Der Historiker Jens Westemeier zeichnet in der vorliegenden Biographie ein kritisches Porträt des Ritterkreuzträgers und Oberst der Waffen-SS Joachim Peiper. Auf Grundlage intensivster Archivarbeit und neuester Dokumentenfunde, ergänzt durch zahlreiche Interviews, hebt sich das Buch wohltuend von üblicher Schwarzweissmalerei oder verklärter Heldenverehrung ab, ohne eine pauschale Verurteilung aller Angehörigen der Waffen-SS zu betreiben. Die Arbeit ist aber auch eine Revision des vor 8 Jahren veröffentlichten Buches Joachim Peiper des selben Autors. Dieser erklärt in seinem Vorwort, warum er zu einer völlig neuen Sichtweise kommt. Sehr differenzierend beschreibt der Autor den Lebensweg von Joachim Peiper, der während des Dritten Reiches in einer Organisation Karriere gemacht hat, deren Name noch heute als Sinnbild für das Dritte Reich steht: Der SS. Dem Leser wird verdeutlicht, dass ohne solche SS-Karrieren wie der von Joachim Peiper als Produkt, Träger und Zahnrad im SS-System, die Millionen Opfer der NS-Herrschaft nicht möglich gewesen wären.
Der Schwerpunkt des Buches liegt bei der Darstellung von Peipers Zeit im Zweiten Weltkrieg an den Brennpunkten der Fronten in Ost und West. Joachim Peiper stellte als Kommandeur in der 1.SS-Panzerdivision „Leibstandarte SS Adolf Hitler" den Prototyp eines Führers der Waffen-SS dar. Unerschrocken, sich selber niemals schonend, avancierte er in kürzester Zeit zu einem brillanten Führer und Taktiker von gepanzerten Verbänden. Das Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern, das Deutsche Kreuz in Gold und die silberne Nahkampfspange zeugen von seinen Einsätzen und seiner persönlichen Tapferkeit. Peipers Name bleibt jedoch besonders mit dem Angriff seiner Kampfgruppe während der Ardennenoffensive 1944 und einem der bekanntesten Kriegsverbrechen, das Malmedy-Massaker, verbunden. Erstmals werden in einem eigenen Kapitel Hintergrund und Tatvorgang der Vorgänge bei Malmedy erklärt.
Als Angehöriger der Waffen-SS war Peiper aber alles andere als ein „Soldat wie andere auch". Peipers Tätigkeit als 1. Adjutant von Heinrich Himmler zeigt deutlich die Schwierigkeit einer klaren Abgrenzung der Waffen-SS zu den Organen der SS, die verantwortlich für die Verbrechen des NS-Regimes waren. So zeigt die vorliegende Biographie erstmals Peipers private Vertrautheit mit seinem Mentor Heinrich Himmler und sein frühes Wissen von den Verbrechen der SS in Polen und der Sowjetunion.
Interessant ist auch die Darstellung der gesellschaftlichen Verhaltensmuster in der jungen Bundesrepublik für die NS-Täter der „zweiten Reihe". Joachim Peiper steht dabei für die Angehörigen der Waffen-SS, die nach dem Krieg durch ihre Vergangenheit nie mehr zur Ruhe finden sollten, und die im Nachkriegsdeutschland zum „Alibi einer Nation" wurden. 1976 fand mit einem gewaltsamen Tod das Leben von Joachim Peiper ein tragisches Ende.
Negativ sei zu erwähnen, dass der Autor hin und wieder unterschwellig dem Zeitgeist huldigt. Man muss jedoch sagen, dass er dabei nicht moralisierend oder mit Zeigefingermentalität pädagogisch auf den Leser einwirken will. Das Personenregister sollte mit Seitenzahlen versehen, sowie Karten der Kriegsschauplätze zur besseren Orientierung eingearbeitet werden.
Fazit: Das Buch ist trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs flüssig und spannend geschrieben, akribisch recherchiert und nicht nur für den rein militärhistorisch interessierten Leser absolut zu empfehlen. Die Arbeit wird zu einer Verabschiedung vom Mythos Joachim Peiper als Ikone der Waffen-SS führen und viel Stoff für weitere Diskussionen liefern.