Es ist ein erfrischendes, allgemein verständliches Buch, welches viele grundlegende Themen und kritische Fragen zum Menschen und dessen geistiger Entwicklung aufwirft, und so zum spannenden Perspektivwechsel einlädt.
Die praxisorientierten Berichte im mittleren Teil des Buches, werden von einem vorhergehenden und nachfolgenden Theorieteil umsäumt.
Zentrum des Buches ist das Wechselspiel zwischen neurobiologischen Prozessen und dem Bewusstsein bzw. der Innenwelt des Menschen, ohne welches geistige Entwicklung nicht denkbar wäre. Prof. Zimpel beschreibt, um nur ein paar Stichworte zu geben, anhand von griffigen Beispielen, die Problematik zwischen Subjektivität und Objektivität oder Normalität und Besonderheit. Mit systemischem und kulturhistorischem Hintergrund zeigt er das Potential der bewusst ergriffenen und bejahenden Subjektivität auf, die sich sonst nur allzu gern hinter vermeintlicher Objektivität versteckt.
Anhand eindrücklicher Berichte (wie z.B. aus der Arbeit mit Zwängen, Epilepsie oder Narkolepsie) zeigt das Buch, welche Entwicklungsschritte mit der Systemischen Syndromanalyse erreicht werden können. Der Leser lernt so, die Idee und den pädagogischen Wert der Systemischen Syndromanalyse konkret verstehen.
Die Hauptidee der Systemischen Syndromanalyse besteht im sinnvollen Perspektivenwechsel folgender Perspektiven: Außen-, Innen-, Superbeobachtung, Selbstreflexion und Pädagogischer Idee. Interessant erachte ich den Leitgedanken, dass es von der Person und deren Perspektive abhängt, was diese Person wahrnimmt und dass ein Perspektivwechsel die Wahrnehmung erheblich verändern kann. Spannend finde ich die Tatsache, dass der Mensch jederzeit seine eigene Perspektive ändern kann, wenn er denn will. Diese Selbststeuerung ist ein Thema der in diesem Buch oft zitierten Kybernetik zweiter Ordnung Heinz von Försters.
Ein gewichtiges Ziel Prof. Zimpels besteht in der harmonischen Stimmigkeit zwischen der Achtung der Differenz und dem pädagogischen Optimismus. Die systemische Syndromanalyse scheint ein geeignetes Instrumentarium zu sein, sich diesem Ziel bewusst nähern zu können.
Ein wichtiges Verdienst dieses Buches besteht darin, dass es aufzeigt, dass die objektive naturwissenschaftliche Herangehensweise, wie sie auch der Ingenieursmathematik eigen ist, bei der Lösung (schwieriger) pädagogischer Fälle an ihre Grenzen kommen kann. Prof. Zimpel differenziert, so trivial das klingen mag, zwischen toten und lebenden Systemen. Während in der Bearbeitung von toten Systemen die Ingenieursmathematik hilfreich und angebracht ist, so ist sie es, laut Prof. Zimpel, nicht bei lebenden Systemen. Bei letzteren schlägt er vor, die von ihm erarbeitete Humanmathematik anzuwenden, welche mit Unvorhergesehenem rechnet. Schließlich ist bei lebenden, flexiblen Systemen die Zukunft nun einmal offen. Diese Humanmathematik hat Prof. Zimpel ausführlich in seiner Monographie, "Der zählende Mensch", ebenfalls bei Vandenhoeck & Ruprecht 2007 erschienen, beschrieben.
Wird im Umgang mit Menschen beispielsweise in der Pädagogik dennoch die Ingenieursmathematik angewandt, können leicht normierende Prozesse dabei herauskommen. Das Buch zeigt anschaulich, dass es sich bei dem beliebten, der Norm entsprechenden "Lieschen Müller" oder "Otto Normalverbraucher" um ein Missverständnis handelt, sind doch diese "Normalen" untereinander unterschiedlicher als man es glauben mag.
Der pädagogische Versuch, alle Menschen in die gleiche Norm zu bringen, passt - dem Buch zufolge - nicht mit dem subjektiven Erleben des Einzelnen Menschen zusammen. Daher schlagen die Autoren vor, - und sie berichten, wie sie vorgegangen sind, und was dabei herausgekommen ist - sich bewusst auf das subjektive Erleben, auf das Innenleben der verschiedenen Individuen einzulassen, um erahnen zu können, was wohl der Sinn ihres - von außen vielleicht so unnütz erscheinenden - Verhaltens sein könnte.
Eine wichtige Annahme der Autoren ist die, dass jedes Verhalten Sinn macht. Daher ist es wichtig, das jeweilige dahinter liegende Motiv zu erkennen. Von diesem Gesichtspunkt aus wird es einleuchtend, dass es hilfreich ist, zwischen der Außen- und Innensicht zu unterscheiden, um letztlich aus der Perspektive der Superbeobachtung zu neuen pädagogischen Ideen zu gelangen.
Somit plädiert Prof. Zimpel für eine Herangehensweise, oder besser für eine Haltung, welche sich für Neues, Unberechenbares öffnet, weil gerade hierin - wie die Erfahrung zeigt, - oft ein Ausweg aus festgefahrenen Mustern gefunden werden kann. Prof. Zimpel plädiert hierbei dafür, die Entwicklung zu eigenständigen Selbststeuerungsprozessen zu fördern bzw. zu unterstützen. Damit greift er die selbststeuernden Prozesse auf, wie sie Heinz von Förster in der Kybernetik zweiter Ordnung beschrieben hat. Aus dieser Perspektive bietet sich die Chance zur Selbstveränderung, zur Überwindung alter ungünstiger Gewohnheiten. Es freute mich, als ich zum Schluss des Buches der Gedanke der Freiheit hervorgehoben vorfand.
Dies Buch ist kein Rezeptbuch für "Sicherlinge", sondern es will pädagogische Ideen präsentieren und all jene Menschen ermutigen, die bereit sind, in der jeweiligen pädagogischen Situation ihren eigenen Weg zu (er-) finden.