'"Niemand, der als Erwachsener zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland lebte, kann sagen, er habe nichts von der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis gewusst. Über die Gründung der Konzentrationslager war in den Zeitungen offen berichtet worden. Von Anfang an verfolgten die Nazis ihre politischen Gegner mit unerbitterlicher Härte. Niemand kann sagen, er habe nichts gemerkt, als die Synagogen brannten und später die Juden, Sinti und Roma durch die Straßen getrieben und deportiert wurden.' (Baumann/Heyl/Melzer 2000)"
Mit diesen Worten beginnt das Buch mit dem Titel 'Zyklon B - die Produktion in Dessau und der Missbrauch durch die deutschen Faschisten', das im Frühjahr 2007 erschienen ist. Das Werk ist Ergebnis zeithistorischer Recherchen der Dessauer "Forschungsgruppe Zyklon B'" Seit 1996 arbeiten ihre MitstreiterInnen ehrenamtlich an der Erforschung des Themas. Sie suchten nach Quellen und befragten ZeitzeugInnen, sichteten umfangreiche Literatur und ließen sich auch von Widerständen seitens der Stadt Dessau nicht ihren Tatendrang nehmen.
Obwohl die Mitglieder der Forschungsgruppe des Buches keine HistorikerInnen im eigentlichen Sinne sind, entstand eine detaillierte Forschungsarbeit, die mit zahlreichen Abbildungen, Tabellen und Dokumenten aus Archiven unterlegt ist. Die Bauzeichnung auf dem Buchcover macht das Anliegen deutlich, Konkretes vermitteln zu wollen. Die aussagekräftigen Schaubilder unterstreichen das ebenfalls. Umfangreiche Quellen und Literatur-Nachweise zeigen den Faktenreichtum der Forschungsergebnisse, der den wissenschaftlich-historischen Wert des Buches überhaupt möglicht machte. Detailliert wird die chemische Zusammensetzung und Wirkung von Zyklon B verständlich beschrieben. Den LeserInnen soll damit bewusst gemacht werden, wie enorm die Wirkung dieses von den Nazis zum industriellen Massenmord eingesetzten Gases war. Auf dem Gelände der Zuckerraffinerie der sachsen-anhaltischen Stadt wurde seit 1924 das eigentlich zur lnsektenbekämpfung entwickelte Zyklon B im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) produziert.
Die Nationalsozialisten ermordeten damit von 1941 bis 1945 in den Konzentrationslagern Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof, Mauthausen und Neuengamme ca. eine Millionen Menschen aus ganz Europa ' vorwiegend Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, politische Gegner und andere Opfergruppen. Hans Hunger schildert im ersten Teil detailliert den Aufbau der Produktion in Dessau und stellt dar, wie aus dem ursprünglichen Insektenvernichtungsmittel ein Instrument des Massenmords werden konnte.
Im Anschluss berichtet er über den Beginn der Produktion von Zyklon B zur Schädlingsbekämpfung in der Dessauer Zuckerraffinerie, er benennt die beteiligten Firmen und Personen. Dabei wird offensichtlich, dass bereits während der Weimarer Republik die Forschung für Kampfgase zur militärischen Nutzung vorangetrieben wurde. In vielen Einzelheiten und mit Dokumenten wird die Produktion von Zyklon B während des Zweiten Weltkrieges und ihre Lieferung für die Massenvernichtung von Menschen analysiert.
Im zweiten Teil des Buches informiert Antje Tietz über die Anwendung des Zyklon B zur industriemäßigen Menschenvernichtung in den faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, immer auch bezogen auf die Produktion in Dessau. Sie erörtert zudem, in welchen Lagern der Nazis Zyklon B nicht zum Einsatz kam, wie z.B. in Theresienstadt. In einem Schlusswort wird hervorgehoben, welchen verschwindenden Anteil die Nazizeit und die eigentliche Rolle der Stadt als Rüstungszentrum in der bisherigen Geschichtsschreibung Dessaus hat.