Es ist kein Buch das sich mit dem Islam im Allgemeinen auseinandersetzt. Grundsätzliche theologische Prämissen oder Positionen des Islam als Religion werden weder hinterfragt, kritisiert noch verteidigt. Das Ziel des Buches war auch ein ganz anderes ' nämlich das bis dato umfassendste Buch über den politischen Islam in Österreich zu schreiben: über die Ideologien die die unterschiedlichen Gruppen des politischen Islam propagieren, ihre Organisationen, ihre Akteure und Strukturen. Dies ist ihnen ' gleich vorweggenommen ' auch gelungen.
Ein weiteres Hauptanliegen ihres Werkes ist es, die Vielfalt und Widersprüchlichkeit aufzuzeigen, welche die innerislamischen Auseinandersetzungen prägen und sich auch in der islamischen Geschichte zeigen. 'Der Islam' sei kein Monolith und 'die Muslime' keine 'homogene Gruppe', wie sie im gesellschaftlich-politischen Diskurs gern sowohl von verschiedenen rechten Gruppierungen, als auch von Verfechtern des Multikulturalismus gesehen werden.
Einleitend versuchen die Autoren, Klarheit und Struktur in gewisse Begrifflichkeiten zu bringen, die seit 9/11 die Debatte um den Islam prägen, so z.B.: 'fundamentalistisch', 'islamistisch' oder 'dschihadistisch'. Schmidinger verwendet, wie auch schon am Titel seines Buches zu erkennen, durchwegs den Begriff 'politischer Islam' für alle ideologischen Ausprägungen, welche den Islam als Richtschnur ihres politischen Handelns verstehen und eine Islamisierung von Gesellschaft und Politik anstreben. Zur Differenzierung verwendet er dabei noch die Unterkategorien 'fundamentalistisch', 'integralistisch', 'reformistisch', 'revolutionär', 'dschihadistisch', oder 'terroristisch'.
Auch die Ideologemen des politischen Islam werden thematisiert, welche Schmidinger vor allem in Ablehnung bzw. Feindlichkeit gegenüber bestimmten politischen oder kulturellen Konzepten ortet: Antisäkularismus, Antisemitismus, Antiliberalismus, Antikommunismus, Antiamerikanismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie, wobei dem Antisemitismus der größte Teil dieses Kapitels gewidmet ist.
Die Geschichte des Islams in Österreich ' von der Okkupation Bosnien-Herzegowinas im Jahre 1908 bis zum Entstehen der heutigen 'Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich' ' bietet schließlich den historischen Hintergrund für die aktuelle Diskussion. Dem gegenübergestellt ist ein kurzes Kapitel über die Begrifflichkeit und die Bedeutung des 'Säkularismus' für den modernen Staat.
Organisierter Islam in Österreich
Der Hauptteil des Buches liefert einen detaillierten Überblick über die Strukturen des 'politischen Islam' und seine Vernetzungen in Österreich. Gegliedert ist er nach dem jeweiligen Migrationshintergrund der Organisationen und Akteure. Dabei spielt arabischer, türkischer, bosnischer, indischer, pakistanischer, afghanischer, schiitischer und mehrheits- österreichischer Migrationshintergrund eine Rolle. Zuerst wird jeweils die Entwicklung des politischen Islam in den Herkunftsländern beschrieben, was zu einem besseren Verständnis der politischen Situationen in den islamischen Ländern allgemein, wie auch dem Entstehen der einzelnen Gruppen und Organisationen in Österreich beiträgt, welche im Anschluss daran porträtiert werden.
