen der Trickbetrüger hört (z.B. "Goldwasser" selbst brauen und auf den Dörfern als Allheilmittel verkaufen) oder miterlebt, wie Simplicissimus seine ersten und danach noch reichlich Liebeserfahrungen sammelt. Interessant ist auch das Verhältnis der Doktoren und Apotheker zu ihren Patienten: man wird einfach nicht für gesund erklärt, solange man Geld hat.
Solcherlei Häppchen halten die 720 Seiten in jeder Menge bereit, stilrichtig eingebettet in einen ansonsten für den modernen Leser sicherlich zu langwierigen Roman. Wahrscheinlich hat man im 17. Jahrhundert den Wert eines Buches direkt an seinem Gewicht festgemacht. Zum Glück, denn so kommt der „Hochgeehrte, großgünstige liebe Leser etc." in den Genuß einer blumigen ausführlichen Sprache, wie ich sie in zeitgenössischen Büchern noch nicht gelesen habe.
Alles in allem ein lehrreiches Buch, dessen Inhalte sich aber nur dem sehr geduldigen Leser oder dem Sprach-Gourmet erschließen dürften.
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