Wissen allein genügt nicht...daher ist der Untertitel "Was Eltern über Jungen wissen müssen" eher irreführend. Hier kommt es nämlich nicht allein auf das WISSEN, sondern auf Erfahrung und Begegnung an, welche hier aber Gott sei Dank auch ausführlich in dem komplexen Buch dargestellt und damit greifbar werden.
Der Herausgeber Lu Decurtins weist einen breiten kulturellen Hintergrund auf. Er verfügt über längere Lebenserfahrungen in Südamerika, Asien und Europa, ist Diplom-Sozialpädagoge, Supervisor und Vater von einer Tochter und zweier Söhne.
Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Jungenarbeit und hat für diesen Sammelband unterschiedliche Fachleute gefunden, die über unterschiedliche Aspekte des Jungenseins berichten.
Hierbei geht es von der Bedeutung der Frauen sowie der Männer für die Jungen, die Stiefelternschaft, die Körpergrenzen und die Hyperaktivität; ehe im dritten Abschnitt die Schule und die multikulturelle Welt eine größere Rolle spielen.
Das Thema Gewalt wird hier vom Grundsätzlichen angegangen und im Besonderen im Hinblick auf das Opfer werden von sexueller Gewalt und die Unsicherheit von Jungen.
Das Thema Geschlechtsreife wird nicht nur auf Sexualität an sich bezogen, sondern auch auf eine andere geschlechtliche Orientierung. Im nächsten größeren Kapitel kommen drei Risikofaktoren zum Tragen: Cyberspace, Genuss- und Suchtmittel sowie generelles Risikoverhalten wie beispielsweise im Straßenverkehr.
Übergangsrituale und die Ablösungsphase bilden dann die Abschlussthematik dieses Sammelbandes.
Man wird überrascht sein, wie klar, ohne Umschweife Jungen in den Mittelpunkt gestellt werden, wie man sich zwischen notwendigem Hintergrundwissen udn praktischen Alltagsvorschlägen bewegt und wie gut die einzelnen Passagen aufeinander abgestimmt sind. Auch wenn man sich mehr Graphiken gewünscht hätte sowie mehr gebündelte Internetlink-Hinweise im Anhang, ist das Buch ein Praxisbuch schlechthin! Neben der verwendeten, vielfach ausgesprochen aktuellen Literatur, werden in einem Extra-Abschnitt kommentierte Literaturhinweise gegeben. Das Stichwortgregister hätte etwas differenzierter sein dürfen. Dafür lernt man im Autoren/-innenverzeichnis die Hintergründe der Beitragsschreiber/-innen ausführlicher kennen. So sind die Autoren/-innen vom beruflichen Hintergrund her aus den Bereichen Psychologie, Supervision, Sozialpädagogik, Sexualpädagogik, Philosophie, Soziologie, Theologie, Kriminologie und Pädagogik. Sie arbeiten sowohl in der Lehre als auch in der Projekt-, Präventionsarbeit oder im therapeutischen Kontext. Es ist ein Verdienst des Herausgebers, auch drei Autorinnen eingebunden zu haben. Außerdem hat er Autoren/-innen sowohl mit Kindern als auch ohne Kinder berücksichtigt.
Damit ist es Lu Decurtins gelungen, einen breiten Erfahrungsraum für die verschiedenen Aspekte des Jungenseins darzustellen.
Ein Begegnungs- und Erfahrungsratgeber, der zwischen Kuscheln und Gewalt eine ungewöhnliche Palette bietet. Diese sollten Mütter und Väter gleichermaßen "auf Lager haben", wenn sie sich den immer wieder anderen Herausforderungen mit Jungen stellen wollen und müssen. Man wird erstaunt sien, was sich im Lager zwischen Superman und Teddybär noch so alles finden lässt!