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Das Buch will die Gesamtsituation schildern, und bezieht sinnvollerweise die Vorgeschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland mit ein. Dieser oft vernachlässigte Kontext macht das allgemeine Wegschauen (nicht nur bei der "Sekte der Bibelforscher") und die ungwöhnliche Härte der Konfrontation verständlicher. Man erlebt die erschreckende und vor allem erschreckend schnelle Anpassung des Rechtssystems an den Führerstaat. Bei Zeugen Jehovas mag der Wertewandel besonders deutlich werden, weil sie in ihrer Tugendhaftigkeit selbst in den Augen ihrer zeitgenössischen Kritiker ein Ideal verkörperten, aber dennoch wegen ihrer Unvereinnahmbarkeit als Staatsfeinde verurteilt werden mussten.
Obwohl sich das Werk in der mittlerweile 4. Auflage eher der Position der Zeugen Jehovas angenähert hat (Garbe hatte ursprünglich keinen Zugriff auf die historischen Archive der Wachtturmgesellschaft), gehe ich davon aus, dass es kaum möglich ist, sich ein objektiveres Bild von der damaligen Situation zu machen, als mit diesem Buch. Während Autoren anderer Werk meist für sich persönlich entschieden haben, ob Jehovas Zeugen "gut" oder "böse" sind und dem Leser diesen Standpunkt untergeschoben wird, versucht Detlef Garbe die vielen schwer kategorisierbaren Eigenarten der Zeugen Jehovas und ihrer Verfolgung durch die Nazis unter Berücksichtigung der Theologie und der Geschichte der Zeugen Jehovas sachlich zu analysieren.
Obwohl dieses Kapitel der deutschen Geschichte grundsätzlich wenig Positives berichten kann, bereitet die Hilflosigkeit, mit der die Nationalsozialisten der religiös motivierten Ablehnung der totalen Vereinnahmung durch den Staat meist gegenüberstanden eine gewisse Freude. Trotz all des Leids.
Keine beliebige Aussteigerstory ist der Gegenstand, sondern die Geschichte der Zeugen Jehovas im "Dritten Reich". Doch wie
so oft lohnt ein Blick zurück.
Beginnend mit der Gründung der Religionsgemeinschaft wird deren Geschichte bis zum Ende des "Dritten Reiches" aus
verschiedenen Themenstellungen beleuchtet. Es ist eine historische Abhandlung, keine theologisch wertende. Der theologische
Background, ohne den weder die Zeugen Jehovas noch ihre Rolle als ein bevorzugtes Angriffsobjekt zu verstehen sind, wird
jedoch an den entscheidenden Stellen sehr gut dargestellt.
Ein Buch an der Schnittstelle von Geschichte und Religion, das aber ebenso wissenschaftskritisch ist. Garbe gelang es offenbar,
eine ganze Reihe von Daten und Sachverhalten zurechtzurücken. Immer wieder wird demonstriert, wie sorglos - auch in
wissenschaftlichen Texten - mit Daten umgegangen wird.
Obwohl es anspruchsvoll ist, ist das Buch immer wieder gut lesbar, teilweise sogar bewegend. Dennoch braucht das Buch
natürlich seine Zeit - es ist eben nicht der übliche Boulevard zu diesem Thema. Wer die Zeugen Jehovas verstehen will, dürfte belohnt werden.
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