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Der Roman «Zwischenstationen» ein Ereignis
Worum sich viele bemühen, dem 1966 in Russland geborenen, in Österreich lebenden Vladimir Vertlib ist es wie nebenhin gelungen. Den europäischen Roman, den Kritiker vermissen, Lektoren verlangen, den Roman, der die neue Landkarte Europas voraussetzt und sich über die nationalen Grenzen hinwegsetzt dieser Flüchtling hat ihn geschrieben. Wenn der literarische Markt zwischen Europa und den USA gleiche Chancen zuliesse, wenn es im literarischen Betrieb innerhalb Europas mit rechten Dingen zuginge, dann müsste dieses Buch ein internationaler Bestseller werden und die Filmindustrie darum streiten, wer den Stoff wo verfilmen darf. Zahlreich sind die Schauplätze, die sich dem Regisseur anbieten würden, denn der Roman spielt in St. Petersburg und in Wien, in Amsterdam und in Brighton Beach (dem osteuropäischen Viertel von Brooklyn), im römischen Hafen Ostia und in der israelischen Wüste, auf internationalen Flughäfen und in Meldeämtern, Konsulaten, Polizeistationen . . .
Mit wenigen Strichen weiss Vertlib die Atmosphäre dieser Orte einzufangen; dabei ging es ihm keineswegs darum, im rasanten Wechsel modischer Schauplätze jene Leser anzusprechen, die sich für zeitgemässe Nomaden halten, weil sie mit ihren Kreditkarten beruflich oder touristisch weit herumkommen auf der Welt. Nein, alle diese Orte waren «Zwischenstationen» auf Vertlibs eigener Wanderschaft, die er durchaus unfreiwillig antreten musste und auf die er sich jetzt noch einmal in einem Roman begibt, der die Dinge bald schmerzlich nahe sieht, bald in ironische Distanz rückt.
Der Ich-Erzähler ist fünf, als er sich fragen muss, warum all die Verwandten auf dem Leningrader Bahnhof so tränenreich von ihm Abschied nehmen. Erst im Zug erfährt das Kind, dass er mit den Eltern in ein fernes Land namens Israel siedelt. Der Vater, ein jüdischer Akademiker, hatte mehrfach gegen den Antisemitismus in seiner Heimat protestiert, und damals, 1971, «stand die Existenz der Sowjetunion noch für mindestens zweihundert Jahre fest». Mit der Emigration beginnt eine Odyssee, die das Kind in unzählige Städte, über drei Kontinente und durch die seelischen Abgründe seines Vaters führt. Dieser Vater, starrsinnig, unbeugsam und um das materielle Wohlergehen seiner Familie gänzlich unbesorgt, ist eine geradezu mythische Gestalt. Die Härte des zumeist arbeitslosen Patriarchen wird nur durch die Kauzigkeit gebrochen, mit der er seinen heroischen wie lächerlichen Kampf gegen die Unzulänglichkeiten der Realität führt.
Die Familie ist im Gelobten Land noch gar nicht recht angekommen, schon will der Vater die Zelte dort wieder abbrechen. Sein Leben lang hat er von Israel geträumt, jetzt genügt ihm schon ein kurzer Lokalaugenschein: Das ist nicht das Land, das er suchte. Überall, im Wohnungsamt und bei der Einwanderungsbehörde, sieht er nur «Abschaum» am Werk, und so macht er sich die Auffassung einer anderen unglücklichen Emigrantin zu eigen: «Zu viele Juden auf einem Fleck. Für mich sind die Juden das Salz der Erde. Salz allein ist ungeniessbar.» Nach ein paar Monaten in Israel, gerade als die ersten Worte gelernt und ein paar Freunde gewonnen sind, findet sich das Kind daher im Flugzeug wieder, in dem ihm erklärt wird, dass die Reise nach Wien geht, wo man aber nur kurz bleiben werde, denn der Vater verkündet: «Ich möchte in einem Land leben, wo mein Sohn kein Fremder ist. In Österreich bleibt er immer der Jud. Und in Israel muss er den ganzen Saustall, der in diesem Land herrscht, auch noch mit der Waffe in der Hand verteidigen.»
Aufbrüche und Enttäuschungen
Wohin sie auch ziehen, es endet immer gleich: Dort, wo es dem Vater gefallen würde, dürfen sie nicht bleiben, und dort, wo sie bleiben dürften, gefällt es ihm nicht. So kommt die dreiköpfige Familie nach Amsterdam, nach Rom, ein zweites Mal nach Israel, nach Ostia, nach New York und Boston und dazwischen stets zurück ins ungeliebte Österreich: «Wie die Flugbahn eines Bumerangs hatten uns alle Wege immer wieder nach Wien und in diesen etwas heruntergekommenen Arbeiterbezirk geführt.»
