Shimmer Chinodya ist leider nicht der einzige der zahlreichen afrikanischen Autoren, die in ihrer Heimat hochangesehen, hierzulande aber fast unbekannt sind. Dabei bietet die Literatur des schwarzen Kontinents eine Vielzahl an hochinteressanten Werken, die zum Glück von einigen engagierten Verlagen auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden. So auch "Zwietracht", das der 55 jährige Chinodya 2006 veröffentlicht hat und nun beim Heidelberger Wunderhorn Verlag vorliegt.
Der Roman ist ein Familienepos, ein Dynastieroman, der sich über einen Zeitraum von 170 Jahren erstreckt. Geschildert wird das Schicksal der Familie Gwanangara in zwei Handlungssträngen. Der Gegenwartsteil erstreckt sich von 1980 bis in die Gegenwart, paralel wird die Vorgeschichte von 1830 bis 1979 erzählt. Es ist eine Zeit der rasanten Veränderungen. Der Vorfahr Zevezeve lebt noch ganz in der traditionellen Welt des Shona Volkes, eingebettet in die bäuerlichen Gemeinschaften mit ihren Ritualen und mystischen Vorstellungen. Doch seine Enkel erleben den Wandel in die Moderne. Tachiona und Dunge gehen auf von Missionaren geführte Schulen, der Kolonialismus weicht das traditionelle Dorfleben auf, die uralten familiären Bindungen beginnen zu bröckeln. Während Tachiona auf dem Land bleibt, geht Dunge nach Harare und wird Schuhverkäufer. Seine Söhne studieren und die Familie gehört zur Mittelschicht. Aber in der Familie geschehen seltsame Dinge. Zwei der Söhne leiden unter mysteriösen Krankheiten, die sich vordergründig als Epilepsie bzw. Schizophrenie beschreiben lassen. Für die Familie steht jedoch ausser Frage, dass die Krankheiten durch Vorfahren ausgelöst werden, die ruhelos umherwandern und die Betroffenen heimsuchen. Hilfe sucht man bei traditionellen Heilern, die aber auch nicht helfen können.
Der Wandel, den die Gwanangaras durchleben, ist zum einen ökonomisch und zum anderen familiär. Die traditionelle Dorfwelt der Shona löst sich auf, ebenso ist auf die privaten Bindungen zunehmend weniger Verlass. Diese Veränderungen hinsichtlich des Gelderwerbs wie der Lebensformen erinnern etwas an Thomas Manns Buddenbrocks. Allerdings ist Zwietracht kein politischer und auch kein ökonomischer Roman, vielmehr ist es die faszinierende Innenansicht des Shona Volkes mit seinen religiösen und ethischen Vorstellungen, was für den europäischen Leser nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen ist. Auch die vielen fremdartigen Begriffe und Namen erfordern Geduld vom Leser, zumal eine "spannende" Handlung nicht geboten wird. Wer das Buch dennoch liest wird belohnt mit einer hochinteressanten Schilderung einer unbekannten Kultur und lernt Afrika jenseits aller Klischees besser zu verstehen.