Abgerundet wird dieser Band noch durch einen gemeinsamen Beitrag mehrerer junger, überwiegend muslimischer AutorInnen über die Problematik des 'politischen Islam' innerhalb der offiziellen 'Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich' (IGGiÖ). Hierbei werden die, der interessierten Öffentlichkeit seit längerem bekannten Kritikpunkte an der IGGiÖ analysiert, wobei sich das Autorenteam um höchste Objektivität bemüht und auch Vertreter der IGGiÖ zu Wort kommen lässt. Neben der politischen Struktur und der Frage der Repräsentation werden besonders auch der islamische Religionsunterricht, die 'Muslimische Jugend Österreichs' und die Biographien einiger umstrittener IGGiÖ-Protagonisten beleuchtet.
Ein klares Bild der Verhältnisse
Dem Autorenteam ist mit diesem Buch wirklich die bis heute umfassendste Recherche über das System des 'politischen Islam' in Österreich gelungen, in welches bis dato nur eine Handvoll aktiver Journalisten oder der Verfassungsschutz Einblick hatten. Es ist ihnen zu verdanken, dass dieses Wissen nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, obwohl natürlich klar ist, dass sie damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben bzw. dies gar nicht können, da sich diese Netzwerke ständig im Umbau und Veränderung befinden.
Ohne bewusst verschönern oder diabolisieren zu wollen, zeigen sie eine Bestandsaufnahme, welche hoffentlich jene Politiker, Journalisten oder Bürger Lügen strafen wird, welche noch immer behaupten, dass es in Österreich kein Problem mit dem (politischen) Islam gäbe. Auch das Bild der IGGiÖ, als fern jeder Strömung des 'politischen Islam', wird zurechtgerückt. In diese Richtung gab es großen Bedarf, da nicht nur unkritische Journalisten und Politiker, in der IGGiÖ ein Vorzeigemodell eines 'gemäßigten, liberalen oder säkularen Islam' sehen, welches man auch ins europäische Ausland 'exportieren' solle.
Zu aufgesetzte Objektivität führt zu zu wenig Kritik
Neben all diesem höchstverdienten Lob für ihr Werk müssen einige Prämissen, Positionen bzw. Schlussfolgerungen des Autorenteams aber auch einer gewissen Kritik unterzogen werden - deswegen auch "nur" 4 Sterne! Denn bisweilen wirkt ' angesichts der Faktenlage dieses Buches ' die Objektivität manchmal 'aufgesetzt' und einige wichtige Schlussfolgerungen lassen eine gewisse Klarheit vermissen oder sind schwammig in ihrer Diktion.
Angesichts der massiven Mißstände die in diesem Buch ja deutlich aufgezeigt wurden, hätte man auch klarere und kritischere Worte finden müssen. Auch Forderungen in Richtung der Politik wären sehr begrüßenswert gewesen, zumal ja den Autoren noch weit mehr Fakten bekannt sind, als jene auf die im Buch explizit eingegangen wurde.
Was für den Leser vielleicht auch nicht ins Detail nachzuvollziehen ist, ist die an einigen Stellen des Buches wiederkehrende Behauptung, dass lediglich eine geringe Zahl von Muslimen Anhänger des 'politischen Islam' wären. Ohne hier das Gegenteil beweisen zu können oder zu wollen, muss man sich dennoch fragen, wie die Autoren zu diesem Schluss kommen, wenn man die geschätzten Mitgliederzahlen aller im Buch angeführten Organisationen und Gruppen zusammenzählt und sich vor Augen führt, dass einige grosse islamische Vereine trotz klarer politischer Ausrichtung in NICHT zum "politischen Islam" gerechnet wurden. Trägt man diesen Fakten Rechnung dann kommt man gesamt wohl auf einige zigtausend Anhänger eines 'politischen Islam' in Österreich. Und das sollte nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum HANDELN bewegen!
In diesem Sinne, kann man nur hoffen, dass besonders viele Politiker und Journalisten, sowie auch kritische Bürger dieses Buch lesen, sich damit auseinandersetzen und dem 'politischen Islam' im Sinne der Demokratie, der Menschlichkeit und im Sinne aller wirklich säkularen und aufgeklärten Muslime entgegentreten werden.