Darüber vergeht mehr als ein Jahrzehnt, und in zwölf Kapiteln, die jeweils einen Ort der Wanderung mit den spezifischen Jugenderfahrungen, die er zuliess, im Zentrum haben, besinnt sich der Ich-Erzähler dieser Zeit der Aufbrüche und Enttäuschungen. In jedem Land muss er etwas zurücklassen, einen Freund, auf den er bauen kann, eine Sprache, in der er gerade die ersten ordinären Schimpfworte gelernt hat, und in jedem Land gewinnt er die verstörende Einsicht, dass der Augenschein trügt: In Italien sind die einfachen Menschen zu den unbehausten «ebrei russi» hilfsbereit und nachsichtig, aber auf dem Amt wartet eine Bestie auf sie. In Wien hingegen sind die Leute im allgemeinen unfreundlich, aber im einzelnen gemütlich, und die sich dort des Sohnes jüdischer Emigranten liebevoll annimmt, ist ausgerechnet eine alte Frau, die in ihrem Zimmer ehrfürchtig ein paar Devotionalien der Nazis hütet. Überall aber wird dem Neuankömmling abverlangt, sich einzufügen, mit seinen Ansprüchen zurückzustehen. Als der Knabe einmal in der Schule in eine Schlägerei gerät, belehrt ihn die Mutter: «Du bis nur ein Fremder in diesem Land. Vergiss das nie! Sogar wenn du dich prügelst, musst du nicht nur stärker, sondern auch fairer sein als die anderen.»
Während der Vater am einen Tag mit der ganzen Welt hadert und am nächsten schon voller Begeisterung von Norwegen, Dänemark und anderen Ländern spricht, in denen man «gut zu den Juden ist», hat alle Last die Mutter zu tragen. Eine promovierte Physikerin, verdingt sie sich als Putzfrau und ist doch bereit, es gleich wo auf der Welt gar nicht so arg zu finden. Und wenn ihr Mann wieder seinen moralischen Anfall bekommt und darüber lamentiert, dass es ihm, nur ihm zeitlebens um höhere Werte als Reichtum gegangen ist, dann wird von ihr gesagt: «Mutter lächelte und schwieg.» Joseph Roth hat von solchen Eheleuten in den ostjüdischen Schtetln erzählt, von Männern, die sich als Bibelgelehrte oder «Idealisten» verstanden, und starken, unermüdlich rackernden Frauen, die ihnen geduldig, wenn nicht stolz die Möglichkeit gaben, sich rücksichtslos um nichts als ihre hohen, mitunter hohlen Ideale zu kümmern.
Portalfiguren
Zwischen diese beiden Portalfiguren des Lebens ist der Erzähler gestellt, der seine Pubertät gewissermassen unterwegs erlebt und dessen Geschichte sich schliesslich fast zu einem Entwicklungsroman formt. Zu seiner Entwicklung gehört auch, dass er sich am Ende den Ansprüchen der Eltern entzieht, die ihr ruheloses Emigrantenleben nur auf sich genommen haben wollen, damit ihr einziger Sohn es einmal besser haben möge als sie. Dass er sie am Ende verlässt, um ausgerechnet in der österreichischen Provinz Wurzeln zu schlagen, verbittert sie und scheint ihnen den jahrelangen Kampf um eine Heimat nachträglich zu entwerten.
Vertlib erzählt von Dingen, die der glücklichen Mehrheit der Europäer absonderlich, kurios, erschreckend erscheinen mögen, indes sie doch für eine wachsende Anzahl von Menschen auch auf diesem Kontinent alltägliche Lebensrealität bedeuten. Er weiss gerade deswegen zu bewegen, weil er in der Düsternis Witz und Daseinslust aufleuchten lässt und seine Erzählung frei von moralisierendem Kommentar hält. Bis auf das missglückte Schlusskapitel ist es ihm glänzend gelungen, eine schwierige Jugend in leichter Prosa aufzuheben und gelassen, heiter, humorvoll von Wagemut, Verzweiflung, Bitternis einer Lebenswanderschaft zu erzählen.
Karl-Markus Gauss -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Doch Israel ist nicht das gelobte Land, das er sich erhofft und ausgemalt hatte. Bald verlassen sie es, ziehen nach Wien und stellen dort den Antrag auf Rückreise in die Sowjetunion. Der scheitert. In Österreich, der Geburtsheimat Hitlers, will der Vater auch nicht bleiben. So folgt die Ausreise nach Holland, Italien, zurück nach Israel dann wieder Wien, Amerika und schlussendlich, nach zehn Jahren Irrfahrt, lässt man sich doch in Wien nieder.
