Diesmal, da war er sich sicher, würde er gewinnen. Der Elfjährige bleibt unter Wasser, bis er nur noch an eines denken kann - atmen. In letzter Sekunde stößt er sich vom Grund ab, kommt, so schnell es geht, an die Oberfläche. Doch Lisa lässt ihn auch beim Tauchen nicht siegen. Lieber bleibt das Mädchen so lange unter Wasser, bis es ohnmächtig wird. Ihr Zwillingsbruder muss es vor dem Ertrinken retten. Schon als Kind ist Paul Seligs Zwillingsschwester gewitzter, schneller, geschickter, klüger und Liebling der Erwachsenen. Alle sind fasziniert von Lisas unfassbarer Energie. Ihr Bruder steht stets in ihrem Schatten; sie demütigt ihn, wo sie nur kann.
Auch 30 Jahre später hat sich daran nichts geändert: Lisa Westphal sitzt in der Schaltzentrale der politischen Macht und ist inzwischen die rechte Hand des Innenministers, während Paul Selig als erfolgloser Kripobeamter tätig ist. Als mehrere Terroranschläge Berlin erschüttern sind beide wieder im Spiel": Der Loser Paul wird zu seinem eigenen Erstaunen als führender Ermittler eingesetzt. Lisa soll für den Innenminister die Wogen wieder glätten, für die drei U-Bahn-Attentate in der Bevölkerung gesorgt haben. Schließlich ist bald Wahltag. Doch die taffe Karrierefrau tut nichts, was ihr nicht selber nutzt, und wird für einige politische Drahtzieher sehr gefährlich.
Zwillingsspiel" heißt der erste Roman von Markus Stromiedel. Ein deutscher Polit-Thriller, der durch packende Spannung und eine aufrüttelnde Bildersprache beeindruckt. Vor dem Leser läuft ein temporeicher Film ab. Beschreiben - ja, das kann der Autor, der in der Vergangenheit bereits zahlreiche Drehbücher für erfolgreiche TV-Krimiserien (Tatort, Stubbe) lieferte.
Stromiedel nimmt seine Leser mit zum Ort des Bombenattentats, wo ein grotesk verbogener Schienenstrang einer modernen Skulptur gleich in den Himmel ragt. Nüchtern erzählt er von einer abgerissenen Hand, deren rot lackierte Fingernägel durch die graue Schicht aus Dreck, Staub und Blut leuchten, und von einem völlig überforderten Kommissar, der sich am Tatort als erstes übergibt.
Beunruhigend, weil so realistisch, ist das Buchszenario nicht nur, wenn die Attentate geschildert werden. Auch von der Gefühllosigkeit der Menschen, die politische Verantwortung tragen, kann einem angst und bange werden. Die Anschläge werden islamistischen Extremisten zugeschrieben. Auch hier sind die Folgen erschreckend: In Berlin gehen ganz normale Bürger zum Protest auf die Straße. Dönerläden und arabische Teehäuser werden zerstört, Menschen muslimischer Herkunft verprügelt, hasserfüllt sind die Parolen der Demonstranten, die die Ausweisung aller Muslime aus Deutschland fordern.
Mehrere Handlungsstränge ziehen sich durch das Buch, die Stromiedel raffiniert miteinander verknüpft. Nur bei der Auflösung der zum Ende hin leider arg konstruiert wirkenden Story überzeugt nicht mehr alles: So arbeitet beispielsweise ein Patient einer psychiatrischen Anstalt in einem Archiv, in dem sämtliche Daten ehemaliger Kranker gespeichert sind. Er kann die Unterlagen sogar an sich nehmen und frühere Patienten damit erpressen.
Selbstzweifler Paul Selig wandelt sich nach und nach vom unsicheren Kripobeamten zum erfolgreichen Ermittler. Doch bis es soweit ist, muss er zahlreiche tragische und gefährliche Situationen durchstehen. Am Schluss gewinnt er zum ersten Mal im Wettbewerb gegen seine egomanische Schwester - ein persönliches Drama.