Neue Zürcher Zeitung
Männerbund rox. Die an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Kulturwissenschafterin Ulrike Brunotte hat sich in einer sorgfältig edierten Studie mit dem modernen Kult der Männlichkeit in Deutschland auseinandergesetzt. Um 1900 sei eine Radikalisierung der vormaligen «Jugendkultur» in Richtung Männlichkeitskult und Kriegsethos festzustellen. Aus den Jugendbünden, die ihr Heil in der Natur suchten, entwickelte sich ein Jünglingsideal, das sich an einem kriegerischen Opferkult berauschte, beeinflusst etwa von Rilkes «Cornet» und Nietzsches Philosophie. Ein aufschlussreiches Kapitel widmet Ulrike Brunotte dem schlesischen Schriftsteller Hans Blüher (18881955), der mit seiner These, dass die Grundstrukturen des Staates und der Gesellschaft alle auf mann-männlichen Freundschaftsbeziehungen bestünden, wesentlich zum männerbündischen Denken beitrug.
Kurzbeschreibung
In ihrer Studie zeigt Ulrike Brunotte, wie das "Gespenst der Homoerotik" zusammen mit der Angst vor einer Feminisierung der Politik die deutschen Männerbünde bestimmt hat und ein Feindbild entstand, in dem sich Antifeminismus und Antisemitismus verbanden. Im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen um 1900, die auch die Geschlechteridentitäten erschütterten, entwickelten sich Vorstellungen von hyperviriler Männlichkeit, die den vermeintlichen Bedrohungen einer als "weiblich" und zugleich "jüdisch" empfundenen Kultur der Moderne widerstehen sollten.
Detailliert zeichnet Ulrike Brunotte nach, wie in den Diskussionen um "Männlichkeit" auf ein Ideal des "wilden Kriegers" und auf stammesgeschichtliche Initiationsriten zurückgegriffen wurde.
Und zum ersten Mal widmet sich eine Studie so ausführlich dem Berliner Psychologen Hans Blüher, der die ganze Ambivalenz dieses Männerbundmodells - das vom Wandervogel bis zu SA und SS gewirkt hat - offenbarte, als er nach der Rolle des Eros in der männlichen Gesellschaft fragte.
In ihrer eindrucksvollen Analyse räumt die Autorin der Literatur einen besonderen Raum ein.