Die Heimat ist nirgendwo, schon gar nicht für den Vater, ein Phantast, der die Realitäten nicht wahrnehmen will, der immer vom gelobten Land träumt, das immer anderswo ist. Die Mutter, eine promovierte Mathematikerin und Physikerin, nimmt jede Stellung an, sie ernährt die Familie. Der Vater, unwillig, die Sprache des jeweiligen Gastlandes zu lernen, träumt derweil von der Ferne. Das Kind weiß nie, ob es morgen nicht in einem anderen Land leben wird, fern von allen Freunden, die es gefunden hat. Sie sind nicht die Einzigen, die keine Heimat finden, dafür aber gibt es überall Schicksalsgenossen. Gleich ob in Ostia bei Rom, Brigittenau in Wien oder in Brooklyn, überall gibt es Viertel, in den jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion leben. Hochqualifizierte Akademiker arbeiten als Hilfsarbeiter für jeden Lohn, hoffen darauf, dass ihre unsichere Stellung endlich einmal legalisiert wird. Jüdische Hilfsorganisationen in der Diaspora ermöglichen das nackte Überleben, mehr aber können auch sie nicht bewegen. Wer aus der Sowjetunion ausreisen durfte, wurde meist israelischer Staatsbürger. Und wem das nicht gefiel, der hatte Pech gehabt. Mit einem israelischen Pass galten sie nicht mehr als politische Flüchtlinge, waren nirgendwo willkommen.
Die Urne mit der Asche der Großmutter fällt im Gedränge der Straßenbahn in St. Petersburg zu Boden und zerbricht. Die Geburtstage der Eltern kombiniert der Jugendliche zu einer gefälschten Sozialversicherungsnummer für einen Bibliotheksausweis. Leider gehört die Nummer einer achtzigjährigen Farbigen.
In Wien trifft der Sechsjährige, einsam und allein, eine alte Nachbarin, die sich des Kindes annimmt. Jeden Nachmittag verbringt er bei der alten Frau. Die hat ihn gern und freut sich, wenn er kommt. Sie erzählt ihm Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Doch die kann das Kind nicht recht einordnen. Frau Berger ist nämlich immer noch glühender Hitler-Fan und schenkt ihrem Liebling ein Zigarettenetui mit der eingravierten Karte des Großdeutschen Reiches.
Für die sowjetische Kommunisten sind Juden höchst verdächtige Kleinbürger, für Exilrussen ist der Bolschewismus immer noch eine jüdische Erfindung.
Vladimir Vertlib erzählt mit trockener Ironie, einem einmaligen Sinn für die Hintertreppenwitze der Geschichte. Oft muss man laut auflachen und gleichzeitig bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Immer aber fesselt das Buch. Spannend wie ein Krimi, unterhaltsam wie einer der Familienromane von John Irving; kaum jemand versteht es derart perfekt Unterhaltung und große Literatur zu kombinieren. Und wie in „Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" und „Letzter Wunsch" erleben wir die Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert. Nur aus ungewöhnlicher Perspektive, aus Einzelschicksalen; skurrile und komische Szenen, die dennoch - oder grade deswegen? - mehr über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verraten als so manches Sachbuch.
Die Heimatlosigkeit und der Konflikt mit dem Vater bestimmen den Roman. Und im Hintergrund blitzt immer wieder die Shoa auf, die auf allen Erwachsenen lastet.
Fazit: Unterhaltung und Literatur pur. Wer dieses Buch nicht liest, ist selbst schuld!
(C) Hans Peter Roentgen
Ein hochqualifiziertes und gebildetes Ehepaar kann im Ausland keine entsprechende Arbeit bekommen, der Vater wird mit der Zeit zu faul oder zu frustriert um überhaupt auf die Suche zu gehen und treibt zum wiederholten Standortwechsel an. Die Mutter geht auch putzen und hat logistisch und organisatorisch das Heft in der Hand, fügt sich aber letztlich doch immer den Wünschen ihres Mannes. Und der Sohn, wächst in verschiedenen Ländern auf, in denen er dann wieder gehen muss, wenn er rudimentär die Sprache beherrscht. Er verliert seine Freunde immer und immer wieder, sieht Tode und lernt ehemalige Nazis kennen, ist in der Schule der Außenseiter und Sonderling und so fern.
Nur dank seiner naiven Erzählweise, die sehr an Imre Kertesz erinnert, kann dieser Roman eine Atmosphäre erzeugen. Obwohl hochgelobt, wird er mit der Anzahl der Seiten doch etwas tröge und stereotypisch und ist viel weniger Roman, als vielmehr eine Aneinaderreihung von Kurzgeschichten. Netter erzähltechnischer Ansatz, wenig Inhalt.
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