Das recht schnell ins Deutsche übertragene (2010 erstaufgelegte) Buch des berühmten Mathematikers Penrose stellt meines Erachtens einen großen Gewinn dar für jede/n die/der es sich vornehmen mag, und zwar aus mindestens zwei Gründen:
1. Erstens mangelt es auf dem populärwissenschaftlichen Markt an Büchern, in denen die neueren physikalischen Theorien von ihrer Mathematik her "angepackt" und erklärt werden - vielleicht weil es für die Autoren einfacher ist, oder weil man den heutzutage weit verbreiteten Unsinn teilt, man würde die Leserschaft vergraulen, wenn man Formeln aufschreibt (dann wundert man sich darüber, dass Mathematik Vielen als schweres, letztlich entbehrliches Fach gilt. Aber lassen wir das an dieser Stelle).
Roger Penrose kann unmöglich der Trockenheit oder Schwerverständlichkeit bezichtigt werden, dafür surft er viel zu virtuos auf dem stürmischen Meer mathematischer Begriffe, und ich habe nach der Lektüre den Eindruck, dass er das Buch absichtlich pädagogisch aufbaut, eventuell um es der jungen Leserschaft leichter zu machen.
Er beschreibt das Theoriegebäude ausführlich, nimmt sich Zeit für suggestive Erklärungen. Anhand von Skizzen und Analogien wird die Mathematik so aufbereitet, dass sie "unter die Haut" geht; man bekommt quasi ein Gefühl für die Beschaffenheit und Funktionsweise der mathematischen Instrumente, denen sich die moderne Physik für die Naturbeschreibung bedient. Natürlich nicht so gut, als wenn man selber rechnen würde - immerhin wird somit zwischen dem Erdgeschoß des "puren Wissenschaftspopulismus" und dem Turmzimmer der "ernsten Wissenschaft" eine wohnliche Zwischenebene eingerichtet (bisschen wie Brian Greene oder R. P. Feynman, nur fordernder).
2. Ein solches Buch, auf Deutsch vorliegend, dient der Sprachpflege. Vor allem als Sprache des Wissens geht das Deutsche zurzeit am Stock, da es vom allgegenwärtigen Englisch verdrängt wird. Man kann natürlich argumentieren, an der geistigen Spitze der Gesellschaft ist nun mal Englisch vonnöten, um den Austausch mit den ausländischen Wissenschaftlern/innen zu erleichtern. Dies funktioniert aber nur, solange man konsequent und erfolgreich neue Begriffe eindeutscht, damit die Sprache nicht verarmt, wodurch diese, langsam aber sicher, unfruchtbar werden würde.
Sprachliche Verarmung/Verrohung tritt dann ein, wenn das aufkommende Wissen nicht in den Korpus der Gesellschaft eindringen kann, weil es eben nur sprachlich verkapselt vorliegt (ähnliche Situation: die Verwendung des Lateinischen im Mittelalter als einzige Wissenschaftssprache trug dazu bei, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen vom Wissen praktisch ausgeschlossen war. Eine erfolgreiche Ausbildung und Pflege der europäischen Kultursprachen, so wie wir sie heute kennen, wurde erst durch die Übersetzungen der wichtigen Werke in die jeweilige Volkssprache ermöglicht, siehe Bibel, etc.). So gesehen war der damalige Nationalismus unter anderem auch kulturell bedingt, was uns heute vor ernsten Problemen stellt, zumindest was die unentbehrliche Wissensvermittlung anbetrifft.
Eine eindringliche Beschreibung der Sprachverarmung und deren Konsequenzen in historischer Perspektive bieten manche Stellen aus Otto Neugebauers Schriften zur Mathematikgeschichte (Ägypten, Babylon, usw).
Es ist also sehr zu begrüßen, wenn ein Übersetzer wie Thomas Filk seine Arbeit elegant und gewissenhaft erledigt, so wie im Falle des vorliegenden Buches, und sich nicht auf Anglizismen ausruht, sondern wirklich übersetzt.
Das Buch wird durch sehr lesenswerte Anmerkungen mit Literaturtipps + Index abgerundet.
Zum Schluss dieser Betrachtungen sei noch das gute Aussehen des Buches gelobt: ansprechende Optik, klare Graphiken und gute Bindung. Sorgfältig verarbeitet, liegt gut in der Hand und droht nicht beim ersten schiefen Blick auseinander zu fallen (obwohl dieser selten so ungerechtfertigt wäre wie hier).