Unbedingt empfehlenswert! Ich habe das Buch schon dreimal gelesen und jedes Mal hat es mich wieder fasziniert und ich habe neue Aspekte darin entdeckt.
Das Buch ist eine Pionierarbeit in der Entwicklungspsychologie. Aufgrund von Bildern aus Träumen, Imaginationen, Körperbotschaften, Reaktionen auf Klänge und Rhythmen entwickelt die Autorin ein eigenständiges Modell der frühen menschlichen Bewusstseinsentwicklung als Übergang von einem Zustand des Teilhaben an einer Ganzheit zu einem Eigen-Sein im Sinnlich-Körperlichen, der bereits pränatal anfängt und sich beim Säugling und Kleinkind fortsetzt. Die Autorin definiert die Ganzheitliche Seinsweise als apersonal, zeitlos und jenseits sinnlicher Wahrnehmung. Die Ich-bezogene Seinsweise wird als Anwesenheit im Eigenen, als Wahrnehmen und Senden von einem Ich aus, verstanden. Das Herausbilden einer Ich-Bezogenheit ist das wichtigste Ereignis früher menschlicher Entwicklung. Übergang meint diesen inneren Prozess, der die körperliche Entwicklung begleitet.
Zentral ist der Begriff der Ganzheitserfahrung. Der Zustand von Ganzheit ist älter als jedes Gefühl von Chaos und Finsternis. Die Erfahrung des Chaos beschreibt die Erfahrung vom Zwischenzustand des Überganges, der Ich-Werdung. Dies heisst auch, dass die Erfahrung des Urvertrauens (im Zustand der Ganzheit) älter ist als Urangst.
Ausgehend von Erfahrungen in therapeutischen Prozessen und persönlichen Erfahrungen versucht die Autorin das Nicht-Verbale in Bilder und Metaphern zu fassen. Das Kernstück des Buches bildet eine differenzierte Tabelle, die die verschiedenen Stufen menschlicher Bewusstwerdung zusammenfasst. Sie enthält die Themen der jeweiligen Stufen, charakterisiert die Erfahrung des Selbst und der Umwelt und beschreibt die dazugehörigen Bilder oder Metaphern. In einem Kapitel werden die einzelnen Stufen noch genauer erläutert und mit lebendigen Beispielen illustriert.
Viele Frühstörungen und Leidenszustände lassen sich darauf zurückführen, dass dieser Übergang nicht vollständig bewältigt wurde. Die einzelnen Bewältigungsmuster werden erkennbar gemacht. Das Buch enthält nicht nur ein Modell frühester menschlicher Entwicklung, sondern auch Hinweise über den Prozess therapeutischer Heilung. Ein Weg zurück und nach vorne, den man auch mit sich selbst immer neu gehen kann. Durch Ängste hindurch konstelliert sich neues Urvertrauen. Und da Urvertrauen aus einem spirituellen Angeschlossensein ans ganze resultiert, gibt es auch keinen Menschen, der es nicht in sich hätte ' nur ist es bisweilen wie zugeschüttet von Urangst. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie es sich reaktivieren lässt und dass Nachreifungsprozesse durch bewusstes Fühlen und Verbalisieren möglich werden. Weitere therapeutische Stilmittel sind Träume, Symbole, Gebärden und Riten.
Eindrücklich arbeitet die Autorin heraus, warum gerade Musik ' Rhythmus und Klang ' in diese frühen Schichten menschlichen Seins zurückführen kann. Durch ethnomusikologische Forschung lässt sich belegen, dass Musik oft den Prozess des Übergangs, vom Wachzustand in die Trance, begleitet.
Das Buch ist ein genialer Entwurf eines entwicklungspsychologischen Modells und bietet einen Fundus an Ideen und Anregungen sowie Hoffnung für die Arbeit mit frühgestörten und traumatisierten Menschen. Es ist auch das Menschenbild der Autorin und ihre persönliche Basis für ihre heutige Arbeit mit Schwerkranken und Sterbenden, denn auch dort geht es um die Frage, wie kann hinter dem Erleben im Ich mit seinen Bedürfnissen und Nöten etwas nochmals ganze Anderes, Heilsames, ein ngeschlossensein ans ganze neu erfahren werden. - Unbedingt empfehlenswert!